Mit Vitamin D gegen Nebenwirkungen der Chemotherapie

Bei Krebs wird häufig eine Chemotherapie oder Bestrahlung (oder auch beides) empfohlen. Manche Patienten vertragen diese Therapien erstaunlich gut und leiden nur geringfügig unter Nebenwirkungen. Viele andere Betroffene aber erleben sehr starke Nebenwirkungen, die oft mehr schwächen als die Krankheit selbst.

Bei 50 bis 80 Prozent (je nach Dosis) der mit einer Chemotherapie behandelten Patienten entzünden sich die Magen- und Darmschleimhäute, auch die Mundschleimhaut und die Speiseröhre (4). Es kommt zu Übelkeit, Erbrechen und teilweise starken Schmerzen, was Essen und Trinken zu einer Tortur macht. Die angegriffene Darmschleimhaut führt ausserdem zu schmerzhaften Durchfällen.

Besonders viele Ideen zur Linderung oder Prävention dieser Beschwerden hat die Schulmedizin nicht auf Lager. Man erhält Säureblocker, damit die Magensäure die wunde Magenschleimhaut nicht noch zusätzlich angreift, Durchfallmittel (z. B. Loperamid) und isotonische Getränke zur Kompensation des durchfallbedingten Mineralstoffverlustes.

Das Team um Dr. Andrea Stringer und Professor Paul Anderson von der University of South Australia überprüfte verschiedene Möglichkeiten, mit denen sich die Nebenwirkungen der Chemotherapie insbesondere auf die Schleimhäute des Verdauungssystems lindern lassen könnten. Vitamin D und Probiotika schienen dabei am vielversprechendsten, so schreiben die Forscher im Juni 2020 im Fachjournal Supportive and Palliative Care (1).

Chemotherapie lässt Vitamin-D-Spiegel sinken

Schon im Februar 2009 war im International Journal of Colorectal Disease eine Studie erschienen, in der es hiess, dass Darmkrebspatienten meist an einem ausgeprägten Vitamin-D-Mangel leiden – und zwar insbesondere jene, die eine Chemotherapie erhalten hatten. In der Schlussfolgerung las man, dass es die Chemotherapie sei, die das Risiko für einen Vitamin-D-Mangel signifikant ansteigen lasse und man bei den entsprechenden Patienten Vitamin D „aggressiv“ supplementieren solle (5).

Vitamin D beruhigt entzündete Magen- und Darmschleimhaut

Stringer und Kollegen schreiben nun elf Jahre später, dass Vitamin D die entzündeten Darmwände beruhige und so den Patienten etwas Erleichterung verschaffen könne. „Längst ist Vitamin D als wichtiger Stoff für die Knochengesundheit bekannt, weil es die Calciumaufnahme im Darm fördert. Neue Erkenntnisse aber zeigen, dass Vitamin D auch eine wichtige Rolle in der Behandlung von chemobedingten Schleimhautentzündungen einnehmen kann“, erklären die Forscher.

„Der Schweregrad und Verlauf verschiedener Magen-Darm-Erkrankungen (z. B. Reizdarmsyndrom und Darmkrebs) korreliert mit einem Vitamin-D-Mangel“, so die Autorin der australischen Studie, Cyan Sylvester.

„Vitamin D scheint die Entzündungsprozesse im Darm zu unterdrücken und die Aktivität der T-Zellen (bestimmte Abwehrzellen) zu stärken, was zu einer höheren Abwehrkraft führt.“ Zusätzlich reduziert Vitamin D den negativen Einfluss der Chemo-Medikamente auf die Darmflora, so dass die Schäden im Verdauungssystem mit Hilfe dieses Vitamins deutlich reduziert werden könnten.

Vitamin D reduziert Leid durch Chemotherapie

Auch hat sich gezeigt, dass Vitamin D die Wirksamkeit von Krebsmedikamenten verbessern kann. Vitamin D bietet sich daher sehr gut begleitend zu Chemotherapien an. „Vitamin D könnte das Schlüsselhormon für Krebspatienten sein, um deren Leid aufgrund der Nebenwirkungen von Chemotherapien zu verringern“, so Dr. Stringer.

