Schreikinder erhalten riskante Säureblocker
Kinder/Schwangerschaft

Säureblocker für Kinder schwächen die Knochen

  • Autor: Carina Rehberg
  • aktualisiert: 24.07.2018
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Säureblocker für Kinder schwächen die Knochen
© istockphoto.com/ImagineGolf

Säureblocker vom Typ der Protonenpumpenhemmer sind für zahlreiche Nebenwirkungen bekannt. Sie schaden den Nieren und der Leber, begünstigen Mineralstoffmängel und erhöhen die Infektionsgefahr sowie das Risiko für Allergien. Dennoch werden sie immer häufiger verschrieben – inzwischen auch Kindern und Säuglingen. Besonders sog. Spuck- oder Schreikinder erhalten die riskanten Mittel. In einer Studie zeigte sich jedoch, dass Säureblocker die Knochenentwicklung beeinflussen, so dass es bei den betroffenen Kindern zu häufigeren Knochenbrüchen kommt.

Säureblocker führen bei Kindern häufiger zu Knochenbrüchen

Im Mai 2017 erklärten Forscher beim Pediatric Academic Societies Meeting (Jahrestreffen der Gesellschaften für Kinderheilkunde), dass Kinder die schon im Säuglingsalter mit Säureblockern behandelt werden, in ihrer späteren Kindheit häufiger an Knochenbrüchen leiden, die Medikamente also offenbar die gesunde Knochenentwicklung beeinträchtigen und zu schwächeren Knochen führen können.

Säureblocker werden bei Reflux verordnet. Reflux, auch gastroösophagealer Reflux oder GER genannt, beschreibt das Zurückfliessen des Nahrungsbreis aus dem Magen in die Speiseröhre, was aufgrund der Magensäure häufig mit Schmerzen und Schleimhautschäden einhergeht.

Reflux ist bei Säuglingen ganz normal – und selten krankhaft

GER betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch 40 bis 65 Prozent aller Kinder. Die Problematik beginnt meist im Alter von 2 bis 3 Wochen und findet ihren Höhepunkt im Alter von 4 bis 5 Monaten. Die betreffenden Kinder spucken immer wieder einen Teil ihrer Mahlzeiten aus. Je nach Ausprägung dieses Zustandes spricht man auch von Spuck- oder Speikindern.

Krankhaft ist der GER bei Säuglingen jedoch selten, sondern eher die Folge eines noch nicht ausgereiften Verdauungssystems. Der Schliessmuskel zwischen Magen und Speiseröhre schliesst noch nicht richtig. Im Alter von 1 Jahr verschwindet das Spucken meist wieder, da besagter Muskel jetzt voll funktionsfähig ist.

Säuglinge erhalten unnötigerweise nebenwirkungsreiche Säureblocker

Nur bei den wenigsten Kindern entwickelt sich eine tatsächliche Refluxkrankheit. Dennoch erhalten viele Kinder Säureblocker, um den eigentlich natürlichen Zustand zu blockieren und das Spucken zu unterbinden.

Meist wird hier mit Säureblockern behandelt, entweder mit PPI (Protonenpumpeninhibitoren/-hemmern) oder mit Histaminrezeptorantagonisten (H2-Rezeptorantagonisten). Diese Medikamente neutralisieren nicht etwa die vorhandene Magensäure, sondern hemmen direkt in den Magenschleimhautzellen die Magensäureproduktion.

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Magensäure ist wichtig für gesunde Knochen

Da die Magensäure – wenn sie im Magen bleibt – sehr wichtige Funktionen innehat, führt ein niedriger Säurespiegel zwangsläufig zu gesundheitlichen Problemen. So ist die Magensäure beispielsweise für eine umfassende Mineralstoffverwertung zuständig und ermöglicht eine gute Resorption von Calcium und Magnesium. Bei Erwachsenen weiss man daher schon lange, dass die Anwendung von Säureblockern das Risiko für Osteoporose erhöht. Wie sich die Medikamente auf die Knochen von Kindern auswirken, war bislang jedoch nicht bekannt.

