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Glutensensitivität: Nicht mehr länger Einbildung

  • Autor: Zentrum der Gesundheit
  • aktualisiert: 24.08.2018
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Glutensensitivität: Nicht mehr länger Einbildung
© Marcos Mesa Sam Wordley - Shutterstock.com

Glutensensitivität wurde lange als eine Art Einbildung betrachtet. Betroffene hätten eben gelesen, dass Gluten ungesund sei. Und wenn sie dann glutenhaltige Speisen zu sich nähmen, zeigten sie einschlägige Symptome – natürlich nicht, weil Gluten tatsächlich schädlich sei, sondern nur weil die Leute das eben ganz fest glaubten. Folglich nahm die Mehrheit der Schulmediziner das Problem nicht ernst. Das wird sich bald ändern. Denn die wissenschaftlichen Beweise für die Existenz der Glutensensitivität mehren sich.

Wissenschaftlich bewiesen: Glutensensitivität

Wer Gluten nicht verträgt, hat Zöliakie. Wer aber keine Zöliakie hat, muss gefälligst Gluten vertragen – so in etwa die bisherige Meinung der Schulmedizin. Die sog. Glutensensitivität, bei der man nach Glutenverzehr Symptome entwickelt, obwohl man nicht an Zöliakie leidet, wurde als esoterisches Konstrukt betrachtet, etwas, das man nicht ernst nahm und nur milde belächelte.

Zwar existieren schon seit den 1970er Jahren Berichte von Patienten, die auf Gluten reagierten, obwohl sie keine Zöliakie hatten. Doch gab man dem Phänomen keinen Namen, ignorierte es also einfach.

Inzwischen gibt es dafür jedoch eine eigene Bezeichnung: zöliakieunabhängige Glutensensitivität oder nicht-zöliakiebedingte Glutensensitivität – abgekürzt NCGS.

Die Symptome der zöliakieunabhängigen Glutensensitivität

Die NCGS zeigt sich uneinheitlich, das heisst mit sehr unspezifischen, individuellen Symptomen. Einerseits gehören dazu Verdauungsbeschwerden:

Andererseits können es auch ganz andere, teilweise sehr unspezifische Symptome sein, wie z. B.

Die Diagnose: Alles andere als einfach

Bei der Zöliakie treten ganz ähnliche Symptome auf, mit dem Unterschied, dass man die Zöliakie eindeutig diagnostizieren kann, die NCGS hingegen nicht. Bei einer Zöliakie zeigen sich spezifische Schäden an der Dünndarmschleimhaut (Biopsie), und bestimmte Antikörper können im Blut festgestellt werden.

Reagiert jemand auf Gluten mit den beschriebenen Symptomen, ohne jedoch die zöliakietypischen Diagnosemerkmale aufzuweisen, dann liegt eine NCGS nahe. Man diagnostiziert die NCGS also hauptsächlich über den Ausschluss einer Zöliakie bei nahezu identischen Symptomen.

Zwar werden bei einer vermuteten NCGS in manchen Fällen Tests auf Antikörper gegen bestimmte Glutenbestandteile durchgeführt, doch fallen diese Tests natürlich dann negativ aus, wenn jemand auf andere Glutenbestandteile reagiert, die mit diesen Tests nicht überprüft werden, worüber wir schon hier geschrieben hatten: Sechs Zeichen für Glutenintoleranz

Glutenfreie Lebensmittel

Glutensensitivität: Nicht mehr länger Einbildung

Es ist also fast schon nachvollziehbar, wenn die Schulmedizin aufgrund der verschwommenen Sachlage nicht wirklich an die Existenz der Glutensensitivität (auch Glutenintoleranz genannt) glaubt und sie in die Schublade "Alles nur Einbildung!" gepackt hat.

Von dort kann sie jetzt aber wieder ganz offiziell herausgenommen werden, denn Wissenschaftler erbrachten in den letzten Jahren mehrfach den Nachweis dafür, dass es sie gibt, die zöliakieunabhängige Glutensensitivität und damit auch den Beweis dafür, dass all die Betroffenen keinesfalls eingebildete Kranke sind, sondern an sehr realen Beschwerden leiden.

