Low Carb lässt Risiko für Geburtsfehler steigen
Kinder/Schwangerschaft

Low Carb lässt Risiko für Geburtsfehler steigen

  • Autor: Carina Rehberg
  • aktualisiert: 08.07.2018
  • 3 Kommentare
Low Carb lässt Risiko für Geburtsfehler steigen
© istockphoto.com/fermate

Die teilweise so beliebte Low Carb Ernährung kann zu Vitalstoffmängeln führen. Sie ist daher in der Schwangerschaft ohne eine zusätzliche Nahrungsergänzung nicht zu empfehlen. Forscher zeigten, dass eine bestimmte Form der Low Carb Ernährung während der Schwangerschaft das Risiko für Geburtsfehler steigen lassen kann. Es handelt sich dabei um die sog. Neuralrohrdefekte, wie beispielsweise den offenen Rücken (Spina bifida). Laut Forschern der University of North Carolina steigt unter Low Carb das Risiko für Neuralrohrdefekte um 30 Prozent.

Geburtsfehler häufiger unter Low Carb Ernährung

Eine gute Folsäureversorgung vor der Schwangerschaft sowie in den ersten Schwangerschaftswochen soll bestimmten Geburtsfehlern (Neuralrohrdefekten, manchen Gaumenspalten, Herzfehlern) recht zuverlässig vorbeugen können. Da jedoch manche Formen der Low Carb Ernährung nur geringe Folsäuremengen liefern, steigt mit dieser Ernährungsweise das Risiko für Neuralrohrdefekte erheblich – so Forscher im Fachjournal Birth Defects Research im Januar 2018.

Vitamin B Komplex

Neuralrohrdefekte: Missbildungen an Wirbelsäule und Schädel

Neuralrohrdefekte sind Missbildungen des Gehirns, der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Sie betreffen jedes tausendste Kind und entwickeln sich während der Schwangerschaft meist schon im ersten Monat.

Neuralrohrdefekte zeigen sich beispielsweise im sog. offenen Rücken (Spina bifida). Dabei schliesst sich die Wirbelsäule nicht vollständig. Im späteren Leben können die Betroffenen – je nach Ausprägung der Spina bifida – an Gehbehinderungen bis hin zu Lähmungen leiden; auch die Kontrolle von Blase und Darm kann problematisch sein.

Die schwerste Form eines Neuralrohrdefektes ist die Anenzephalie, bei der sich die Schädeldecke nicht richtig schliesst und infolgedessen Teile des Schädeldachs und des Gehirns fehlen. Kinder, die mit Anenzephalie geboren werden, sind im Allgemeinen nur wenige Tage lebensfähig.

Da Neuralrohrdefekte meist während der üblichen Vorsorgeuntersuchungen festgestellt werden, entscheidet sich die Mehrzahl der Frauen bei nicht therapierbaren Formen zur Abtreibung.

Folsäure soll Neuralrohrdefekten vorbeugen

Zahlreiche Untersuchungen aus den letzten Jahrzehnten zeigen, dass Folsäure vor Neuralrohrdefekten schützen kann. Daher entschied die FDA (US-amerikanische Lebensmittelbehörde) schon im Jahr 1998 dass alle Getreideprodukte (Mehl und Frühstückscerealien) mit 140 Mikrogramm Folsäure pro 100 Gramm Lebensmittel angereichert werden sollten. In den Folgejahren konnte dort ein deutlicher Rückgang der Neuralrohrdefekte beobachtet werden, was auf die Folsäureanreicherung zurückgeführt wird.

Vor der Folsäureanreicherung sollen in den USA 4.100 Schwangerschaften pro Jahr von Neuralrohrdefekten betroffen gewesen sein (1 von 1000 – genau wie derzeit in Deutschland; Zahlen aus der Schweiz liegen nicht vor, da entsprechende Geburtsfehler dort gar nicht registriert werden). Nach der Folsäureanreicherung sank die Zahl der Neuralrohrdefekte in den USA auf 3.000. Die Zahl der Todesfälle durch Neuralrohrdefekte sei dank der Folsäureanreicherung ebenfalls gesunken – und zwar von 1.200 pro Jahr auf 840.

Das Fernstudium der ganzheitlichen Ernährungsberatung

Bei Low Carb steigt Risiko für Neuralrohrdefekte

Bei einer ausgeprägten Low Carb Ernährung jedoch isst man oft kaum Gemüse und natürlich auch keine angereicherten Mehlprodukte oder Frühstücksflocken. Also sinkt der Folsäurespiegel, was nun wieder das Risiko für Neuralrohrdefekte steigen lässt, so die Hypothese von Forschern der University of North Carolina (UNC). Sie hatten Daten von über 11.000 schwangeren Frauen aus der National Birth Defects Prevention Study (1998 bis 2011) ausgewertet. 1.740 Fälle mit offenem Rücken oder Anenzephalie wurden in diesen Jahren beobachtet.

