Hinterm Horizont

Gibt es ein Leben nach dem Tod, ein Bewusstsein, das nicht an Materie, Raum und Zeit gebunden ist, das also gewissermaßen unsterblich ist? Glaubt man den Berichten über Nahtoderfahrungen, ist das Leben mit dem Sterben unseres Körpers nicht vorbei. Esoterisches Geschwätz, meinen die einen, ein radikaler Neubeginn, glauben andere. Zu bedenken ist: Die geistige Dimension des Lebens zu ignorieren spielt jenen in die Hände, die sich an unserer Angst und dem Gefühl unserer Belanglosigkeit zu bereichern wissen.

Hilfe, wir werden immer älter! Statistisch gesehen werden heute in Deutschland Männer 79 und Frauen 84 Jahre alt. Auch wenn die Lebenserwartungskurve bereits wieder rückläufig ist, haben viele von uns mit einem langen Leben zu rechnen. Doch was machen wir mit all dieser Zeit? Wenn Kinder und Enkelkinder groß sind, die Briefmarkensammlung komplett ist und Kreuzfahrten uns als Umweltignoranten outen? Was machen wir, wenn unsere Kreise immer enger werden und wir immer mehr auf uns selbst zurückgeworfen sind, wenn der Tod näher rückt und mit ihm die Frage, wer man eigentlich gewesen ist?

Anstatt ins Vergessen zu flüchten, können wir uns jetzt gemütlich eine Tasse Tee kochen und überlegen. Was ist da passiert? Wie war das eigentlich alles wirklich in meinem Leben? Habe ich das gelebt, was ich wollte? Habe ich nach meinen Werten und Vorstellungen gehandelt? Habe ich meine Wünsche und Träume gelebt? Im Angesicht der nahenden Stunde der Wahrheit können wir jetzt ganz ehrlich mit uns sein, um mit möglichst leichtem Gepäck auf die ganz große Reise zu gehen.

Übereinstimmende Nahtoderfahrungen

Es scheint nicht vorbei zu sein mit unserem letzten Atemzug. Die Menschen, die eine Nahtoderfahrung hinter sich haben und davon berichten, zeugen davon: Offensichtlich geschieht etwas, nachdem wir unseren Körper verlassen haben. Diejenigen, die sozusagen hinter den Vorhang geschaut haben, sind inzwischen so viele, dass man ihre Erzählungen nicht mit einer lapidaren Handbewegung vom Tisch wischen kann.

Im Sterben vollzieht sich etwas, was im Leben bisher unmöglich scheint: In allen Kulturkreisen, allen Altersgruppen, allen Glaubensrichtungen, ob Atheist oder tief religiös, ist man sich grundsätzlich einig. Alle berichten von ähnlichen Erfahrungen: Das sich erhebende Bewusstsein, der Blick auf die Sterbeszene, der Tunnel mit dem Licht am Ende, der wohlwollende Empfang, die unbeschreiblichen Farben, Formen und Klänge, schließlich das Durchleben und Nachempfinden dessen, was andere durch unser Wirken empfunden haben, und die Frage: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Warst du glücklich?

Universales Bewusstsein

Nach einer solchen Erfahrung wollen die meisten nicht in diese Welt zurück. Die Rückkehr wird als brutal und schmerzhaft empfunden. Doch aus Angst, für verrückt erklärt zu werden, wagen es viele auch heute noch nicht, über Erfahrungen zu sprechen, für die der rationale Geist seine Erklärungen hat: Nahtoderfahrungen sind nichts weiter als Halluzinationen eines agonisierenden Gehirns, eine letzte Gnade, die uns zuteilwird, bevor das Licht ausgeht.

Der Neurochirurg Eben Alexander sieht es anders. Nach einer schweren Meningitis fiel er selbst sieben Tage lang ins Koma und erlebte, was ihm bis dahin undenkbar schien (1). Es ist bekannt, dass Komapatienten wahrnehmen können, was um sie herum geschieht. Doch die Erfahrung von Eben Alexander geht weiter. Er kehrt mit der Gewissheit zurück, dass wir alle unsterblich und Teil eines universalen Bewusstseins sind. Er führt den wissenschaftlichen Beweis, dass unser Bewusstsein nicht an das Gehirn gebunden ist und — losgelöst von unserer materiellen Hülle — nach unserem Tod weiter existiert.

Pseudowissenschaft und esoterischer Humbug?