Wissenschaftliche Studien beweisen Existenz der Glutensensitivität

Biesiekierskiet al.berichteten schon 2011 im American Journal of Gastroenterology von ihrer doppelblinden Studie, in der sie die NCGS bei Personen mit Reizdarmdiagnose beobachtet konnten.

2012 dann zeigten Carroccioet al., dass etwa 30 Prozent aller Patienten mit Verdauungsbeschwerden bei einer Weizenprovokation mit Symptomen reagierten. Die Studienautoren sprachen hier somit von NCWS-Patienten, also von einer Weizensensitivität.

2015 stellten Di Sabatinoet al.in einem doppelblinden Crossover-Versuch fest, dass 20 Prozent der Magen-Darm-Patienten definitiv auf Gluten reagierten, ohne an einer Zöliakie erkrankt zu sein.

Die GLUTOX-Studie

Ganz aktuell ist die italienische sog. GLUTOX-Studie, deren Resultate 2016 im Fachjournal Nutrients vorgestellt wurden. Diese Untersuchung wurde über ein Jahr hinweg in 15 verschiedenen ambulanten Gesundheitszentren in Italien durchgeführt (vom Herbst 2013 bis zum Herbst 2014). Beteiligt waren 140 Erwachsene , die an chronischen Magen-Darm-Beschwerden litten.

  • 40 hatten eine Reizdarm-mit-Durchfall-Diagnose,
  • 14 eine Reizdarm-mit-Verstopfung-Diagnose,
  • 20 litten an einem Reizdarm mit abwechselnder Symptomatik (mal Durchfall, mal Verstopfung),
  • 12 waren chronisch magenkrank mit Beschwerden hauptsächlich nach dem Essen,
  • 10 litten an Oberbauchschmerzen und Brennen (epigastrisches Schmerzsyndrom) und
  • 41 hatten andere, nicht näher diagnostizierte Magen-Darm-Beschwerden.

Die Beschwerden traten auffälligerweise immer besonders dann auf, wenn die Betroffenen irgendetwas gegessen hatten, das Gluten enthielt. Zöliakie, chronisch entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn etc.), psychische Störungen, systemische Autoimmunerkrankungen und eine Weizenallergie konnten ausgeschlossen werden.

Glutenfreie Ernährung: 75 Prozent der Patienten erleben eine Besserung ihrer Beschwerden

Die Untersuchung wurde in zwei Phasen durchgeführt. In Phase 1 wurde geschaut, wie die Beteiligten auf eine dreiwöchige glutenfreie Ernährung reagierten. 75 Prozent erlebten eine Besserung durch die glutenfreie Ernährung. Nebenwirkungen dieser Ernährungsform wurden keine beobachtet.

In Phase 2 erhielten jene, die auf die glutenfreie Ernährung mit einer Besserung reagiert hatten, weiterhin eine strikt glutenfreie Ernährung. Zusätzlich aber gab man ihnen 7 Tage lang täglich jeweils 7 Kapseln, die entweder Gluten oder ein Placebo enthielten – 4 zum Mittagessen und 3 zum Abendessen. Die Glutenmenge der Kapseln (5,6 g) entsprach der Glutenmenge von 80 g Pasta.

Dann legte man eine 7-tägige Pause ohne Kapseln ein, bevor man die Gluten- und Placebogruppe tauschte. Jetzt erhielten jene, die zuvor die Glutenkapseln erhalten hatten, die Placebokapseln und umgekehrt. Insgesamt dauerte Phase 2 also drei Wochen lang.

Die durchführenden Ärzte wussten genausowenig wie die Patienten, welche Kapseln nun die Glutenkapseln und welche die Placebokapseln waren. Lediglich der Kapsellieferant wusste Bescheid.

Von den 101 Patienten, die so gut auf die glutenfreie Ernährung reagiert hatten, nahmen nur 98 an Phase 2 teil. Die 3 Aussteiger waren so glücklich über die Besserung ihrer Beschwerden, dass sie fürchteten, durch das in Phase 2 zu verzehrende Gluten einen Rückfall zu erleiden, was sie unter allen Umständen vermeiden wollten.

