Vitamin-A-Quelle Beta-Carotin
Die Deutschen nehmen nicht genügend Beta-Carotin über die Ernährung auf. So können sie von wichtigen Schutzfunktionen des Pro-Vitamin A nicht profitieren
Veröffentlichung am 18.11.2009 um 15:33 Uhr / Aktualisierung am 27.10.2011 um 13:45 Uhr 
(Zentrum der Gesundheit) - Beta-Carotin war in den 1990er Jahren ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, jedoch zu Unrecht. Als Vitamin-A-Quelle ist die Zufuhr für unseren Organismus unerlässlich und über die Aufnahme von Lebensmitteln, oder über Nahrungsergänzungsmittel in Lebensmittelqualität zugeführt, absolut sicher. Ein Vitamin A-Mangel kann weit reichende gesundheitliche Risiken bergen.
„Wir müssen uns nicht vor zu viel Beta-Carotin schützen, sondern vielmehr vor zu wenig! Beta-Carotin aus Lebensmitteln, angereicherten Säften oder angemessen dosierten Supplementen können wir als sicher ansehen.“
Dieses Fazit zog Prof. Hans-Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim in Stuttgart jüngst beim 2. Hohenheimer Ernährungsgespräch, dessen Gastgeber er war. Denn die Deutschen nehmen nicht genügend Beta-Carotin über die Ernährung auf. So können sie von wichtigen Schutzfunktionen des Pro-Vitamin A für die Gesundheit nicht profitieren.
Biesalski und andere führende Experten aus Medizin und Ernährungswissenschaft appellierten an die Öffentlichkeit, die Versorgung mit Beta-Carotin und Vitamin A in Deutschland dringend zu verbessern. Dazu leisten auch Vitamin-Präparate und die Anreicherung von Lebensmitteln mit Beta-Carotin, wie zum Beispiel bei „ACE“-Getränken, durchaus einen sinnvollen Beitrag mit gesundheitlichem Nutzen, so lange die Dosierung von Pro-Vitamin-A nicht extrem hoch ist. Darauf wies der international renommierte Carotinoid- und Vitamin-A-Forscher Dr. Georg Lietz von der britischen Universität Newcastle hin.
Was die immer wieder diskutierte Sicherheit von Beta-Carotin angeht, so erläuterte Biesalski, dass sich diese Frage überhaupt nur für sehr hohe Dosen bei Rauchern stelle, jedoch tägliche Mengen bis zu 10 Milligramm auch für diese Bevölkerungsgruppe unbedenklich seien.
Für die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung hingegen sieht der Ernährungsmediziner jedoch eher das Risiko einer unzureichenden Vitamin-A-Versorgung mit negativen Folgen, beispielsweise für das Immunsystem, im Vordergrund – und dagegen müsse auch über eine ausreichende Aufnahme von Beta-Carotin vorgegangen werden. Der durchschnittliche Obst- und Gemüseaber auch Leberkonsum hierzulande reicht dafür nicht aus, eine signifikante Steigerung des Verzehrs ist nicht absehbar.
Beta-Carotin war in den 1990er Jahren ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, weil in zwei Studien die jahrelange Einnahme sehr grober Mengen dieses Carotinoids (das 10 bis 15-fache der empfohlenen Tagesdosis) bei starken Rauchern zur einer Erhöhung des Lungenkrebsrisikos und der Sterblichkeit geführt hatten.
"Die Wissenschaft, die damals gehofft hatte, sie hätte mit Beta-Carotin ein Wundermittel gegen die gesundheitsschädlichen Wirkungen des Rauchens in der Hand, wurde enttäuscht", so Biesalski. Das Rauchen selbst sei dabei natürlich das eigentliche Risiko. Bei Nicht-Rauchern wurden keine negativen Effekte beobachtet. Für diese sei das Pro-Vitamin-A absolut unbedenklich und gesundheitsfördernd und für Raucher in moderaten Dosen bis 10 mg ebenfalls, was auch die die Ausführungen der übrigen Referenten bestätigten.

In der Haut beispielsweise wirkt Beta-Carotin als Schutz vor Schäden, die durch intensive Sonnenbestrahlung entstehen können. Dieser photo-oxidative Stress, so Prof. Helmut Sies, Universitätsklinikum Düsseldorf, könne durch dieses Carotinoid neutralisiert werden. Dr. Andrea Krautheim von der Universität Göttingen berichtete u.a., dass ein Mix aus Beta-Carotin und anderen Carotinoiden einen positiven Einfluss auf das Hautbild haben könne, jedoch mit Beta-Carotin allein kein „Hautschutz von innen“ gegen UV-Strahlung zu gewährleisten sei.
