Nach Obst oder anderen säurehaltigen Lebensmitteln mit dem Zähneputzen warten: Stimmt das überhaupt?

Oft liest man – etwa auf Gesundheitsblogs oder auch auf Seiten von Zahnpasta-Herstellern – dass Zähneputzen nach Früchten oder säurehaltigen Getränken tabu sei. Man müsse damit mindestens 30 Minuten lang warten, besser eine Stunde, heisst es da häufig (1, 2, 3).

Meist lautet die entsprechende Empfehlung samt Erklärung folgendermassen: Spülen Sie nach dem Obstverzehr erst mit Wasser, um die Fruchtsäuren im Mund zu verdünnen, warten Sie dann 30 Minuten, damit sich der Zahnschmelz wieder erholen kann. In dieser Zeit sorgt der Speichel durch die in ihm enthaltenen Enzyme und Mineralstoffe für die Remineralisierung des Zahnschmelzes.

Das klingt zwar absolut logisch und nachvollziehbar, Belege nennt dafür aber kaum jemand. Zwar sind insbesondere säurehaltige Getränke – ob mit oder ohne Zucker – für die Zähne schädlich, wie wir schon hier erklärt haben: Auch kalorienfreie Getränke schaden den Zähnen

Ist es jedoch tatsächlich sinnvoll, anschliessend mit dem Zähneputzen zu warten? Oder ist es womöglich sogar ungünstig und für die Zähne schädlich?

Studie: Mindestens 30 Minuten mit dem Zähneputzen warten

Die Empfehlung, nach Säureverzehr 30 Minuten mit dem Zähneputzen zu warten, kam vermutlich durch eine Studie aus dem Jahr 2004 zustande (5). Darin wird geraten, nach dem Verzehr von Säurehaltigem mindestens 30 Minuten zu warten, bevor man die Zähne putzt. Würde man sie vorher putzen, käme es zu Zahnschäden.

In dieser Studie hatte man den Einfluss einer Zitronenlimonade (Sprite Light mit einem pH-Wert von 2,9) auf die Zahngesundheit untersucht. Allerdings verwendete man extrahierte Zähne, die wie Prothesen getragen wurden und die man ausserdem zuvor speziell präpariert hatte. So hatte man ihnen u. a. den Zahnschmelz so weit entfernt, dass das Dentin sichtbar war. Dentin ist das Zahnbein, also jener Teil des Zahns, der unter dem Zahnschmelz liegt. Der Versuch bezieht sich somit in erster Linie auf Menschen, die bereits an starken Schmelzdefekten leiden.

Die Zähne kamen sodann 90 Sekunden lang in Kontakt mit der Limonade. Dann wartete man 0, 20, 30 oder 60 Minuten, bevor man die Zähne wieder aus dem Mund nahm und sie mit einer elektrischen Zahnbürste 15 Sekunden lang putzte. Der höchste Dentinverlust zeigte sich nach 10 Minuten und nach 20 Minuten. Nach 30 Minuten war der Dentinverlust nur noch halb so gross wie nach 10 Minuten, aber immer noch höher als in der Kontrollgruppe, die gar nicht putzte. Nach 60 Minuten war der Verlust nur unmerklich geringer als nach 30 Minuten.

Oder doch besser 1 Stunde mit dem Zähneputzen warten?

Dasselbe Wissenschaftlerteam hatte schon 2001 eine In-vitro-Studie (5) veröffentlicht, in der sich gezeigt hatte, dass es beim Putzen der Zähne eine Stunde nach der Säureattacke zu keinem bedenklichen Dentinverlust mehr komme.

Vielleicht raten daher manche auch dazu, besser 1 Stunde zu warten – wie sogar die American Dental Association (Amerikanische Zahnärztekammer), auf deren Seite zu lesen ist, man solle eine Stunde warten, bevor man nach Fruchtsäften, Limos oder Früchten die Zähne putzt (4).

Oder gar 4 Stunden mit dem Zähneputzen warten?

Kürzlich aber schrieb uns ein Leser, seine Zahnärztin habe ihm empfohlen, nach Säurehaltigem gar 4 Stunden die Zähne nicht zu putzen. Auch dazu gibt es eine Studie – und zwar erneut vom obigen Forscherteam (Attin et al.), allerdings schon aus dem Jahre 2000 (6), so dass man diese Ergebnisse nicht als aktuellen Wissensstand bezeichnen kann.