Es zeigte sich, dass jene Frauen, die sich nach den Low-Carb-Richtlinien ernährten, eine niedrigere Folsäureaufnahme hatten als andere Frauen. Gleichzeitig hatten sie ein um 30 Prozent höheres Risiko für ein Baby mit Neuralrohrdefekt.

Auch kalorienarme Ernährung kann Neuralrohrdefekte begünstigen

“Natürlich wissen wir längst, dass die Ernährung der Mutter vor und während der Schwangerschaft die Entwicklung des Embryos massgeblich beeinflusst“

sagte Dr. Tania Desrosiers, Professorin für Epidemiologie an der UNC. Möglicherweise sei es bei der Low Carb Ernährung auch die Tatsache, dass viele Frauen dabei insgesamt zu wenige Kalorien zu sich nähmen. Dies kann dann natürlich nicht nur einen Folsäuremangel mit sich bringen, sondern auch einen Mangel vieler anderer Nähr- und Vitalstoffe. Schon allein eine Ernährung mit eingeschränkter Kalorienzahl kann das Risiko für einen Neuralrohrdefekt erhöhen. (Weitere Risikofaktoren sind das Rauchen, Übergewicht, Diabetes und Medikamente gegen Epilepsie).

Zwar würden inzwischen viele Frauen zu Folsäurepräparaten greifen. Doch ist ein Grossteil der Schwangerschaften ungeplant und wird daher zu einem Zeitpunkt entdeckt, wenn es für eine Folsäuresupplementierung und Neuralrohrdefektprophylaxe längst zu spät ist.

Geburtsfehlern vorbeugen: Folsäurebedarf decken und Low Carb Ernährung meiden

Um also den genannten Geburtsfehlern vorzubeugen, ist es sinnvoll, keine extreme Form der Low Carb Ernährung zu praktizieren und darauf zu achten, den Folsäurebedarf zu decken. Da eine folsäurereiche Ernährung gleichzeitig eine sehr gesunde Ernährung darstellt, sind deren Vorteile zahlreich und beschränken sich nicht nur auf die Neuralrohrdefektprophylaxe. Eine gemässigte Low Carb Ernährung, die viele Gemüse und Salate enthält und mit z. B. Erdnüssen ergänzt wird, ist natürlich kein Problem.

Die Folsäure gehört zur Gruppe der B-Vitamine. Sie ist naturgemäss besonders in dunkelgrünem Blattgemüse und in Kräutern enthalten. Auch Kohlgemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und manche Früchte sind ebenfalls gute Folsäurelieferanten. Die natürliche Form der Folsäure heisst Folat; nur die synthetische Form wird als Folsäure bezeichnet. Der Einfachheit halber haben wir uns durchgängig für den Begriff Folsäure entschieden.

In Europa werden bislang – im Gegensatz zu den USA – nur wenige Lebensmittel mit Folsäure angereichert. Es gibt lediglich manche Müsliriegel, die eine Extraportion Folsäure enthalten oder auch mit Folsäure angereichertes Speisesalz.

Der Bedarf an Folsäure liegt für die Allgemeinbevölkerung bei 300 – 400 µg pro Tag. Schwangeren werden etwa 550 µg pro Tag empfohlen. Ideal ist bei geplanter Schwangerschaft und anschliessend in den ersten Schwangerschaftsmonaten die Kombination aus folsäurereicher Ernährung mit einem folsäurehaltigen Nahrungsergänzungsmittel.

Wie die Ernährung folsäurereich gestaltet werden kann, haben wir u. a. anhand eines beispielhaften Ernährungsplanes hier erklärt: Folsäuremangel mit der Ernährung beheben

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twostrokejonny schrieb am 28.05.2018

