Canihua – Ein Verwandter der Quinoa
Die Canihua (Chenopodium pallidicaule) – auch als Kaniwa oder Qaniwa bekannt – zählt wie ihre grosse Schwester Quinoa zu den Fuchsschwanzgewächsen.
Doch während Quinoa längst Weltruhm erlangt hat, ist Canihua in Europa noch weitgehend unbekannt. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass Canihua im Duden noch ein leeres Blatt ist, während Quinoa dort schon ihren festen Platz hat.
Wie es unter Verwandten oft so üblich ist, weisen Canihua und Quinoa viele Gemeinsamkeiten auf. Sie werden beide als „Pseudogetreide“ bezeichnet, da sie – anders als alle „echten“ Getreidearten (z. B. Weizen) – eben nicht zur Familie der Süssgräser gehören, man aus ihnen aber dennoch getreideähnliche Mehle und Beilagen herstellen kann. Im Gegensatz zu den meisten echten Getreidearten sind die Pseudogetreide und so auch die Canihua glutenfrei.
Die Canihua-Samen sind kugelrund, braun bis schwarz gefärbt und schmecken ein wenig nach Nuss und Schokolade. Da sie viel kleiner als die Quinoa-Samen sind, wird Canihua oft als Baby-Quinoa bezeichnet. Bei all den Gemeinsamkeiten darf aber nicht vergessen werden, dass es sich um zwei verschiedene Pflanzen handelt, die beide auf ihre Weise zu überzeugen wissen.
Canihua – Kleine Samen mit uralter Geschichte
Canihua wird in den Anden – genauer gesagt auf dem peruanischen und bolivianischen Altiplano (Hochebene) – bereits seit etwa 5.000 Jahren kultiviert und wurde schon von den Inkas und Azteken als königliches Essen bezeichnet. Bei den Inkas war Canihua in der Tat exklusiv dem Herrscher und seinen Gefolgsleuten vorbehalten, während sich die „Normalsterblichen“ nicht daran laben durften.
Diese hohe Wertschätzung liegt mitunter darin begründet, dass Canihua selbst in der härtesten Umgebung zu überleben vermag. So kann die anspruchslose Pflanze bis auf Höhen von 4.500 m gedeihen, wo nicht einmal mehr Quinoa – geschweige denn Mais – angebaut werden kann. Die krautigen Pflanzen trotzen Wind und Wetter, und weder Hitze noch Minusgrade können ihnen etwas anhaben.
Canihua hat sich folglich bei den indigenen Bergvölkern bis heute als unangefochtenes Grundnahrungsmittel bewährt. Die Samen werden zu Mehl gemahlen, woraus vordergründig heisse und kalte Getränke sowie Breie zubereitet werden. Ferner werden die mineralstoffreichen Blätter als Gemüse und Salat verzehrt.
Das Geschwisterpaar aus den Anden blieb in Europa bis ins 20. Jahrhundert unbekannt, was auf die blutrünstigen spanischen Konquistadoren Pizarro und Cortés zurückzuführen ist.
Im Zuge der Eroberungszüge und Kriege gegen die Inkas und Azteken im 16. Jahrhundert wurde der Anbau der als „unchristlich“ eingestuften Nahrungsmittel Canihua und Quinoa verboten und sogar unter Todesstrafe gestellt, um die indigenen Völker zu schwächen, zu brechen und sich ihres Goldes zu bemächtigen.
Heute indessen interessiert man sich mehr für die Lebensmittel aus der kargen Altiplano-Region, denn der Nährstoffgehalt von Canhiua und Co ist erstaunlich.
Warum ist Canihua so gesund?
Canihua ist ein sehr ausgewogenes, nährstoffreiches und naturbelassenes Lebensmittel – 100 Gramm (2 Portionen) enthalten durchschnittlich:
55 Gramm Kohlenhydrate
Canihua ist ein Energiespender (358 kcal) und kommt somit auch Sportlern sehr zugute.
12 Gramm Ballaststoffe
Der hohe Ballaststoffgehalt sorgt dafür, dass die in Canihua enthaltenen Kohlenhydrate langsamer aufgenommen werden, wodurch der Blutzuckerspiegel nach dem Essen niedrig gehalten wird und der gefürchtete Heisshunger
16 Gramm Eiweiss
Das Eiweiss in Canihua ist pflanzlicher Natur und somit leichter verdaulich und besser verwertbar als tierisches Eiweiss. Zudem sind in Canihua alle essentiellen Aminosäuren enthalten.
8 Gramm Fett
Mehr als die Hälfte des pflanzlichen Fettes besteht aus den wertvollen mehrfach gesättigten Fettsäuren, darunter die entzündungshemmende Linolsäure.