10 Prozent der kleinen Patienten erhalten im ersten Lebensjahr Säureblocker

Forscher unter der Leitung von Dr. Laura Malchodi vom Walter Reed National Military Medical Center untersuchten die Daten von 874 447 Kindern, die zwischen 2001 bis 2013 geboren wurden und in den letzten zwei Jahren ärztlich behandelt wurden.

Es zeigte sich, dass 10 Prozent dieser Kinder in ihrem ersten Lebensjahr Säureblocker erhalten hatten – entweder H2-Rezeptorantagonisten wie Ranitidin (z. B. Raniprotect, Zantic) und Famotidin oder aber PPI wie Omeprazol (z. B. Antra, Omezol) und Pantoprazol (z. B. Gastrozol, Pantozol). Manchen Kindern waren sogar beide Arzneimittelgruppen verschrieben worden.

Je früher Säureblocker gegeben werden und je länger, umso höher das Knochenbruchrisiko

Die Ergebnisse der Studie sahen folgendermassen aus:

  • Jene Kinder nun, die PPI nehmen mussten, hatten ein um 22 Prozent erhöhtes Knochenbruchrisiko.
  • Kinder, die beides erhielten, ein um 31 Prozent erhöhtes Knochenbruchrisiko.
  • Zusätzlich stieg die Zahl der Knochenbrüche umso stärker, je länger die Säureblocker eingenommen wurden.
  • Auch war das Knochenbruchrisiko umso höher, je kleiner das Kind war, als es die Medikamente erhalten hatte. Am höchsten war das Risiko somit bei Kindern, die bei Therapiebeginn jünger als 6 Monate waren.

Säureblocker sollten nur bei konkreter Krankheit gegeben werden

„Da Säureblocker auch rezeptfrei erhältlich sind, ist man verführt zu glauben, es handle sich um harmlose Mittel“, sagt Dr. Macholdi. „Unsere Studie jedoch ist ein weiterer Hinweis dafür, dass Säureblocker für Kinder nicht sicher sind, ganz besonders nicht für sehr kleine Kinder. Sie sollten nur dann gegeben werden, wenn eine konkrete Refluxkrankheit vorliegt und auch dann nur über den kürzestmöglichen Zeitraum.”

Die American Academy of Pediatrics ist der Meinung, dass Kinderärzte sorgfältig zwischen altersbedingtem Spucken und der Refluxkrankheit unterscheiden sollten, um unnötige Behandlungen zu vermeiden. Dies ist umso wichtiger, da Säureblocker auch zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führen können.

PPI erhöhen Zahl der Krankheitserreger in der Lunge

Die Magensäure hat unter anderem die Aufgabe, Krankheitserreger abzutöten, die mit der Nahrung im Magen eintreffen. Nimmt man Säureblocker ein, dann steigt der pH-Wert im Magen und die bakterienabtötende Wirkung der Magensäure verliert sich.

Dr. Rachel Rosen vom Boston Children’s Hospital zeigte im Jahr 2015 in einer Studie mit 116 Kindern, dass die Einnahme von PPI zu einer Zunahme von Krankheitserregern wie Staphylokokken und Streptokokken im Magen führt. Leider war nicht nur der Magen betroffen, auch in der Lunge stieg die Konzentration dieser Krankheitserreger. Somit verwundert es nicht mehr, dass Menschen, die Säureblocker einnehmen, häufiger an Lungen- und Bronchialinfekten leiden, die besonders für Säuglinge und Kleinkinder sehr belastende Erkrankungen darstellen.

Gefährliche Infekte mit Clostridium difficile dank PPI

Im Jahr zuvor stellte Dr. Cade M. Nylund von der Universitätskinderklinik in Bethesda/Maryland fest, dass die Behandlung mit Säureblockern bei Kindern (im Alter von 2 bis 18 Jahren) doppelt so häufig zu Infektionen mit Clostridium difficile führt. Es handelt sich dabei um einen der häufigsten Krankenhauskeime, der lebensgefährliche Durchfallerkrankungen verursachen kann.

