Kohlenhydratarme Ernährung
Die kohlenhydratarme Ernährung (ketogene Diät) ist eine streng kohlenhydratlimitierte, protein- und kalorienbilanzierte Ernährungsform.
Veröffentlichung am 15.02.2008 um 14:00 Uhr / Aktualisierung am 11.01.2012 um 12:27 Uhr 
(Zentrum der Gesundheit) - Eine kohlenhydratarme Kost übt einen positiven Einfluss auf den Stoffwechsel aus. Aber auch auf anderen Gebieten hat sich die ketogene Diät bewährt. Das wurde zum Anlass genommen, die Wirkungsweise der kohlenhydratarmen Ernährung, wie beim experimentellen Einsatz bei der Krebsbehandlung, auch auf andere Krankheiten zu überprüfen.
Zu den positiven Nebeneffekten der intensivsten Form des Fastens, bei der vollständig auf eine feste Nahrung verzichtet wird, gehören neben euphorischen Empfindungen auch die positive Wirkung bei der Behandlung von epileptischen Anfällen. Bereits 1920 entwickelte der amerikanische Arzt Russel M. Wilder eine Therapieform für epilepsiekranke Kinder, die auf eine ausgeglichene Eiweißzufuhr setzte und zudem fettreich und gleichzeitig kohlenhydratreduziert war. Ziel war, den Fastenstoffwechsel, dem die positive Wirkung des Fastens zugesprochen wird, zu beschleunigen.
So stellte sich diese so genannte ketogene Kost in der Behandlung als positiv dar. Russel stellte 70 bis 80 Gewichts-Prozent aus Fett und 20 bis 30 Prozent aus einer Proteinenmischung zusammen
Durchschlagende Erfolge der jungen Patienten, bei denen sich die Anfallshäufigkeit drastisch reduzierte, sorgten dafür, dass die ketogene Diät an Bedeutung gewann. Jedoch stagnierten weitere Entwicklungen, da innovative Medikamente gegen Epilepsie den Markt eroberten.
In der heutigen Zeit wird immer noch verstärkt auf den Einsatz von Medikamenten gesetzt.

Unterschiedliche Inhaltsstoffe, individuell abgestimmt auf die jeweilige Anfallsform oder Epilepsiesyndrom, gehören zu den Standardbehandlungen. Um eine Anfallsfreiheit zu erreichen, muss der behandelte Patient jedoch auch immer mit entsprechenden Nebenwirkungen rechnen. Dazu gehören unter anderem Müdigkeit, Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisstörungen wie auch Übelkeit. Nur unzureichend oder gar nicht spricht rund ein Drittel der auf diese Weise behandelten Patienten an.
Seit rund zehn Jahren wird auf diesem Gebiet wieder verstärkt die ketogene Kost als Therapiemittel eingesetzt. Beispiele, bei denen auch junge Patienten mittels ketogener Diät von ihrem Anfallsleiden befreit wurden, erhöhten die Attraktivität dieser alternativen Behandlungsform. Wo selbst Operationen und Medikamente keinen Erfolg zeigten, ließ diese Ernährungsform wieder Hoffnung bei den Patienten zu.
Um anderen Menschen die Wirkungsweise näher zu bringen, setzte sich der Vater eines betroffenen Jungen, ein amerikanischer Filmproduzent, für den Erfolg dieser Diät ein und produzierte Filme, um anderen Menschen Mut zu machen. Zudem rief er eine Stiftung unter dem Namen "Charlie Foundation" ins Leben, die entsprechende Forschungen auf diesem Gebiet unterstützt.
Der Siegeszug der ketogenen Ernährung beschränkte sich dabei nicht nur auf die USA, sondern fand auch weltweit Beachtung. In etwa 45 Ländern hat man sich an namhaften Kliniken dieser Kost angenommen und therapiert überwiegend erfolgreich insbesondere auch Kinder.
