Fernsehen macht dick
Kinder schauen zuviel Fernsehen. Wenn wir diese Problematik nicht in den Griff bekommen, wird Deutschland schon sehr bald bildungsmäßig und wirtschaftlich absinken.
Veröffentlichung am 03.11.2006 um 12:53 Uhr / Aktualisierung am 19.03.2012 um 14:41 Uhr 
(Zentrum der Gesundheit) - Ein Psychiater schlägt Alarm: Die provokanten Thesen von Prof. Manfred Spitzer: Unsere Kinder sitzen viel zu lange vor dem Bildschirm: Das hat, so Prof. Spitzer, extrem negative Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung - egal, ob sie fernsehen oder Computerspiele machen. Kämpfen, töten, siegen. Bei vielen Computerspielen lernen Kinder von klein auf das Handwerk der Gewalt.
TV Konsum und die daraus entstehende mangelnde Bewegung macht dick und in frühem Alter gesundheitliche Schäden anrichteten kann.Wenn wir am Medienkonsum unserer Kinder und Jugendlichen nicht sehr schnell etwas ändern, dürfen wir in 20 Jahren vielleicht gerade noch die T-Shirts für China nähen", sagt Manfred Spitzer und setzt nach: "Aber nur, wenn wir Glück haben!" Für den Professor und Leiter der Psychiatrischen Klinik der Universität Ulm ist dieses Horrorszenario keine Glaubens- oder Meinungsfrage, sondern das Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit. "Doch viele Politiker haben bis heute kein Bewusstsein über die dramatischen Folgen dieser Entwicklung."
Am Wochenende hat Professor Spitzer in München seine alarmierenden, unter Medienexperten umstrittenen und provokanten Thesen über die katastrophalen Auswirkungen des frühen und immer heftigeren Medienkonsums auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vorgestellt: Auf dem renommierten "5. Internationalen Kongress über Theorie und Therapie von Persönlichkeitsstörungen" (AZ berichtete). Mit einem klaren "ja" hat der Experte dabei die Fragestellung seines Vortragsthemas beantwortet: "Können Fernsehen und Computerspiele die Persönlichkeit verändern?"
Seine Prognose könnte nicht düsterer ausfallen - und viele wissenschaftliche Studien scheinen ihm Recht zu geben: "Im Schnitt sitzen unsere Kinder und Jugendlichen heute pro Tag fünfeinhalb Stunden passiv vor dem Monitor (Fernseher, Video, Computer, Internet) oder machen PC-Spiele."
Sie verbringen also mehr Zeit mit einem heftigen Medienkonsum als in der Schule oder mit anderen Beschäftigungen wie Sport, Kunst, Musik oder gemeinsamen Spielen,
so Prof. Spitzer. Für ihn sind
Passivität, Inaktivität und Übergewicht durch Bewegungsmangel
Nur einige der negativen Folgen: "Studien haben klar bewiesen, dass ein übermäßiger Dauerkonsum von Fernsehen, Computerspielen, Videogames oder Internet Kinder und Jugendliche dick, dumm und gewalttätig macht".
Die weitere Entwicklung ist noch erschreckender, weil immer mehr Kinder bereits von klein auf täglich immer länger vor dem Bildschirm sitzen,
kritisiert Prof. Spitzer.
Wenn wir diese Problematik nicht in den Griff bekommen, wird Deutschland schon sehr bald bildungsmäßig und wirtschaftlich absinken.
Prof. Spitzer fühlt sich durch eine Studie aus Neuseeland wie durch die Pisa-Studie voll bestätigt: Sie alle belegen, dass der Bildungsgrad der jungen Generation eines Landes in direktem Zusammenhang mit dem zukünftigen wirtschaftlichen Erfolg steht.

Doch wie könnte man die "Verdummung" großer Teile der Bevölkerung stoppen? Für Spitzer ist eines klar: "Das einzig nachgewiesene Erfolgsmittel ist eine Dosisreduktion - denn die Dosis macht das Gift." Der Experte fordert deshalb "Alternativen" zur "Vereinsamung unserer Kinder vor Computern und Fernsehgeräten". Er denkt an Ganztagesschulen mit kreativen Angeboten: "Es darf nicht sein, dass immer mehr Kinder, vor allem auch aus sozial schwächeren Familien, ab 13 Uhr alleine vor dem Bildschirm verdummen, weil ihre Eltern beide arbeiten müssen."
Skeptisch bleibt der Experte auch gegenüber allen bisherigen Programmen der Medienerziehung, der Förderung der Medienkompetenz und des bewussten Fernsehens. "Sie reduzieren nicht die Dauer des Konsums", so die Kritik, "und Studien hierzu haben ergeben, dass solche Programme wirkungslos sind. Sie beruhigen die Eltern, das ist alles." Sein Credo: "Wir müssen den Kindern Alternativen bieten."
Ein 18-Jähriger hat im Durchschnitt bereits 200.000 Gewaltakte im Fernsehen gesehen. "Das Gehirn lernt immer", sagt dazu der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer. Aber was?
80% (Prozent) aller im deutschen Fernsehen gezeigten Programme enthalten Gewalt. Eine Studie zu 2500 TV-Gewaltakten hat gezeigt: In nur vier Prozent der Filme werden gewaltfreie Konfliktlösungsmodelle diskutiert, in 50% (Prozent) tut die Gewalt nicht weh, und in über 70% (Prozent) aller gezeigten Gewaltakte kommt der Täter ungestraft davon. "Wir zeigen den Kindern: Es gibt sehr viel Gewalt, es gibt keine Alternative, sie tut nicht weh und der Täter kommt meistens davon - eine Bankrotterklärung unserer Erziehung", beklagt Spitzer.
"Wir sollten eine Steuer für medial produzierte Gewaltakte erheben", fordert Pro. Manfred Spitzer. Analog zur Ökosteuer: Denn Gewalt in den Medien sei letztlich wie "Umweltverschmutzung" zu ahnden.
Quelle: Michael Backmund in der AZ München vom 17.07.06
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