Kinderärzte verordnen immer öfter Säureblocker – oft völlig ungerechtfertigt

Besonders dramatisch ist, dass die Zahl der Säureblockerverordnungen in den letzten Jahren geradezu explodierte – und zwar bei Erwachsenen genauso wie bei Kindern und Säuglingen. In der Frankfurter Allgemeinen las man am 22. Oktober 2014, dass sich in den letzten Jahren die Diagnose „Refluxkrankheit“ bei Säuglingen verdreifacht hat und sich allein in den USA die Verordnung von PPI versiebenfacht hat.

Weiter berichtet die Zeitung von einer Umfrage unter Kinderärzten aus elf europäischen Ländern, darunter auch Deutschland. Diese zeigte, dass mehr als vier Fünftel der Kinderärzte PPI in Fällen verordnen, in denen sie laut Leitlinie nicht angebracht seien. Mehr als ein Drittel der Spuckkinder unter einem Jahr, die sonst keinerlei Hinweise auf eine Refluxkrankheit zeigten, erhielten Säureblocker. Fast vierzig Prozent der Kinderärzte verordneten die Medikamente ausserdem gegen „unerklärliches Schreien oder Zeichen von Stress“.

Alternativen suchen – Säureblocker meiden

Säureblocker sollten Säuglingen und Kleinkindern wirklich nur dann gegeben werden, wenn eindeutig eine Refluxkrankheit vorliegt, was in diesem Alter sehr selten der Fall ist. Spucken Säuglinge überdurchschnittlich häufig, dann werden zunächst die Ernährung und die Trinkgewohnheiten überprüft, was gerne mit einem Ernährungsberater für Säuglinge und Kinder erledigt werden kann. Bei Stillkindern helfen auch Stillberaterinnen oder die Hebammen.

Oft wird zu viel Obstsaft gegeben oder auch zu viel Obst in Verbindung mit Tee oder Wasser. Vielleicht wird zu hektisch gefüttert oder es gibt zu grosse Mahlzeiten, die besser auf mehrere kleine aufgeteilt werden sollten. Möglicherweise liegt eine Kuhmilchproteinunverträglichkeit vor, so dass eine kuhmilchfreie Ernährung das Spucken unterbinden würde. Bestimmte Stillpositionen können ebenfalls hilfreich sein, worüber Sie sich mit der bereits erwähnten Stillberaterin austauschen können.

Wichtig ist in jedem Fall, dass ein Kind, das häufig spuckt, sich aber gut entwickelt und munter ist, keiner Behandlung bedarf. Erst wenn Gedeihstörungen beobachtet werden, muss etwas unternommen werden.

Eine Zusammenfassung der wichtigsten Nebenwirkungen von Säureblockern finden Sie hier: PPI – Der Teufelskreis der Säureblocker

Alternative Säureblocker haben wir hier zusammengestellt.

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Quellen

  • American Academy of Pediatrics, Infants prescribed antacids for reflux have increased risk of bone fractures, Mai 2017, (Quelle als PDF)
  • American Academy of Pediatrics, Study finds infants prescribed antacids have increased risk of fractures during childhood, 4. Mai 2017, (Quelle als PDF)
  • Dawei Cai et al., Acid-suppressive medications and risk of fracture: an updated meta-analysis, Juni 2015, Int J Clin Exp Med. 2015; 8(6): 8893–8904, (Quelle als PDF)
  • Marx G, Müller P, Die gastrooesophageale Refluxkrankheit im Säuglings- und Kindesalter, Paediatrica, 2005, (Quelle als PDF)
  • Rosen R. et al., 16S community profiling identifies proton pump inhibitor related differences in gastric, lung, and oropharyngeal microflora, J Pediatr. 2015 Apr;166(4):917-23, (Quelle als PDF)
  • Cade M. Nylund, Association of Clostridium difficile Infections with Acid Suppression Medications in Children, The Journal of Pediatrics, November 2014, (Quelle als PDF)
  • Lenzen-Schulte M, Nicht alle Spei-Babys brauchen Medikamente, Frankfurter Allgemeine, 22.10.2014, (Quelle als PDF)