Damals hatte man die erforderlichen Tests ausserdem mit Rinderzähnen durchgeführt. Die Zähne wurden zur Demineralisierung erst in die Sprite und dann für unterschiedliche Zeiten in künstlichen Speichel gelegt (0 min, 10 min, 60 min oder 240 min). Anschliessend wurden sie gebürstet.

Bei allen Zeiten gab es deutliche Abriebverluste. Lediglich bei einer Wartezeit von 240 Minuten waren diese Verluste nicht signifikant, woraus manche Zahnärzte wohl schlossen, dass dies bei Menschenzähnen genauso sein müsse und daher 4 Stunden die ideale Wartezeit darstellten.

Schon allein aus praktischen Gründen ist dies schwer umsetzbar, da man nach 4 Stunden häufig schon die nächste Mahlzeit einnimmt und dann womöglich gar nicht mehr zum Zähneputzen käme.

Professor sagt: Warten nach dem Zähneputzen ist unnötig!

Prof. Dr. Adrian Lussi – einer der führenden Kariesforscher im deutschsprachigen Raum und Ehrenmitglied der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO – schreibt in einem Artikel von 2015 mit dem eindeutigen Titel „30 Minuten Karenz sind unnötig“, dass von dieser Wartezeit Abstand genommen werden solle (7).

Denn es brauche in Wirklichkeit Stunden bis Tage, bis der Zahnschmelz einen gewissen Schutz vor Abrasion (Abrieb der Zahnhartsubstanz) zeige, so dass also im Grunde weder 30 Minuten noch ein 1 Stunde sinnvoll wären – und 4 Stunden womöglich genausowenig ausreichen.

Lussi erklärt, dass Säure den Zahnschmelz zwar tatsächlich erweiche, woraufhin dieser auch leichter durch das Zähneputzen entfernt werden könne. Auch stimme es, dass „die Zahnhartsubstanz in Anwesenheit von mit Mineralien gesättigten Lösungen wie Speichel wieder remineralisiert werden kann“.

Doch – so Lussi – kommen im Speichel auch Proteine vor (z. B. Albumine, Cystatine etc.) die wiederum die Ausfällung der Mineralien und in Folge die Remineralisierung hemmen können. In sämtlichen Laboruntersuchungen aber werde künstlicher Speichel verwendet – und dieser enthalte diese Proteine nicht, so dass es zu einer ausgezeichneten Remineralisierung kommen könne, die jedoch in der Realität, also mit echtem Speichel eben nicht eintrete.

Selbst nach Stunden keine Remineralisierung der Zähne

Lussi nennt daraufhin zwei Studien (von 2007 und 2014), denen zufolge selbst nach einer Dauer von mehreren Stunden (ohne Zähneputzen nach dem Frühstück) keine relevante Remineralisierung des Zahnschmelzes erreichbar sei (12, 13). Letztere stammt von ihm selbst, in der er zusätzlich eine epidemiologische Studie an mehr als 3.000 jungen Erwachsenen aus sieben europäischen Ländern anführt, die klar gezeigt hat, dass ein Aufschub des Zähneputzens nach dem Essen nicht sinnvoll ist (14).

Wer mit dem Zähneputzen wartet, riskiert sogar mehr Zahnschäden!

Im Gegenteil, längere Wartezeiten führten laut Professor Lussi eher zu mehr Abrasion, wie eine Untersuchung von 2013 zeigte (8). Auch müsse man berücksichtigen, dass gerade säurehaltige Speisen oder Getränke oft auch Zucker enthalten.

Wartet man nun mit dem Zähneputzen eine halbe oder gar eine ganze Stunde, dann können Kariesbakterien in aller Ruhe den Zucker verspeisen und dabei noch mehr Säuren entstehen lassen, was auch zu mehr Zahnschäden führen kann.

Nicht selten vergisst man dabei das Zähneputzen gleich ganz, was natürlich noch ungünstiger ist. Lediglich bei häufigerem Erbrechen solle man den Mund sofort mit Wasser spülen, aber nicht die Zähne putzen, zumindest nicht abrasiv, also nicht mit einer Bürste.