Wie alles, was nicht dem materialistisch-kapitalistischen Weltbild entspricht, wertet die zum Monopol aufgestiegene Enzyklopädie Wikipedia auch die Arbeit von Eben Alexander als pseudowissenschaftlich ab. Denn wo kämen wir hin, wenn wir anfingen, unser Bewusstsein zu pflegen? Was würde passieren, wenn wir nicht mehr glauben, dass mit dem Tod unseres Körpers alles vorbei ist? Würden wir dann weiter so achtlos konsumieren? Wenn wir davon ausgehen, dass wir das, was wir anderen antun, eines Tages selbst durchleben müssen, würden wir anderen Lebewesen so rücksichtlos Leid zufügen?

Wenn die Menschen beginnen würden, sich nicht mehr nur für Körper und Konsum, sondern für ihre Seelen zu interessieren, würde unsere Zivilisation sich grundlegend verändern. Unser gesamtes Wirtschaftssystem würde in sich zusammenbrechen. Da ist es nur verständlich, dass alles versucht wird, uns von der Nichtexistenz der geistigen Welt zu überzeugen.

Seele, universelles Bewusstsein, Leben nach dem Tod — alles esoterischer Humbug. Unsere Welt ist aus Stahl und Beton gebaut. Da ist wenig Platz für Subtiles, Fließendes, Poetisches. Es geht um Handfestes, Geschäftliches, Gewinnbringendes. In unserer Welt regieren rigorose Logik und kühle Berechnung, scharfer Verstand und rücksichtslose Härte.

Unterstützen des Status Quo

Wenn wir das nächste Mal beim Thema „Leben nach dem Tod“ abfällig lächeln und uns der Existenz des Nichtmateriellen gegenüber verschließen, sollten wir uns fragen, welchen Mächten wir damit in die Hände spielen. Alles, was uns nichtig und begrenzt hält, macht uns gefügig. Wir sind nichts wert, ein Staubkorn in der Wüste, hinausgeworfen in eine sinnlose, feindliche Welt, in der der Stärkste, der Lauteste und der Gewiefteste alle Rechte haben. Trost vor unserer eigenen Bedeutungslosigkeit finden wir nur im Konsumieren marktschreierisch feilgebotener Güter und Dienstleistungen internationaler Giganten.

So sind wir potentiell zu allem bereit, ähnlich wie jene, die sich mit der Aussicht auf 72 Jungfrauen in den Märtyrertod treiben lassen. Beide Extreme haben vor allem eines zur Folge: die Missachtung und Zerstörung des Lebendigen. Während wir die andere Seite als blinde Fanatiker stigmatisieren, halten wir uns selbst für aufgeklärt. Uns fängt man nicht mit irgendwelchem Aberglauben und Sekten ein! Dass wir jedoch mit unserer Ablehnung der energetischen, spirituellen Dimension des Seins eine Bewegung unterstützen, die inzwischen einer mittelalterlichen Inquisition gleicht, wie es etwa beim aktuellen Homöopathie-Bashing deutlich wird, das merken wir nicht.

Befreiter Geist

Nur der wird frei, der sich die Wahl gibt und sich ohne Vorbehalte allen Möglichkeiten gegenüber öffnet, derjenige, der nichts a priori ausschließt, der Fragen zulässt und sich anhört, was Andersdenkende zu sagen haben. Der verlässt die Hölle seines von ihm selbst herbeigeführten Eingeschlossenseins. Er erfährt die tiefe Freude, die es bedeutet, seinen Körper wie einen Garten zu pflegen, in dem ein freier Geist wohnen darf.

Die spirituelle Dimension in sein Leben einladen bedeutet nicht, jedem vorbeikommenden Guru hinterherzulaufen, sondern im Gegenteil sich aus den Fängen der Manipulatoren zu lösen, die es verstehen, sich unsere vermeintliche Bedeutungslosigkeit zunutze zu machen. Wir nehmen Kontakt mit dem Wesentlichen in uns auf, dem Teil in uns, in dem wir ganz unverfälscht sind. Hier erfahren wir, dass wir, Staubkorn in der Wüste, gleichzeitig winzig klein und unvorstellbar groß sind.

Wir erkennen, dass wir mehr sind als unser materieller Körper und dass hinter allem ein lenkender Geist steht. Hier sind wir nicht zu Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit verdammt. Hier sind wir mit allem verbunden. Hier hat das Leben Sinn. Als Teil eines umfassenden Bewusstseins tragen wir dazu bei, in welcher Art und Weise das Ganze sich weiterentwickelt.

Und so ist das Öffnen für die spirituelle Dimension des Lebens keine Weltflucht, kein Hintertürchen für Weicheier, die nicht genug Mumm haben, dem Nichts ins Auge zu blicken, kein Kanon, den man nur nachzubeten braucht, um Glückseligkeit zu erreichen. Es erfordert Mut, sich aufs Glatteis zu begeben, dorthin, wo keine Gewissheiten mehr existieren, wo alles in der Schwebe ist.