Auch andere Getreidesubstanzen können zu Unverträglichkeiten führen

Ein Drittel der verbliebenen Patienten konnte nach Phase 2 in zwei Gruppen eingeteilt werden. Die Hälfte könnte tatsächlich einem sog. Nocebo-Effekt erlegen sein, schien sich die Glutensensitivität also nur einzubilden. Andererseits könnten diese Patienten auch auf andere Getreidesubstanzen mit Beschwerden reagieren. Denn Weizen und andere Getreide enthalten ja nicht nur Gluten als Substanz, auf die Menschen mit Unverträglichkeiten reagieren können.

Im Getreide finden sich auch die sog. ATIs (Amylase Trypsin Inhibitoren), die ebenfalls Ursache einer glutenunabhängigen Glutensensitivität darstellen können. Auch die sog. FODMAPs können zu Verdauungsbeschwerden nach dem Verzehr entsprechender Lebensmittel führen. FODMAP ist die Abkürzung für "fermentable oligo-, di- and monosaccharides and polyols".

Dabei handelt es sich um Mehrfachzucker, Zweifachzucker und Einfachzucker sowie um bestimmte Alkohole (Polyole). Diese Stoffe kommen bekanntlich in vielen Lebensmitteln vor, aber insbesondere in Getreideprodukten. Wer also glutenhaltige Lebensmittel meidet, reduziert automatisch auch die FODMAP-Menge seiner Ernährung. Und seine Beschwerden – wenn diese FODMAPs-bedingt sind – nehmen ab.

Glutenfreie Ernährung ist ein Versuch wert!

Die andere Hälfte hingegen (14 Prozent der ursprünglichen 101 Patienten) hingegen konnte als eindeutig glutensensitiv diagnostiziert werden. Ihnen ging es schlechter, wenn sie Gluten assen (auch dann, wenn sie nicht wussten, ob sie Gluten in den Kapseln hatten oder ein Placebo) und sehr viel besser, wenn sie glutenfrei lebten. Sie litten an einer zöliakieunabhängigen Glutensensitivität.

Wer also an chronischen Magen-Darm-Beschwerden leidet, mit einer Reizdarmdiagnose nach Hause geschickt wird und nur rein symptomatisch behandelt wird, nicht selten auch nur noch Antidepressiva verschrieben bekommt, sollte einfach einmal ein paar Wochen glutenfrei leben.

Die Chancen stehen gut, dass sich die Beschwerden stark bessern oder gar ganz verflüchtigen.

Informationen zur glutenfreien Ernährung finden Sie hier: Glutenfreie Ernährung – Leicht und lecker

Tipps zum glutenfreien Backen lesen Sie hier: Glutenfrei backen

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Leserkommentare

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eschlechtrimen@aol.com schrieb am 26.02.2018

Sehr guter Artikel! So wie viele, an denen nicht nur ich mich orientiere, sondern auch meine Kunden, Mitarbeiter und Klienten. Bitte gestatten Sie, dass ich dem noch etwas hinzufüge:

Über die letzten 15 - 20 Jahre hinweg sind im Bereich der Bäckerei zwei Faktoren besonders zu beobachten:

• die Verwendung von neueren moderneren Weizensorten, mit höheren Proteingehalten und teilweise höheren Anteilen von ATI´s (Amylase-Trypsin-Inhibitoren).

• die Wandlung der einst traditionell handwerkliche geprägte Herstellungsweise von Broten und Backwaren in

eine überwiegend industrielle.

Die Welt der Brote und Backwaren hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Zu beobachten ist die Wandlung der einst traditionell handwerklichen Herstellungsweise von Broten und Backwaren in eine überwiegend industrielle, die Wandlung des einstigen Kulturgutes zum inflationären Handelsgut. Industriell hergestellte Backwaren werden dabei nicht nur von Discountern, sondern auch vom Kiosk bis zur Tankstelle angeboten. Handwerkliche Bäcker sterben dagegen aus. Die Bagatellisierung des einstigen Kulturgutes wurde erst möglich durch das (über-) große Angebot von billigen Backwaren aus industrieller Herstellung, oft aus Niedriglohnländern. Üblicherweise werden diese als Teiglinge vorproduziert, schockgefrostet und später vor Ort in der Regel von ungelernten Kräften ebenso schockartig fertig gebacken. Die Backwaren müssen dabei einigen Stress aushalten: gute und schnelle Maschinengängigkeit, extreme Temperatur-Kurven, die Lagerung in der Kälte und die fehleranfällige Behandlung durch Laien. Damit darüber hinaus günstige Herstellungskosten erreicht werden und die Backwaren nachher trotzdem groß und hübsch aussehen, ist es notwendig die im Vergleich zur traditionellen Backkultur bis zu 20 stündigen Reifezeit auf kaum mehr als eine Stunde zu verkürzen. Klassische Weizen- Vor- und Sauerteige kommen in der Billigst-Produktion eher selten zum Einsatz, Langzeitführungen überhaupt nicht. Außer dem Hefetrieb findet kaum mehr eine enzymatische Reifung statt. Das natürliche enzymatische „Aufknacken“ der Nahrungsbestandteile, so wie es die handwerkliche Backkultur von jeher vorsieht, und was als Vorbereitung für die menschliche Verdauung wertvolle Dienste leistet, ist für industrielle Herstellung ein unkalkulierbarer „Störfaktor“ im Produktionsprozess und muss oft durch den Einsatz von chemischen Zusatzstoffen und synthetischen Enzymen kontrolliert und größtenteils unterdrückt werden.

