Ernährung

Zucker: schlimmer als gedacht

  • Autor: Carina Rehberg
  • aktualisiert: 10.04.2019
Zucker: schlimmer als gedacht
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Adipositas und Diabetes greifen immer weiter um sich. Aber Zucker – so heisst es gern – ist an diesen Epidemien nicht beteiligt. Zucker sei ein wichtiger Energielieferant, der besonders vom Gehirn genutzt werde. Eine merkwürdige Erklärung, denn die Glucose für‘s Gehirn kann der Körper problemlos aus einer Pellkartoffel oder einem Apfel gewinnen. Haushaltszucker, Süssigkeiten und Donuts braucht er dazu nicht. Inzwischen werden immer mehr Stimmen laut, die dafür plädieren, den Zucker näher in Augenschein zu nehmen. Denn er ist definitiv schlimmer als gedacht.

Inhaltsverzeichnis

Zucker liefert Kalorien – sonst nichts

Haushaltszucker – auch Industrie- oder Kristallzucker genannt – wird gerne verharmlost. Schliesslich bestehe er nur aus Fructose und Glucose, die beide problemlos verstoffwechselt würden. Zwar ist klar, dass Zucker lediglich Energie liefert, also nichts als Kalorien, aber keine Mineralstoffe, keine Vitamine und keine Ballaststoffe, doch sieht man in diesem Manko offenbar kein Problem.

Krankheiten durch Zucker

Vor wissenschaftlichen Erkenntnissen, die dem Zucker eindeutig krankheitsverursachendes Potential zuschreiben, verschliesst man erfolgreich die Augen. Wir haben hier bereits darüber berichtet:

Kein Wunder hat der Physiker und Journalist Gary Taubes Anfang Januar 2018 im British Medical Journal an die Wissenschaft appelliert, man solle dringend den direkten gesundheitlichen Schaden untersuchen, den der Zucker anrichten könne. Taubes gilt als Verfechter einer kohlenhydratarmen Ernährung und hat bereits ein entsprechendes Buch veröffentlicht.

Lebensmittelindustrie schützt Zucker

Derzeit glaubt man, dass sowohl Diabetes Typ 2 als auch Fettleibigkeit insbesondere von einer übermässig kalorienreichen Ernährung herrühre. Ein direkter Zusammenhang zum Zuckerkonsum wird selten gesehen – und die Verbände der Lebensmittelindustrie tun alles, damit es auch so bleibt.

Taubes führt in seinem Artikel die Ergebnisse einer Studie der Sugar Research Foundation (SRF) auf (heute Sugar Association), die vor 50 Jahren durchgeführt wurde und schon damals gezeigt hatte, dass Zucker sogar im Vergleich zu Stärke ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs mit sich bringe. Publiziert wurde die Studie jedoch nie.

Insulinresistenz und Fettleber

Längst bekannt ist ausserdem, dass Zuckerverzehr eine Insulinresistenz und auch eine Fettleber begünstigt (was jedoch ignoriert wird). Innerhalb von 15 Minuten nach dem Konsum von Kohlenhydraten steigt die Konzentration eines bestimmten Hormons um das Zehnfache. Es handelt sich um das sog. Glukoseabhängige Insulinotrope Peptid (GIP). Es wird im Zwölffingerdarm gebildet (also im obersten Teil des Dünndarms) und sorgt dafür, dass die Bauchspeicheldrüse Insulin ausschüttet, um den Blutzuckerspiegel zu senken.

GIP begünstigt Übergewicht und eine Fettleber, weil es die Fetteinlagerung im Gewebe fördert. Auch eine Insulinresistenz ist unter häufig hohen GIP-Spiegeln wahrscheinlicher. Interessant ist, dass sich bei überschüssiger Kalorienzufuhr alle diese Probleme nicht entwickeln, wenn GIP aufgrund eines genetischen Defekts fehlt.

Lebensmittel mit hoher glykämischer Last sind das Problem

Verwendet man Zuckerersatzstoffe mit niedriger glykämischer Last (in einer Studie war es Isomaltulose, auch Palatinose genannt), dann entstehen weder eine Fettleber noch eine Insulinresistenz. Das ist deshalb so, weil Zuckerstoffe mit niedriger glykämischer Last im Darm nur langsam freiwerden, so dass GIP gar nicht erst ausgeschüttet wird – wie eine Studie im Jahr 2016 bestätigte.