Ausserdem besitzt Beta-Carotin als Vorstufe (Pro-Vitamin) von Vitamin A, das vom Körper u.a. für eine gut funktionierende Immunabwehr benötigt wird, einen hohen Stellenwert. Die Deutschen bewerkstelligen ihre Versorgung mit Vitamin A zu fast 50 Prozent über das Pro-Vitamin. Erhebungen wie die jüngste Nationale Verzehrsstudie NVS II haben gezeigt, dass ein grosser Teil der Deutschen zu wenig reines Vitamin A mit der Nahrung zu sich nimmt. „Bis zu 70 Prozent der Vitamin-A-Versorgung in Deutschland müssen daher über Beta-Carotin sicher gestellt werden“, erklärte Biesalski.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 0,8 bis 1,0 mg Vitamin A (Retinol) für gesunde Erwachsene – als so genannte Retinol-Äquivalente, unter die dann auch Pro-Vitamin-A fällt. Um diesen Wert zu erreichen, raten Biesalski und Sies, täglich 2-4 mg Beta-Carotin aufzunehmen. Der Durchschnitt der Bevölkerung bleibt deutlich unter diesen Empfehlungen und geht damit weit reichende Gesundheitsrisiken ein. Das Gros der Deutschen isst nach wie vor zu wenig Obst und Gemüse (Beta-Carotin-Quellen) bzw. Leber und andere Vitamin A-Lieferanten. Inwieweit sich der Konsum dieser Lebensmittel nachhaltig steigern lässt, ist nicht absehbar.
Gleiches gelte für Grobbritannien, berichtete Lietz. Sein Forschungsteam hat zudem erste Hinweise dafür geliefert, dass ca. 40 Prozent aller Europäer eine Genvariante besitzen, die sie Beta-Carotin nur eingeschränkt im Körper verwerten also z. B. in Vitamin A umwandeln lässt. Viele Experten bezweifeln, dass der derzeit noch gültige Umrechnungsfaktor 1:6 (für die Bildung von einem Molekül Vitamin A ist die Aufnahme von 6 Molekülen Beta-Carotin notwendig) realistisch sei. Vieles spricht eher für ein Verhältnis von 1:12, was einer Zufuhrempfehlung von ca. 7 mg Beta-Carotin pro Tag entspräche. Würde man die genetisch bedingte eingeschränkte Beta-Carotin-Verwertung mit berücksichtigen, so Lietz, dann würde die tägliche Einnahmeempfehlung sogar bei 22 mg liegen. Weitere Untersuchungen hierzu laufen derzeit.

In der anschliebenden Diskussionsrunde wurde angeregt, insbesondere in der nasskalten Jahreszeit auf eine ausreichende Beta-Carotin- bzw. Vitamin-A-Zufuhr zu achten, um durch eine Stärkung des Immunsystems insbesondere Erkältungen vorzubeugen. Oberstes Ziel, so Lietz, sei dabei eine ausgewogene Ernährung, wobei mögliche Lücken (z.B. unzureichender Verzehr von Obst, Gemüse bzw. Leber) durch entsprechende Nahrungsergänzungsmittel in Lebensmittelqualität geschlossen werden sollten.
Die Aufklärung der Bevölkerung hinsichtlich Bedarf und Nutzen von Mikronährstoffen wie Beta-Carotin würde in Großbritannien oft durch journalistisch tätige Ernährungswissenschaftler erfolgen, die objektiv informieren würden, ergänzte Lietz. Die in Deutschland in diesem Zusammenhang dominierende Sensationsberichterstattung, die im Fall von Beta-Carotin meistens vor der Verwendung von Supplementen im Allgemeinen – ohne Einschränkung auf Risikogruppe oder Dosierung – warnt, würde viele Menschen unnötig verunsichern und verängstigen.
Für die regelmäßig wiederkehrenden Schreckensmeldungen zu Gefahren, die angeblich von Vitaminen ausgehen, seien nicht zuletzt die Forscher verantwortlich. Diese würden zunehmend versuchen, durch spektakuläre Theorien, die ohne Beweisführung auf reinen Beobachtungsstudien oder Reagenzglasversuchen beruhen, eine Publikation zu erreichen.
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