Fazit: Die Züchtung von Weizensorten mit komplexeren Nährstoffen auf der einen Seite und die Verringerung enzymatischer Reifezeiten auf der anderen ist eine unselige Kombination. Aber was kann der sensitive

Verbraucher tun?

Die wissenschaftliche Hinweis von Prof. Dr. Dr. Reinhold Carle, Universität Hohenheim: Je länger der Teig ruht, desto vollständiger werden mehleigene Zuckerstoffe (FODMAPS*) vergoren. Werden diese vollständig abgebaut, werden Blähungen, Schmerzen, Verstopfungen und Diarrhöen vermieden. Außerdem wird die Phytinsäure abgebaut und damit die Bioverfügbarkeit von Mineralstoffen verbessert. „Slow Baking“, bewirkt nicht nur schmackhaftere, sondern auch besser verträgliche und ernährungsphysiologische wertvollere Brote und Gebäcke. Für die sehr große Anzahl Reizdarm-geplagter oder glutensensitiver Menschen kann „slow ebackenes“ Brot so wieder zum Genuss werden.

Eine Kennermeinung vom Küchenchef eines großen und bekannten Kölner Hotels: „Ihre Backwaren haben einen besseren Geschmack, es schmeckt wie früher. Sie fühlen sich schon in der Hand beim Anschneiden und auch im Mund einfach besser an. Wenn ich sie esse bin ich früher satt und bekomme kein Völlegefühl und auch keine Blähungen. Ihr Brot macht einfach glücklich, ich habe nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt.“ Eine wunderbare Rückmeldung, die für unsere Arbeit überaus wertschätzend und Sinn gebend ist.

Was macht „Slow-Baking“ als traditionelle Backkultur aus? Zertifizierte „Slow-Baker“ haben sich vertraglich verpflichtet, noch so zu backen wie früher. „Slow-Baker“ müssen lange Teigführungszeiten, Weizen-, Vor- und Sauerteige verwenden und auf chemische Zusatzstoffe verzichten. Backen dürfen sie lediglich mit natürlichen Zutaten und nach traditionellen Methoden. Während der um ein vielfaches längerer Teigführungszeit in Verbindung mit Vor und Sauerteigen findet eine gute enzymatische Vorbereitung für die spätere beschwerdefreie Verdauung statt. Die Rückmeldungen vieler unserer Kunden sind sehr gut, sie konnten sehr gute Erfahrungen mit unseren Produkten machen und kaufen diese ganz bewusst.

ES

Bäcker-Meister, Betriebswirt HwK, Konditor-Meister, DLG-Prüfer, Dipl. Sensoriker, Ernährungsberater, Personenzentrierter Coach(GwG); u. Supervisor (DGSV)

Antwort vom Zentrum der Gesundheit

Ich finde es nach wie vor auffällige Werbung, da er ja seine Brote verkaufen will. Könnte dann ja jeder so handhaben...

Hallo ES

Vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Ergänzung. Bitte berücksichtigen Sie jedoch, dass unsere Kommentarfunktion nicht für Werbezwecke genutzt werden sollte. Wir haben daher Ihren Namen entfernt. Auch die Verwendung der Mailadresse als Nick ist diesbezüglich ungünstig. Bitte ändern Sie diesen daher baldmöglichst. Danke!

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