Autismus und Folinsäure
Bis zu 2 Prozent aller US-amerikanischer Kinder zeigen autistische Symptome. In Deutschland und der Schweiz liegen geschätzte Zahlen in ähnlichen Bereichen, mindestens aber bei 1 Prozent.
Viele dieser Kinder haben Schwierigkeiten, mit anderen zu kommunizieren und sich in der Gesellschaft zu bewegen. Die Ursachen für die Entwicklung autistischer Störungen sind noch nicht geklärt. Auch stehen keine wirksamen Therapien zur Verfügung.
"Die einzigen Medikamente, die für einen Einsatz bei Autismus zugelassen wurden, sind nichts anderes als Antipsychotika (früher auch Neuroleptika genannt – eine Gruppe Psychopharmaka, die beruhigen und einen Realitätsverlust verhindern sollen). Sie zielen jedoch nicht einmal auf die Kernsymptome des Autismus ab, sondern lediglich auf Begleiterscheinungen und führen außerdem zu unerwünschten Nebenwirkungen"
so John Slattery, Co-Autor der Studie, die im Springer Fachjournal Molecular Psychiatry veröffentlicht wurde (2).
Laut aktuellem Stand der Wissenschaft steht Autismus u. a. mit Anomalitäten im Folatstoffwechsel in Zusammenhang.
Folinsäure bessert Kommunikationsfähigkeit bei autistischen Kindern
Dr. Richard Frye vom Arkansas Children's Research Institute untersuchte nun mit seinem Team ganz konkret wie eine hochdosierte Gabe von Folinsäure bei autistischen Kindern wirkt.
48 autistische Kinder in einem Durchschnittsalter von etwa 7 Jahren, die an einer Sprachentwicklungsstörung litten, erhielten 12 Wochen lang entweder hochdosierte Folinsäure (2 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, maximal 50 mg pro Tag) oder ein Placebo.
"Die Verbesserung in der verbalen Kommunikationsfähigkeit war bei den Kindern, die Folinsäure erhielten, signifikant größer (1) als bei jenen, die ein Placebopräparat genommen hatten", berichtet Dr. Frye.
Was ist Folinsäure?
Folinsäure – auch Folinat genannt – ist eine aktive Form des Vitamins B9. Der Begriff Vitamin B9 dient als Oberbegriff für alle natürlichen und synthetischen Folatformen. Folinsäure darf nicht mit Folsäure verwechselt werden!
Chemisch handelt es sich bei Folinsäure meist um Calciumfolinat (auch Leucovorin), eine Form, die im Körper nicht mehr aktiviert werden muss.
Folinat hat zudem besondere Transportwege, durch die es bei bestimmten Folattransportstörungen – etwa im Gehirn – besser wirksam sein kann. Deshalb wird es in der medizinischen Forschung, zum Beispiel bei Autismus oder zerebralem Folatmangel, intensiv untersucht.
Folat, Folsäure, 5-MTHF, Folinsäure - Die Unterschiede
Um Folinsäure richtig einzuordnen, hilft der Überblick über die anderen Formen von Vitamin B9:
Folat
Folat ist die natürliche Sammelbezeichnung für Folatformen in Lebensmitteln. Sie müssen im Körper erst zu aktiven Folaten umgewandelt werden.
Folsäure
Folsäure ist die synthetische, inaktive Form von Vitamin B9, die in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln verwendet wird. Sie benötigt mehrere Aktivierungsschritte im Körper.
5-MTHF
5-MTHF (L-Methylfolat) ist die wichtigste biologisch aktive Form von Vitamin B9, die der Körper direkt nutzen kann. Sie wird heute häufig als moderne Alternative zur klassischen Folsäure in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt.
Folinsäure (= Folinat = Calciumfolinat = 5-Formyl-THF = Leucoforin)
Folinsäure (Folinat) ist ebenfalls eine aktive Folatform, jedoch mit einer Sonderrolle: Sie kann bestimmte Transporthemmnisse im Folatstoffwechsel teilweise umgehen und wird deshalb therapeutisch insbesondere in höherer Dosierung als Arzneimittel eingesetzt. Leucovorin ist der Handelsname.
Folinsäure ist im Allgemeinen nicht als Nahrungsergänzung erhältlich, zumindest nicht in den hohen Dosen, wie sie in der hier vorgestellten Studie zum Einsatz kamen.
Manche autistischen Kinder reagieren besonders gut auf Folinsäure
Interessant an der Untersuchung war ferner, dass man auch spezifische Blutmarker identifizieren konnte, die künftig dabei helfen festzustellen, bei welchen Kindern eine Folinsäuretherapie besonders gut anschlagen wird.
Dazu muss man etwas ausholen:
Vor etwa 10 Jahren beschrieben Wissenschaftler einen Zustand, den man als zerebralen Folatmangel bezeichnete (CFD für Cerebral Folate Deficiency). Hier ist die Folatkonzentration im zentralen Nervensystem unterhalb der Normwerte. Im Blut aber ist der Folatwert in Ordnung.
Die Folgen eines CFD können ganz unterschiedlich sein. Eine verzögerte Entwicklung gehört dazu, Schlafstörungen oder epileptische Anfälle. Viele Kinder mit CFD zeigten außerdem häufig auch Autismus-Symptome.
Behandelte man die CFD-Kinder nun mit hochdosierter Folinsäure (Folinat; nicht Folsäure!), dann besserte sich ihr Zustand merklich. Bei jenen Kindern, die gleichzeitig auch autistisch waren, gingen die Autismus-Symptome zurück.
Also brachte man den chronischen Folatmangel im Gehirn mit einer möglichen Ursache für Autismus in Verbindung.
Autistische Kinder mit bestimmten Antikörpern im Blut brauchen viel Folinsäure
Schon in einer früheren Untersuchung konnte das Team rund um Dr. Frye zeigen, dass man bei Kindern mit Autismus häufig sog. Folatrezeptorantikörper finden konnte.
Diese Antikörper besetzen die Folatrezeptoren der Zellen und blockieren auf diese Weise die Folataufnahme in die Zelle. Es kommt zu einem Folatmangel im Gehirn.
Die zerstörerische Wirkung der Folatrezeptorantikörper auf die Gehirnentwicklung und Gehirnfunktionen gilt als bestätigt.
In der vorliegenden Studie fanden die Forscher nun heraus, dass jene autistischen Kinder, bei denen sich Folatrezeptorantikörper nachweisen ließen, besonders gut auf eine Folinsäuretherapie reagierten.
Dieser Antikörpernachweis könnte künftig helfen, vorher abzuschätzen, welche Kinder mit Autismus von einer Folinatbehandlung am meisten profitieren.
Natürliche Maßnahmen bei Autismus
Die Folinsäuretherapie wird vom Arzt durchgeführt. Doch gibt es auch viele natürliche Maßnahmen, die bei Autismus sinnvoll und hilfreich sind.
Wir beschreiben diese in unseren Artikeln Wie sich Autismus von der Ernährung beeinflussen lässt, Autismus und Zinkmangel - Ein Zusammenhang? sowie der Artikel Vitamin D bessert Autismus-Symptome.
Unseren Hauptartikel über Autismus finden Sie unter dem Titel: Autismus: Symptome und mögliche Ursachen.
Da bei Autisten häufig eine Darmflorastörung bzw. Erkrankungen des Verdauungssystems vorliegen, lässt sich Autismus in manchen Fällen durch eine Therapie des Darms bessern. Wir erklären dies in unserem Artikel Autismus bessern, Darm sanieren.
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