Professorin: Warten mit dem Zähneputzen fördert Karies

In einer Zusammenstellung von Tipps zur Förderung der Mundgesundheit von Kindern zitiert das Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen Prof. Dr. med. dent. Carolina Ganß (11), Zahnärztin am Universitätsklinikum Giessen, die sich sehr über diese Thematik wundert (15):

Warum ausgerechnet diese Empfehlung um sich gegriffen hat wie ein Lauffeuer, ist mir ein Rätsel. Normalerweise setzen sich Zahnputzempfehlungen nur schwer durch. Und ausgerechnet an diese, für die es überhaupt keinen Beleg gibt und die die Kariesprävention eher konterkariert, halten sich nun alle.“

*(nach dem Verzehr von Säurehaltigem mit dem Zähneputzen zu warten – Anm. ZDG-Redaktion)

Fazit: Nach dem Verzehr von Obst lohnt sich das Warten mit dem Zähneputzen NICHT

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass ein Warten nach einer Mahlzeit – ob diese nun Säuren enthielt oder nicht – keinen Nutzen bringt. Man kann somit auch direkt nach dem Verzehr von Obst oder anderen säurehaltigen Lebensmitteln die Zähne putzen, was vermutlich sogar für die Zähne besser ist, als einige Zeitlang zu warten – was sowohl für Milchzähne als auch für die bleibenden Zähne gilt.

Wer nun überlegt, seine Zähne mit einem Lack versiegeln zu lassen, kann das mit seinem Zahnarzt besprechen. Besonders wenn bereits fortgeschrittene Erosionen bestehen, kann dies zu guten Ergebnissen führen. Fluoridhaltig muss der Lack dabei nicht sein. Professor Lussi erklärt, dass die guten Ergennisse wahrscheinlich nicht dem Fluorid, sondern der Lackbasis zuzuschreiben seien.

Quellen

  1. O’Connor A, Really? Never Brush Your Teeth Immediately After a Meal, Mai 2012
  2. Nach dem Essen mit dem Zähneputzen erst einmal warten, abgerufen August 2019
  3. Pleis D, Thirteen Acidic Fruits And How They Affect Your Teeth, abgerufen August 2019,
  4. American Dental Association, Erosion: What You Eat and Drink Can Impact Teeth, abgerufen August 2019
  5. Attin T et al., Brushing abrasion of softened and remineralised dentin: an in situ study, Caries Research, 2004 Jan-Feb;38(1):62-6.
  6. Attin T et al., Use of variable remineralization periods to improve the abrasion resistance of previously eroded enamel., Caries Research, 2000 Jan-Feb;34(1):48-52.
  7. Lussi et al, Europastudie zu Überempfindlichkeit und Säureschäden - 30 Minuten Karenz sind unnötig, zm online, 16.09.2015
  8. West NX et al, Prevalence of dentine hypersensitivity and study of associated factors: a European population-based cross-sectional study.
  9. Ganß C et al, Zähneputzen nach Säureangriffen – sind Wartezeiten sinnvoll?, Prophylaxe Dialog, 1/2010
  10. Ganß, C. (2016) „Mythen und Fakten“. In: Der Freie Zahnarzt (2016), Vol. 60, Issue 2, S. 21–21.
  11. Ganss C, Schlueter N, Friedrich D, Klimek J. Efficacy of waiting periods and topical fluoride treatment on toothbrush abrasion of eroded enamel in situ. Caries Research 2007;41(2):146–51.
  12. Lussi A, Lussi J, Carvalho TS, Cvikl B. Toothbrushing after an erosive attack: will waiting avoid tooth wear? European Journal of Oral Sciences, 2014, Oct;122(5):353-9. doi: 10.1111/eos.12144. Epub 2014 Aug 8.
  13. BARTLETT DW, LUSSI A, WEST NX, BOUCHARD P, SANZ M, BOURGEOIS D. Prevalence of tooth wear on buccal and lingual surfaces and possible risk factors in young European adults. J Dent 2013; 41: 1007–1013.
  14. Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen des Landes Nordrhein Westfalen, 11 FAQs zur Mundgesundheitsförderung in der frühen Kindheit, abgerufen August 2019

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