14 Milligramm Eisen
Eine Studie der Universität Wien hat gezeigt, dass Canihua in Kombination mit Vitamin C in puncto Eisenmangel vorbeugend wirkt.
4 Milligramm Zink
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Männern 10 Milligramm und Frauen 7 Milligramm Zink, sodass mit 2 Portionen Canihua etwa die Hälfte der Tagesdosis gedeckt werden kann.
211 Milligramm Magnesium
Die empfohlene Tagesdosis liegt bei Erwachsenen zwischen 300 und 400 Milligramm Magnesium, sodass mit 100 Gramm Canihua mehr als die Hälfte des Tagesbedarfs gestillt werden kann.
148 Mikrogramm Folsäure
Canihua ist im Vergleich zu anderen Getreidearten besonders reich an Folsäure – Roggen enthält z. B. nur 56 Mikrogramm – und somit ein wertvolles Nahrungsmittel für Schwangere und stillende Mütter. 148 Mikrogramm Folsäure entsprechen rund einem Drittel der empfohlenen Tagesdosis.
0,7 Milligramm Thiamin ( Vitamin B1)
Dieses B-Vitamin beugt Diabetes mellitus Typ 1 sowie Blutarmut vor und stärkt das Herz. Die empfohlene Tagesdosis kann mit 2 Portionen Canihua etwa zu 70 Prozent gedeckt werden.
0,4 Milligramm Riboflavin (B2)
Der Körper braucht Riboflavin, z. B. um Eiweisse, Fette und Kohlenhydrate in Energie umwandeln zu können. Mit 100 Gramm Canihua kann ein Drittel des täglichen Bedarfs gestillt werden.
Anders als Quinoa enthält Canihua keine bitter schmeckenden Saponine und muss deshalb vor der Zubereitung nicht aufwendig gewaschen werden.
Canihua in der Küche
Traditionell wird Canihua geröstet, gemahlen und in Getränke eingerührt oder als Brei verzehrt. Die an ein karges Leben gewöhnten Bergvölker in den Anden geniessen die nahrhaften Samen ohne „Schnickschnack“. Dennoch lassen sich diese natürlich auch prima in eine kreative und abwechslungsreiche Küche miteinbeziehen. Sie können Canihua sowohl kochen als auch zum Backen verwenden oder daraus Pops herstellen.
Canihua weiss aber nicht nur als kulinarische Delikatesse zu überzeugen, sondern gilt auch als altes Heilmittel. In der Altiplano-Region werden die Samen noch heute bei Höhenkrankheit und bakteriellen Darminfektionen eingesetzt. Zudem wird die Asche der Halme genutzt, um Insektenbissen vorzubeugen.
In den Industrieländern werden die glutenfreien Pseudogetreide wie Canihua oder auch Amaranth vor allem deshalb als interessant angesehen, da der heutige hochgezüchtete Weizen bei immer mehr Menschen zu gesundheitlichen Beschwerden führt.
Besonders die Glutensensitivität betrifft viele Menschen. Neben seiner Glutenfreiheit glänzt Canihua zudem mit interessanten Nährstoffgehalten, wie hohen Eisenwerten.
Canihua wirkt Eisenmangel entgegen
Während Canihua in den USA bereits als Superfood angepriesen wird, gelten die kleinen Samen in ihrer Heimat inzwischen als Arme-Leute-Essen, das abschätzig als „Indiofutter“ bezeichnet wird. Und so besteht die Gefahr, dass Canihua das Schicksal vieler weiterer indigener Pflanzen teilen könnte, die bereits z. B. durch Reis oder Weizen ersetzt bzw. verdrängt worden sind.
Die Schweizerin Waltraud Novak, die an der Universität Wien Ernährungswissenschaften mit Schwerpunkt Ernährungsökologie studiert hat, führte im Zuge ihrer Diplomarbeit in Peru eine Studie über Canihua durch. Dabei verfolgte sie auch das Ziel, Canihua zu neuem Ansehen in der Anden-Bevölkerung zu verhelfen.
Die Ernährungswissenschaftlerin beobachtete, dass in den peruanischen Anden viele Frauen, die in ärmlichen Verhältnissen leben, an Eisenmangel leiden – ganze 35 Prozent der nicht-schwangeren Frauen in fruchtbarem Alter sind davon betroffen.
Und so wurde untersucht, inwiefern sich Canihua auf den Hämoglobinspiegel und somit auf den Eisenstatus auswirkt. Dabei gilt es zu wissen, dass grundsätzlich 80 Prozent aller Anämien (Blutarmut) auf Eisenmangel zurückgeführt werden können. An der Studie nahmen 25 nicht-schwangere und nicht-stillende Frauen mit leichter Blutarmut aus der im peruanischen Hochland gelegenen Andenstadt Puno teil.