Grundsätzlich muss der Patient von einer zweijährigen Behandlungsdauer ausgehen, die konsequent durchgeführt werden muss und dem einzelnen Erkrankten ein hohes Maß an Disziplin abfordert. In enger Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern werden spezielle Speisepläne entworfen, die es auch ermöglichen, Kindern den Zugang zu ketogener Kost schmackhaft zu machen. Zu den Grundsätzen einer erfolgreichen Therapie gehört nicht nur die strikte Einhaltung des Ernährungsplanes, sondern auch eine dauerhafte Kontrolle über den Verlauf, der sorgfältig überwacht und dokumentiert werden muss.
Als beispielhaft gilt das Kinderspital in Zürich, wo zwar bei etwa 50 Prozent der behandelten Kinder die Diät nicht das gewünschte Ergebnis brachte, bei den anderen aber gravierende Erfolge erzielte. So konnten bei einem Drittel der jungen Patienten die Anfallshäufigkeit um 75 bis 90 Prozent reduziert werden. Komplett anfallsfrei erwiesen sich am Ende der Therapie sogar rund 10 Prozent.

Erfolgreicher wird derzeit in den USA auf diesem Gebiet gearbeitet. Die durchschlagenden Erfolge, so wird vermutet, begründen sich dadurch, dass Kinder wesentlich früher auf die ketogene Diät gesetzt werden.
Als beispielhaft erweisen sich Erfolge im Johns Hopkins Hospitals in Baltimore. Nach nur einer einjährigen Diät wurden bei knapp der Hälfte der auf diese Weise behandelten Kindern die Häufigkeit der Anfälle um mehr als 90 Prozent reduziert.
Eine zusammenfassende Konferenz belegte, dass Medikamentenstudien auf dem Sektor, nicht die positiven Ergebnisse über den vergleichbaren Zeitraum reflektierten wie bei der ketogenen Diät.
Auf der Suche nach den Gründen für die positive Wirkungsweise dieser Diät, vermutet man, dass Ketonköper dafür verantwortlich sind. Diese werden von der Leber während der Ketose als Energieträger gebildet. Tierversuche belegen, dass eine Zugabe von Ketonköpern zu Nervenzellen, die spontane Aktivität vermindern. So vermutet man, dass die Ketose auf diese Weise einen positiven Einfluss auf die Hyperaktivität von Gehirnzellen Epilepsiekranker nimmt. Parallel dazu werden aber auch noch zahlreiche andere Veränderungen diagnostiziert.
So konnte man an jungen Ratten feststellen, dass die Zellatmung im Gehirn gesteigert wird, wenn anstelle Glukose Ketonköper zur Energiegewinnung vom Körper verbrannt werden müssen.
Ketonkörper als Energieträger kommen aber auch bei der Behandlung von anderen Krankheiten zum Einsatz. Menschen, bei denen Glukose im Gehirn nicht vollständig verbrannt werden kann gehören dazu. Enzymdefekte sind für diesen nicht vollständigen Abbau verantwortlich wie auch die Möglichkeit, dass Glukose nicht in ausreichender Menge ins Gehirn gelangen kann. Verantwortlich dafür ist das so genannte "Glut 1-Defekt". Zwar handelt es sich dabei um eher seltene Erkrankungen, doch nimmt auch hierbei die ketogene Diät einen besonderen Stellenwert ein.
Der Kinderarzt Jörg Klepper von der Kinderklinik in Aschaffenburg berichtete vor einigen Jahren in einer Fachzeitschrift von durchschlagenden Erfolgen. Er nannte eine Studie, bei denen rund 94 Prozent der Patienten mit dem seltenen "Glut 1- Defekt" unter ketogener Kost von epileptischen Anfällen befreit werden konnten.
Doch im Mittelpunkt aller Behandlungen steht auch immer die Frage nach möglichen Nebenwirkungen. Niemand möchte sich schließlich eine Anfallsfreiheit verschaffen, wenn parallel dazu mit einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes zu rechnen ist.