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Probiotika zur Linderung von Beschwerden nach Chemo- und Strahlentherapie

Bei Probiotika – nützlichen Darmbakterien, z. B. Milchsäure- und Bifidobakterien – verhält es sich so, dass es derart viele Bakterienstämme und Bakterienkombinationen gibt, so dass selbst eine positive Wirkung des einen Präparates nicht automatisch auf alle Probiotika zutreffen muss und daher Studien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.

In Sachen Krebs gibt es ausserdem sehr viele verschiedene Krebsmedikamente, die sich unterschiedlich auf die Darmflora auswirken können. Auch dieser Aspekt kann dazu führen, dass man nicht sicher sagen kann, welche Bakterienstämme nun bei welchen Beschwerden und beim Einsatz welcher Medikamente hilfreich sind (6).

Probiotikum lindert Durchfall durch Chemotherapie

In einer Studie vom März 2019 zeigte sich bei Lungenkrebspatienten beispielsweise, dass die Einnahme des Probiotikums Clostridium butyricum chemobedingte Durchfälle reduziert und die systemischen Entzündungen (Entzündungen im ganzen Körper) lindert (2).

Ein Präparat mit C. butyricum ist uns leider nicht bekannt, doch kann Ihnen hier vielleicht Ihr Apotheker weiterhelfen. Andererseits könnte es auch einen Versuch wert sein, ein anderes Probiotikum zu testen, das eine möglichst grosse Bandbreite verschiedener Bakterienstämme enthält, worauf die folgenden Studienergebnisse hinweisen.

Probiotika lindern Durchfall durch Bestrahlungen

Im Mai 2019 erschien eine Übersichtsarbeit, in der neun randomisierte und placebokontrollierte Studien ausgewertet wurden. Bei den über 1.500 Patienten zeigte sich, dass diejenigen, die Probiotika nahmen deutlich seltener an Durchfall litten als die Kontrollgruppe. Allerdings ging es hier nicht um eine Chemo-, sondern um eine Strahlentherapie, die sich ähnlich negativ auf das Verdauungssystem auswirkt (3).

Probiotika schützen Mundschleimhaut bei Chemo- und Strahlentherapie

Ebenfalls im Jahr 2019 las man im Fachjournal Cancer von einer Studie mit Patienten, die wegen eines Nasen-Rachen-Krebses eine Chemotherapie kombiniert mit einer Strahlentherapie erhielten. Bei dieser Krebsform und dieser Art der Therapie ist eine orale Mukositis (schmerzhafte Entzündungen und Infektionen des Mund-Rachenraumes) eine unvermeidliche Nebenwirkung.

Gab man den Patienten jedoch ein probiotisches Präparat (bestehend aus Bifidobacterium longum, Lactobacillus lactis und Enterococcus faecium – zweimal täglich je 3 Kapseln) entwickelte sich eine deutlich schwächere orale Mukositis als in der Placebogruppe (7).

Schweregrade der oralen Mukositis (Entzündung der Mundschleimhaut)

Eine orale Mukositis wird in fünf Schweregrade eingeteilt: 0, 1, 2, 3 und 4:

  • Grad 0 bedeutet, dass keine krankhaften Veränderungen der Mundschleimhaut vorhanden sind, derjenige also keine orale Mukositis hat.
  • Grad 1 umschreibt Rötungen, Wundsein, Brennen, gelegentlich geringe Schmerzen. Schwierigkeiten zeigen sich beim Essen von fester Kost.
  • Bei Grad 2 sind bereits kleine Entzündungen vorhanden, die Schmerzen sind noch erträglich. Schwierigkeiten zeigen sich bereits bei weicher Kost.
  • Bei Grad 3 – man spricht von schwerer Mukositis – liegen grössere Entzündungen vor. Der Patient hat starke und dauerhafte Schmerzen. Selbst das Trinken bereitet Probleme und auch beim Sprechen treten Schmerzen auf.
  • Grad 4 ist die schwerste Verlaufform. Es entstehen tiefe Geschwüre mit qualvollen Schmerzen. Der Patient muss künstlich ernährt werden.

Dank Probiotika verlaufen chemobedingte Mundschleimhautentzündungen milder

In genannter Studie wurden nur die ersten vier Schweregrade (0 – 3) mit einbezogen. Die Ergebnisse waren überzeugend:

In der Placebogruppe hatte niemand eine nur schwach ausgeprägte Mukositis der Schweregrade 0 und 1. Alle Patienten, die das Placebopräparat schluckten, bekamen stattdessen eine ausgeprägte Mukositis mit Schweregrad 2 oder sogar 3.