Sterben können

Wer das wagt, der verliert seine Angst. Er kann hinsehen, wenn er mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert ist. Er schließt den Tod nicht mehr aus seinem Leben aus und interessiert sich dafür, was eigentlich passiert, wenn wir unseren Körper verlassen. Auch wenn sich in unserer Zivilisation nur wenige damit beschäftigen: Es gibt genug Quellen, über die wir uns informieren können (2).

Der kürzlich verstorbene buddhistische Mönch Sogyal Rinpoché beschreibt in „Das tibetanische Buch vom Leben und Sterben“ (3), wie mit dem nahenden Tod die körperlichen Kräfte nachlassen und sich nacheinander die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft auflösen. Diese Vorgänge, so schreibt die Palliativschwester Dorothea Mihm in ihrem Buch „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“ (4), sollten möglichst nicht unterbrochen oder mit Medikamenten unterdrückt werden, denn die äußere Ruhigstellung kann den Vorgang des Sterbens erschweren.

Leben vor dem Tod

Auch wenn ich mir, wie im tibetanischen Buddhismus empfohlen, nur schwer vorstellen kann, die Geistesgegenwart zu haben, mich zum idealen Sterben auf die Seite zu drehen und mir das rechte Nasenloch zuzuhalten, damit der Geist ungehindert austreten kann, so hilft mir dieses alte Wissen, den Tod als etwas Normales, ja Willkommenes in mein Leben zu integrieren. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto weniger erscheint mir der Tod als etwas Trennendes. Er führt mir im Gegenteil vor Augen, wie sehr das Leben Verbindung ist.

Über den Tod werden wir alle gleich. Egal, was wir im Leben hinter uns lassen: Hier sind wir alle nackt. Mit dem Ende eines Zyklus erleben wir den Anfang eines neuen Zyklus, wie auch immer unsere jeweilige Glaubensrichtung ihn sich vorstellt, als Paradies, als Lebensschule oder als ausgelöschte Tafel. Und so können wir ganz beruhigt sterben. Wir müssen den Tod nicht fürchten, wenn er uns mit seinen Armen umfängt. Denn von einem berichten diejenigen nicht, die diesen Weg gegangen sind: von der Hölle.

Es scheint, als sei der Ort ewiger Verdammnis nichts weiter als eine Erfindung jener, die es verstehen, mit unserer Angst ihre Geschäfte zu machen. Weder wir selbst werden darin schmoren, noch diejenigen, die wir dorthin wünschen. So können wir uns daran machen, alle zusammen im Bewusstsein unserer Grenzen und unserer Größe und der daraus resultierenden Verantwortung unser Leben voll und ganz in die Hand zu nehmen und zu genießen.

Dieser Artikel stammt von Kerstin Chavent, wurde am 2. Oktober 2019 auf der Seite Rubikon veröffentlicht: https://www.rubikon.news/artikel/hinterm-horizont und von uns (ZDG-Redaktion) unverändert übernommen.

Kerstin Chavent ist Autorin und Sprachlehrerin und lebt in Südfrankreich. Auf Deutsch erschienen sind bisher „Die Waffen niederlegen“, „Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist“, „Krankheit heilt“ und „Was wachsen will muss Schalen abwerfen“. Es war ihre Erfahrung mit Krebs, die sie zum Schreiben brachte. Ihre Themen sind der Umgang mit Krankheit, die Sensibilisierung für das schöpferische Potential und das erwachende Bewusstsein in einer Welt im Wandel. Mehr Informationen in ihrem Blog „Bewusst: Sein im Wandel“.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Quellen

  1. Eben Alexander: Blick in die Ewigkeit. Die faszinierende Nahtoderfahrung eines Neurochirurgen. Heyne Verlag 2016. Dazu auch: Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung, Knaur MensSana 2018.
  2. Grundlegend dazu sind die Arbeiten von Raymond Moody und Elisabeth Kübler-Ross, die zu den ersten gehörten, die die westliche Industriegesellschaft für das Thema sensibilisierten. Raymond Moody: Leben nach dem Tod: Die Erforschung einer unerklärlichen Erfahrung, Rowohlt 2013; Elisabeth Kübler-Ross: Über das Leben und danach, Silberschnur 2012.
  3. Sogyal Rinpoché: Das tibetanische Buch vom Leben und vom Sterben: Ein Schlüssel vom tieferen Verständnis von Leben und Tod, Knaur MensSana TB 2010
  4. Dorothea Mihm, Annette Bopp: Die sieben Geheimnisse guten Sterbens, Kailash 2014