Guten Tag,
mit diesem Artikel und speziell mit dem Titel habe ich ein sehr großes Problem.
Zunächst muss zwischen Folsäure und Folat unterschieden werden. Folat ist das aktive Vitamin B9. Im Artikel wird von Folsäure gesprochen. Auch wenn viele Menschen dies für Vitamin B9 halten ist es nur eine künstliche Substanz, welche von einem Teil der Bevölkerung in B9 umgewandelt werden kann.
Einen Folsäuremangel kann es nicht geben, da der Mensch in der Natur keine Folsäure besitzt. Sie kommt dort nicht vor. Ein Folsäuremangel kann also nicht die Ursache für einen Neuralrohrdefekt sein. Ursache ist der Folatmangel.
Ca. 30-70% der europäischen Bevölkerung besitzt einen Gendefekt, der unter anderem diese Umwandlung von Folsäure in Folat erschwert bis nahezu unmöglich macht. (MTHFR-Defekt) Wird diesen Personen Folsäure gegeben, behindert es die Aufnahme von Folat. Im Blut werden hohe Folsäure Werte gemessen (warum die Ärtze Folsäure messen ist mir nicht begreiflich), obwohl ein Folatmangel herrscht. Eine Versorgung von Schwangeren mit Folsäure kann daher negativ sein und die Wahrscheinlichkeit für Neuralrohldefekte sogar erhöhen. Empfehlenswert ist eine Umstellung der Nahrung oder Supplementation von Folat.
Das zweite große Problem mit dem Artikel habe ich mit dem Zusammenhang von Folat und Low Carb. Zum einen kann ich Ihre Behauptung, dass man bei Low Carb (oft) wenig Gemüse isst nicht nachvollziehen. Seit meiner Umstellung auf Low Carb, esse ich ein vielfaches an Gemüse. Dieser Eindruck entsteht bei mir auch in diversen Facebookgruppen. Die Menschen essen bewusster und gesünder, kochen frischer und machen sich mehr Gedanken über Ihre Ernährung. Speziell bei Menschen, die ihre Ernährung wegen ihrer Gesundheit umstellen, ist dies der Fall.
Menschen, die weniger angereicherte Mehlprodukte etc. essen, haben aus zwei Gründen keinen Mangel an Folat. Erstens der angesprochene MTHFR-Gendefekt. Zweitens wird bei den meisten Mehlprodukten nicht das ganze Korn verwendet. Dadurch geht das Folat verloren oder wird zerstört und es wird Folsäure ergänzt. Aber zu dessen Bedeutung sei genug gesagt.
Besonders den Titel finde ich sehr irreführend. Ausschlaggebend für Geburtsfehler ist ja der Folatmangel. Der Zusammenhang zwischen Folatmangel und Low Carb ist für mich absolut nicht gegeben. Folatmangel kann mit jeder industriellen Ernährungsform auftreten. Doch die Leser, welche nur die Überschrift lesen, könnten einen nicht gegebenen Zusammenhang zwischen fehlenden Kohlenhydraten und Geburtsfehlern denken.
P.S. Folsäure ist auch für Menschen ohne MTHFR-Defekt nicht empfehlenswert.
Bei Fragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Antwort vom Zentrum der Gesundheit

Hallo twostrokejonny

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie finden in unserem Portal zahlreiche Artikel (inzwischen über 2000). Es handelt sich einerseits um umfangreiche Infoartikel zur Ernährung oder ganzheitlichen Massnahmen bei Krankheiten. Andererseits finden Sie bei uns Kurztexte, in denen eine aktuelle wissenschaftliche Studie vorgestellt wird. Vorliegender Text gehört in die zweite Rubrik.

Nun kann es natürlich sein, dass Sie persönlich eine andere Low Carb Ernährung praktizieren. Auch erwähnen Sie weitere Menschen, die sich zwar Low Carb, aber gesund ernähren. Wir haben eine solche Ernährung ebenfalls vorgestellt, und zwar hier: Low Carb und vegan.

Doch gibt es sehr viele Menschen, die eine gemüsearme Low Carb Ernährung umsetzen, denn sie essen Low Carb, weil sie abnehmen möchten, die Gesundheit dabei aber offenbar nicht so wichtig ist. Möglicherweise gehört in diese Rubrik der Grossteil der Low Carb Esser in den USA.

In besagter Studie nun stellten die entsprechenden Forscher fest, dass Frauen, die eine kohlenhydratreduzierte Ernährung praktizieren, häufiger ein Baby mit Neuralrohrdefekt zur Welt bringen. Sie führten dies auf einen Folsäuremangel zurück, da 1. die Gabe von Folsäure in der Frühschwangerschaft laut zahlreicher Studien zu einem Rückgang der genannten Geburtsfehler führte und 2. Frauen, die kohlenhydratreduziert essen, automatisch weniger mit Folsäure angereicherte Backwaren konsumieren.

Die Forscher bezogen sich also auf Folsäure, nicht auf Folat.

Wir haben im Text im letzten Drittel erklärt, warum wir durchgehend den Begriff Folsäure verwenden (den meisten Lesern ist "Folsäure" eher ein Begriff als "Folat") und wir haben auf einen Artikel verlinkt, der eine Ernährung erklärt, die natürlicherweise mit viel Folat versorgt, so dass wir glauben, dass unsere Leserinnen aus diesem Artikel sehr viele hilfreiche Informationen ziehen können und damit selbst Menschen mit dem von Ihnen genannten Gendefekt automatisch keinen Folatmangel entwickeln werden - ob sie nun von diesem Defekt wissen oder nicht.

Viele Grüsse

Ihr Team vom

Zentrum der Gesundheit

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