Nicht zu übersehen sind die Empfehlungen vieler Fachgesellschaften für Ernährung, die weitestgehend von einer fettreichen Kost abraten, um einen Anstieg von Blutfettwerten zu verhindern. So wiesen tatsächlich epilepsiekranke Kinder, die auf ketogene Kost umgestellt wurden, nach sechs Monaten deutlich höhere Blutfettwerte auf. Im Verlauf dieser Diät konnte jedoch wieder eine Abnahme dieser Werte diagnostiziert werden. Nach sechs Jahren lagen diese Werte dann wieder im Normalbereich.
Zu den anderen möglichen Nebenwirkungen einer ketogenen Diät können Durchfall, Verstopfung und Nierensteine gehören. Jedoch, laut Aussagen von Fachärzten, können diese Begleiterscheinungen mit Medikamenten wieder behoben werden. Gelegentliche Wachstumsverzögerungen, die bei Kleinkindern beobachtet wurden, normalisierten sich nach dem Absetzen der Diät.

Parallel zu beobachteten Nebenwirkungen konnten aber auch positive Begleiterscheinungen bei den Patienten festgestellt werden. Laut Schilderungen von Eltern der kleinen Patienten, zeigten sich die Kinder wacher und Interessierter als vor der Ernährungsumstellung und gaben somit den Beobachtungen recht, die bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gemacht wurden.
Nach wie vor gehört zu den größten Schwierigkeiten dieser Behandlungsmethode, dass die komplette Ernährung stark beeinflusst und entsprechend umgestellt werden muss. Zu den weiteren Schwierigkeiten gehört auch, diese Umstellung über die erforderliche Zeit beizubehalten, um den Therapieeffekt zu erzielen. So kommt es naturgemäß zu einem häufigen Abbruch gerade bei den Erwachsenen, die bislang ein festes Ernährungsschema hatten.
Doch konnten sich bereits unterschiedliche Varianten der einstigen Wilder´schen Diätkost etablieren, die sogar Erwachsenen schmackhaft gemacht werden kann.
Zu den Besonderheiten gehört, dass es gar Patienten gibt, die trotz des Rückfalles in das alte Ernährungsmuster, keine weiteren Anfälle aufwiesen und beschwerdefrei blieben.
Eine Studie belegt, dass rund 12 Prozent der Kinder die ketogene Diät nach zwei Jahren abbrachen, weil keine Anfälle mehr beobachtet werden konnten. Rund 80 Prozent dieser Patienten waren im Schnitt zweieinhalb Jahre später noch anfallsfrei. Dennoch bleibt die Frage nach den Gründen für diese langfristigen Veränderungen im Raum stehen, die bis heute noch ungeklärt sind.
Zu den Geißeln der Menschheit gehört nach wie vor das Krebsleiden. Dass sich in rund 90 Jahren die Wirkung ketoner Ernährungsweisen positiv auf die Behandlung von Epilepsiekranken ausgewirkt hat, steht fest. Auch wenn noch nicht abschließend Gründe gefunden wurden, belegen Zahlen einen Erfolg dieser Maßnahme.
Umso häufiger steht die Frage im Raum, ob eine Umstellung des Stoffwechsels auch bei der Therapie von anderen Krankheiten sinnvoll sein kann. Im Mittelpunkt steht bei diesen Diskussionen der Krebs.
Krebszellen vergären zur Energiegewinnung, im Gegensatz zu gesunden Körperzellen, verstärkt Glukose im Zellplasma. Im Gegenzug werden ihre Zellkraftwerke gedrosselt, je aggressiver die Zellen arbeiten.
Überlegungen gehen in die Richtung, den Krebszellen den Zucker- Energiehahn zuzudrehen, um sie an einem weiteren Wachstum zu hindern. In zahlreichen Tierversuchen haben sich derartige Strategien als viel versprechend erwiesen. So konnte beispielsweise beobachtet werden, dass sich das Wachstum von Gehirntumoren bei Mäusen deutlich verlangsamen lässt. Der Tumor wurde weniger stark durchblutet, wenn die Tiere ketogenes Futter zu sich nahmen, das zudem kalorienreduziert wurde. Diese Tiere hatten eine längere Lebenserwartung als erkrankte Mäuse, die normal ernährt wurden.