In der Probiotikagruppe hingegen bekamen 12 Prozent überhaupt keine Mukositis und 55 Prozent lediglich eine Mukositis Grad 1. Alle Ergebnisse sehen Sie in nachfolgender Tabelle:

Schweregrad Mukositis

Probiotikagruppe

Placebogruppe

0

12,07 %

0 %

1

55,17 %

0 %

2

17,24 %

54,29 %

3

15,52 %

45,71 %

Ein Probiotikum, das nur die genannten drei Stämme enthält, konnten wir nicht finden. Fragen Sie dazu gerne in Ihrer Apotheke nach. Wir haben jedoch zwei Probiotika entdeckt, die neben anderen Stämmen auch diese drei enthalten.

*Probiotikum Flora Bifido Lacto+

*Probiotikum BactoFlor

Probiotika schützen vor Infektionen nach Krebsoperation

Zusätzlich scheinen Probiotika – laut eines Reviews von 13 Studien vom Dezember 2018 – das Infektionsrisiko nach Darmkrebsoperationen zu reduzieren, so dass man davon ausgehen kann, dass Probiotika während der Krebstherapie noch deutlich mehr Vorteile haben können, als die oben vorgestellten Studien zeigen. Nicht nur das Infektionsrisiko der Operationswunde verringerte sich dank Probiotika, sondern auch das Risiko einer postoperativen Lungenentzündung (8).

Interessant dabei ist, dass in jeder dieser 13 Studien andere Probiotika verwendet wurden. Auch das Einnahmeschema war stets anders. Man begann mit der Einnahme zwischen 8 Tagen und 1 Tag vor der Operation und endete zwischen 3 Tagen vor der Operation und 15 Tagen nach der Operation. Daraus könnte man schliessen, dass es wichtig ist, überhaupt ein Probiotikum einzunehmen.

Bei Chemotherapie und Strahlentherapie an Vitamin D und Probiotika denken!

Sollten Sie daher eine Chemotherapie oder Strahlentherapie bekommen oder operiert werden müssen, sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arzt über den präventiven Einsatz von Vitamin D und Probiotika. Natürlich sollten Sie nicht nur mit Vitamin D gut versorgt sein, sondern mit allen Nähr- und Vitalstoffen.

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Quellen

  1. Cyan L. Sylvester et al. New therapeutic strategies for combatting gastrointestinal toxicity, Juni 2020, Current Opinion in Supportive and Palliative Care
  2. Tian Y, Li M, Song W, Jiang R, Li YQ. Effects of probiotics on chemotherapy in patients with lung cancer, März 2019, Oncol Lett. 2019;17(3):2836-2848. doi:10.3892/ol.2019.9906
  3. Qiu G, Yu Y, Wang Y, Wang X. The significance of probiotics in preventing radiotherapy-induced diarrhea in patients with cervical cancer: A systematic review and meta-analysis. Int J Surg. 2019;65:61-69.
  4. Wei D, Heus P, van de Wetering FT, van Tienhoven G, Verleye L, Scholten RJ. Probiotics for the prevention or treatment of chemotherapy‐ or radiotherapy‐related diarrhoea in people with cancer. Cochrane Database Syst Rev. 2018;8:CD008831.
  5. Fakih MG, Trump DL, Johnson CS, Tian L, Muindi J, Sunga AY. Chemotherapy is linked to severe vitamin D deficiency in patients with colorectal cancer. Int J Colorectal Dis. 2009;24(2):219-224. doi:10.1007/s00384-008-0593-y
  6. Wardill, Hannah R, Van Sebille, Ysabella ZA et al., Prophylactic probiotics for cancer therapy-induced diarrhoea: a meta-analysis, Current Opinion in Supportive and Palliative Care: June 2018 - Volume 12 - Issue 2 - p 187-197 doi: 10.1097/SPC.0000000000000338
  7. Jiang C, Wang H, Xia C, et al. A randomized, double-blind, placebo-controlled trial of probiotics to reduce the severity of oral mucositis induced by chemoradiotherapy for patients with nasopharyngeal carcinoma. Cancer. 2019;125(7):1081-1090.
  8. Ouyang X, Li Q, Shi M, et al. Probiotics for preventing postoperative infection in colorectal cancer patients: a systematic review and meta-analysis. Int J Colorectal Dis. 2019;34:459-469.