Neu sind diese Erkenntnisse nicht. Denn dass Lebensmittel mit hoher glykämischer Last zu einem schnellen Blutzuckeranstieg führen und damit auch zu einem hohen Insulinspiegel mit anschliessend erhöhtem Risiko für Insulinresistenz ist bekannt. Starke Blutzuckerschwankungen und chronisch erhöhte Insulinspiegel sorgen ferner für chronische Entzündungsprozesse im Körper, die nun wiederum zu ganz unterschiedlichen chronischen Erkrankungen führen können.

Je niedriger die glykämische Last, umso geringer das Diabetes- und Fettleberrisiko

Kohlenhydrate mit niedriger glykämischer Last hingegen werden viel langsamer und somit auch erst viel weiter unten im Dünndarm in ihre Bausteine gespalten. In den unteren Abschnitten des Dünndarms aber wird kein GIP ausgeschüttet, was erklärt, warum Lebensmittel mit geringer glykämischer Last kein Diabetesrisiko bergen und auch nicht zu einer Fettleber führen.

Zu den Kohlenhydraten mit hoher glykämischer Last gehören nicht nur der Industriezucker, sondern auch Weissbrot, Cornflakes und polierter Reis. Kohlenhydrate mit niedriger glykämischer Last sind hingegen in Vollkornprodukten, Haferflocken, braunem Reis, Früchten, Hülsenfrüchten und Kartoffeln enthalten.

Je mehr Zucker, umso mehr Übergewicht und Diabetes

Epidemiologische Daten (aus 2004 und 2013) zeigen ferner, dass Übergewicht umso eher entsteht, je mehr Zucker und andere Kohlenhydrate mit hoher glykämischer Last, inkl. gesüsster Getränke, eine Person konsumiert. Da Übergewicht einer der stärksten Risikofaktoren für Diabetes und eine Fettleber ist, lässt sich aus den Studienergebnissen schliessen, dass Zucker zur Entstehung von Diabetes und einer Fettleber beitragen kann. Meidet man Zucker, sinkt folglich das Diabetes-, Fettleber- und Adipositasrisiko.

Interessant ist nun, dass – laut Taubes in BMJ – zahlreiche Gesundheitsorganisationen einschliesslich der WHO, der American Heart Association und Public Health England klare Obergrenzen für den Zuckerkonsum fordern, aber offenbar nur, um das Kariesrisiko zu reduzieren. Andere Folgen werden konsequent ignoriert. Nicht einmal die Deutsche Gesellschaft für Ernährung wagt es, gezuckerte Lebensmittel mit Diabetes Typ 2 und Übergewicht in Zusammenhang zu bringen. Lediglich vor gezuckerten Softdrinks wird gewarnt.

Leben ohne Zucker: Probieren Sie es aus!

Wer selbst wissen möchte, was Zuckerkonsum dem eigenen Körper antut, braucht dazu keine Empfehlungen von irgendwelchen Gesundheitsorganisationen abzuwarten. Er probiert es einfach aus, wie es ihm ohne Zucker geht. Schon nach wenigen Tagen spürt man, wie es aufwärts geht, wie man sich wohler, leistungsfähiger und wacher fühlt. Probieren Sie es aus!

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Quellen

  • Taubes G, What if sugar is worse than just empty calories? An essay by Gary Taubes, BMJ 2018, Januar, BMJ 2018;360:j5808
  • Deutsches Ärzteblatt, Zucker: Mehr als nur leere Kalorien, 8.1.2018
  • The InterAct Consortium, Consumption of sweet beverages and type 2 diabetes incidence in European adults: results from EPIC-InterAct, Juli 2013, Diabetologia
  • Schulze MB, Ludwig DS et al., Sugar-Sweetened Beverages, Weight Gain, and Incidence of Type 2 Diabetes in Young and Middle-Aged Women, JAMA, August 2004
  • Isken F et al., Metabolic effects of diets differing in glycaemic index depend on age and endogenous glucose-dependent insulinotrophic polypeptide in mice, Oktober 2009, Diabetologia
  • Pfeiffer AFH et al., Combination of acarbose and ezetimibe prevents non-alcoholic fatty liver disease: A break of intestinal insulin resistance?, Journal of Hepatology, Juni 2010
  • Kemper M et al., Effects of Palatinose and Sucrose Intake on Glucose Metabolism and Incretin Secretion in Subjects With Type 2 Diabetes, Diabetes Care, März 2016