Bei Tierversuchen ist es nicht geblieben. Auch Menschen mit Hirntumoren wurden auf diese Weise behandelt. Vor mehr als zehn Jahren wurden zwei Mädchen behandelt, die ketogene Kost erhielten. Durch diese Therapie konnte das Tumorwachstum zum Stillstand gebracht werden. Jedoch wurden auch weitere Maßnahmen bei der Behandlung eingesetzt wie Chemotherapien, Bestrahlungen und bei einem der beiden Mädchen kamen gar mehrere Operationen hinzu. Beide erfuhren durch die ketogene Kost positive Wirkungen, die sich insbesondere auf den Tumorstoffwechsel bezogen. Um rund 20 Prozent konnte die Zuckeraufnahme des Krebsgewebes unter der Diät reduziert werden.
Auch hierzulande misst man an unterschiedlichen Kliniken dieser Behandlungsweise eine besondere Bedeutung zu und wendet sie unter anderem bei Patienten an, die unter schwer therapierbaren Hirntumoren leiden. Allen Aussagen zu Folge sei es aber gegenwärtig noch zu früh, eine definitive Aussage machen zu können.
Eine niedrige Teilnehmerzahl erschwert genaue Aussagen noch, obwohl nach erstem Anschein das verminderte Wachstum von Tumoren an einem nicht unbedeutenden Teil der Patienten ausgemacht werden konnte. Auch angesichts der Tatsache, dass das Wachstum nicht gestoppt werden konnte, verbesserte sich der Allgemeinzustand der Patienten, wodurch ihr Wohlbefinden gesteigert werden konnte.
Die Fachwelt diskutiert auch darüber, ob nicht auch andere Krankheiten, die auf einem Defekt im Energiestoffwechsel beruhen, auf diese Weise beeinflusst werden, wenn nicht auf lange Sicht sogar geheilt werden können.
Dazu gehört unter anderem die Alzheimer-Krankheit. Ihre Ursache liegt darin, dass die Verwertung von Glukose im Gehirn verringert ist. Tierversuche an Mäusen dokumentieren, dass bei Alzheimererkrankten Tieren die Ablagerung des für die Krankheit verantwortlichen Proteins durch die ketogene Diät um ein Viertel reduziert werden konnte.

Ähnliche Erfolge wurden bei Tierversuchen erzielt, die der Parkinson- Krankheit zu Leibe rücken sollen. Verantwortlich für diese schwere Erkrankung ist ein Defekt in den Mitochondrien.
Mäuse, bei denen diese Krankheit künstlich durch ein Nervengift erzeugt wurde, zeigten eine Verbesserung bereits nach einer einwöchigen Keton- Infusion. Deutliche Verringerungen der typischen Bewegungsstörungen und Nervenschäden konnten diagnostizert werden. Einzelne Studien an Menschen mit diesen Krankheitsbildern können jedoch aufgrund der geringen Teilnehmerzahl noch keine aussagekräftigen Ergebnisse liefern.
Viele unserer Körperzellen setzen bei der herkömmlichen Mischkost den aus Kohlenhydraten gewonnenen Traubenzucker als Brennstoff ein. Werden dem Körper Kohlenhydrate entzogen, sind die meisten Zellen in der Lage, auf Fett als Energiequelle umzusteigen. Jedoch sind Hirnzellen davon ausgeschlossen, da unter normalen Umständen die Blut-Hirn-Schranke für Fett nicht durchlässig ist. Gedeckt wird der Energiebedarf jedoch zu rund 70 Prozent aus Ketonkörpern, die von der Leber aus Fett produziert wird. Die noch verbleibenden 30 Prozent setzen sich aus Glukose zusammen, die von Nieren und der Leber aus Glyzerin und Proteinen gebildet wird.
Zum Plus der ketogenen Kost gehört zweifelsohne, dass anders als beim Fasten, nicht die Gefahr eines Proteinraubbaus an den Muskeln betrieben wird. Der ausreichende Eiweißanteil der ketogenen Kost wirkt sich positiv darauf aus.
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