Kinder/Schwangerschaft

Wie Zuckerkonsum zum Alkoholproblem führen kann

  • Autor: Carina Rehberg
  • aktualisiert: 20.11.2018
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Wie Zuckerkonsum zum Alkoholproblem führen kann
© gettyimages.de/Pixavril

Kinder, die zucker- und fettreiche Nahrungsmittel erhalten, greifen später – ja oft schon im Jugendalter – häufiger zu Alkohol als Kinder, die gesund ernährt werden. In die Rubrik der zucker- und fettreichen Nahrungsmittel fallen beispielsweise Süssigkeiten, Softdrinks sowie Fastfood wie Burger, Pizza und Bratwurst. Europäische Forscher verschiedener Institutionen glauben, dass das Suchtpotential einer zucker- und fettreichen Ernährung dazu führt, dass alsbald zu tatsächlichen Drogen wie Alkohol gegriffen wird.

Erst zuckersüchtig, dann alkoholabhängig

Wenn Eltern ihren Kindern Naschereien, süsse Getränke und andere zuckerhaltigen Snacks vorenthalten, werden sie nicht selten als Rabeneltern bezeichnet. Denn man würde seine Kinder damit ins soziale Abseits befördern und Verbote würden das Verbotene noch verlockender erscheinen lassen.

Ja, man müsse das Kind selbstbestimmt leben und daher auch selbst entscheiden lassen, ob es Zucker essen möchte oder nicht. Es müsse seine eigenen Erfahrungen sammeln dürfen (in Form von zuckerbedingten Gesundheitsbeschwerden). Erst diese Erfahrungen könnten es schliesslich zu einer vollkommen selbstbestimmten Zuckerabkehr motivieren.

Falls der betreffende Mensch dann überhaupt den Zucker (und andere Ernährungsfehler) als Ursache seiner Beschwerden erkennt, ist er vielleicht bereits zuckersüchtig und ist kaum noch in der Lage, seine Ernährung und Gewohnheiten mal eben zu verändern. Da ausserdem selten eine Sucht allein auftritt, sondern vielmehr sog. Kreuzabhängigkeiten, hat der jeweilige Mensch inzwischen möglicherweise nicht nur eine Zuckersucht, sondern auch noch ein Alkoholproblem.

Folgen von Zuckerkonsum sind kaum bekannt

Wie wenig bekannt diese Zusammenhänge und möglichen Folgen des Zuckerkonsums sind, zeigen auch Artikel wie jener aus Zeit Online vom August 2018. Darin heisst es, Zucker werde behandelt, als sei es Crystal Meth für Kinder, vor ihm werde gewarnt wie vor einer Droge, womit Schluss sein müsse, denn allein Zucker sei nicht die Ursache von kindlichem Übergewicht.

Zucker IST eine Droge – und die Folgen von Zucker sind bei weitem nicht „nur“ Übergewicht. In einem Review (Übersichtsarbeit über mehrere Studien) aus dem Jahr 2017 las man, dass Zucker in Tierstudien sogar mehr Symptome zeige, als für die Klassifizierung als suchterzeugende Substanz erforderlich wäre.

Symptome einer Zuckersucht

Zucker löst – und zwar nicht nur bei Versuchstieren, sondern auch beim Menschen – Fressattacken und Heisshunger aus; es lässt sich ferner eine Toleranzentwicklung beobachten (man braucht immer mehr Zucker, um seinen Süsshunger zu befriedigen) und es treten Entzugserscheinungen auf, wenn man zu lange keinen Zucker gegessen hat.

Auch kann es zur Kreuzsensibilisierung kommen, was bedeutet, dass der Zuckersüchtige leichter zu anderen Drogen wechseln kann (z. B. Alkohol, Amphetamine, Kokain), ferner zur Kreuztoleranz und Kreuzabhängigkeit (Abhängigkeit von mehreren Drogen). Durch Zucker wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Gleichzeitig werden körpereigene Opioide ausgeschüttet – allesamt typische Eigenschaften von süchtigmachenden Substanzen.

Yacon

Kann die Ernährung in der Kindheit eine spätere Alkoholsucht begünstigen?

Im August 2018 erschien eine weitere Studie zu diesem Thema. Sie wurde im Fachmagazin Public Health Nutrition veröffentlicht. Beteiligt waren zehn europäische Institutionen unter Federführung des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS. Die Studie wurde im Oktober 2018 in Lissabon sogar von der European Society for Prevention Research (EUSPR) als herausragende Forschungsleistung mit dem EUSPR Presidents‘ Award ausgezeichnet.

Das Forscherteam rund um Studienerstautorin Kirsten Mehlig von der Universität Göteborg in Schweden sowie Professor Wolfgang Ahrens vom BIPS wollte wissen, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der Nahrungsmittelpräferenz in der Kindheit und dem späteren Konsum der am meisten verbreiteten Droge Alkohol gibt. Greifen Kinder, die viel Zucker und Fett zu sich nehmen, als Heranwachsende also auch häufiger zur Flasche?

Zucker und Fett in der Kindheit fördern Alkoholkonsum im Jugendalter

Zur Klärung dieser Frage wurden zunächst die Daten von mehr als 16.000 Kindern aus der europäischen IDEFICS/I.Family Kohortenstudie ausgewertet. Die Kinder waren im Alter von 2 bis 9 Jahren und stammten aus acht europäischen Ländern (Belgien, Deutschland, Estland, Italien, Spanien, Schweden, Ungarn und Zypern). Anschliessend analysierte man die Daten der Kinder aus der Folgestudie, als diese zwischen 7 und 17 Jahre alt waren. Zusätzlich befragte man Familienmitglieder.

Das Ergebnis war, dass Kinder, die eine zucker- und fettreiche Ernährung erhielten, schon im Jugendalter häufiger regelmässig Alkohol konsumierten als die sich gesund ernährende Vergleichsgruppe. Dies war in allen untersuchten Ländern der Fall. Die familiären Lebensumstände der Kinder konnten als Ursache für den entdeckten Zusammenhang ausgeschlossen werden.

Durch Fett und Zucker erlernt das Kind ein Verlangen nach suchterzeugenden Stoffen

Aus früheren Studien weiss man bereits, dass sich das Verlangen nach Fett und nach Alkohol gegenseitig verstärken kann. Zusätzlich wird der Griff nach der Flasche durch die weiter oben beschriebenen Kreuztoleranzen und Kreuzabhängigkeiten, die mit einer Zuckersucht einhergehen, gefördert.

Durch eine fett- und zuckerreiche Ernährung im Kindesalter scheint das Kind also ein grundsätzliches Verlangen nach Sucht erzeugenden Stoffen zu „erlernen“, das sich in späteren Jahren dann beispielsweise in einem erhöhten Alkoholkonsum zeigen kann.

Zahlreiche Gesundheitsschäden durch Zucker und Fett

Eine zucker- und fettreiche Ernährung birgt also nicht nur die Gefahr von Zahnschäden und Übergewicht, sondern auch das Risiko eines hohen Alkoholkonsums. Wir hatten ausserdem schon hier anhand einer Studie erklärt, wie Zucker bei Kindern zur Fettleber, zu Bluthochdruck und Diabetes führen kann bzw. wie einzig und allein eine zuckerarme Ernährung alle diese Probleme bessern konnte.

Auch ist eine zucker- und fettreiche Ernährung alles andere als intelligenzfördernd – weder bei Kindern noch bei Erwachsenen. Denn Zucker und Fett verändern derartig nachhaltig die Darmflora, so dass diese nun wiederum über bestimmte Neurotransmitter äusserst negativ das Gehirn beeinflusst.

Kinder können zuckerfrei leben – ganz ohne Verbote

Wenn Eltern ihren Kindern daher keinen Zucker geben möchten, ist das mehr als verständlich. Dabei muss es jedoch keine konkreten Verbote geben. Es sollte hingegen so sein, dass es in der Familie ganz selbstverständlich ist, keinen Zucker zu essen, ohne darum viel Aufhebens zu machen.

Eine gesunde Ernährung bietet so viele Genüsse und auch Alternativen für Süsses, dass ein Gefühl des Verzichts nicht aufkommt. Diese Kinder spüren dann auch später, wenn sie in der Kita oder Schule zuckerhaltige Snacks probieren, sehr genau, was ihnen gut tut und was nicht und werden kaum suchtähnliche Verhaltensweisen entwickeln.

Hinweis: Wenn im Artikel von Zucker die Rede ist, dann ist damit Industriezucker gemeint. Es sind also nicht generell Kohlenhydrate gemeint und es ist auch nicht der fruchteigene Zucker im Obst gemeint. Wenn im Artikel von Fett die Rede ist, dann sind damit fettreiche verarbeitete Fertigprodukte und Fastfoodmahlzeiten gemeint und nicht der Löffel Olivenöl im Salat oder der Klecks Mandelmus im Smoothie.

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