Sie erhielten für 7 Wochen täglich 50 g Canihua, wodurch 6 mg Eisen zugeführt wurden. Um die Eisenaufnahme zu steigern, wurde zudem ein Getränk mit 100 mg Vitamin C gereicht.
Nach dem Untersuchungszeitraum lagen die Eisenwerte bei allen Frauen im gesunden Bereich. Die Forscherin kam somit zum Schluss, dass Canihua eine wirklich gute Eisenquelle darstellt. Gerade Mädchen und Frauen leiden oft unter Eisenmangel und Anämien, da ihr Körper während der Menstruation viel Eisen verliert.
Für sie stellt Canihua eine gute Möglichkeit dar, um dem Mangel entgegenzuwirken.
Ausserdem zeigte sich im Zuge der Studie ein weiterer positiver Effekt: Die Probandinnen lernten viel über die gesundheitlichen Vorteile von Canihua und konnten ihr Wissens in ihrer Umgebung weitertragen. Eine weitere Untersuchung hat gezeigt, dass Canihua in puncto Diabetes ebenfalls einiges zu bieten hat.
Canihua – Ein starkes Antioxidans
Ein brasilianisches Forscherteam von der Universidade de São Paulo hat 10 peruanische Anden-Körner, genauer gesagt 5 Getreidearten, 3 Pseudogetreide (darunter Canihua und Quinoa) und 2 Hülsenfrüchte in Bezug auf die blutzuckersenkende und blutdrucksenkende Wirkung im Zusammenhang mit Diabetes Typ 2 auf die Probe gestellt.
Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass Canihua und Quinoa besonders reich an Quercetin-Derivaten sind und die höchste antioxidative Aktivität aufweisen. Quercetin gehört zur Gruppe der Flavonoide und wirkt wie die Vitamine A, C und E als Radikalfänger – die sich bei nahezu allen chronischen Erkrankungen von Diabetes bis Bluthochdruck als äusserst positiv erwiesen haben.
In Canihua steckt viel Eiweiss
Wie Sie bereits wissen, enthalten 100 g Canihua rund 16 g Eiweiss – also mehr als die meisten anderen Getreidesorten. Im Vergleich dazu stecken im Weizenmehl Typ 550 weniger als 10 g Eiweiss. Zudem kann Canihua es aber auch mit tierischen Produkten aufnehmen, die oft ja als die besten Eiweisslieferanten angepriesen werden. Wer weder Fleisch noch Fisch isst, kann mithilfe von Canihua viel dazu beitragen, dass sein Eiweiss-Bedarf problemlos gedeckt werden kann. Ideal eignet sich hierzu die Kombination mit Hülsenfrüchten, wie Bohnen, Linsen, Kichererbsen oder grüne Erbsen.
Canihua: Bio-Produkte aus fairem Handel
Canihua ist in Europa zwar selten anzutreffen, kann aber schon in einigen Bio-Läden sowie im Internet gekauft werden. Des Weiteren werden aus Canihua hergestellte Produkte wie Mehl, Brot, Riegel, Kuchen, Kekse und Pops angeboten.
In Deutschland gibt es bislang nur zwei Anbieter, die Canihua im Sortiment haben: Schnitzer und Davert. Dabei ist es sehr begrüssenswert, dass beide Unternehmen sehr grossen Wert auf Qualität und Nachhaltigkeit legen.
So bezieht Schnitzer Bio-Canihua von Kooperativen, zu denen sich in Peru die kleinbäuerlichen Strukturen zusammengeschlossen haben. Für mehrere 100 Familien stellt der Export der Anden-Samen einen essenziellen Beitrag zur Sicherung ihres Einkommens dar. Dazu sei gesagt, dass die Stärkung der Kleinbauern-Genossenschaften im Allgemeinen zur Verbesserung der Lebenssituation der Bergvölker beiträgt. Obgleich die Canihua-Produkte von Schnitzer kein Fair-Trade-Siegel tragen, wird beim Einkauf auf Fairness und Nachhaltigkeit geachtet. Genau wie Schnitzer legt auch Davert grössten Wert auf hochwertige Bio-Rohstoffe. Mit den Anbaupartnern in der peruanisch-bolivianischen AltiplanoRegion werden langfristige und faire Handelsbeziehungen gepflegt.
Bevor wir nun die interessante Reise rund um die königlichen Samen aus den Anden beenden, wollen wir Ihnen noch ein besonders köstliches und gesundes Canihua-Rezept ans Herz legen, das nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringen wird.
Canihua ist also ein sehr abwechslungsreiches Lebensmittel, das sich sowohl für süsse als auch für herzhafte Speisen eignet, für Beilagen genauso wie für Brote und sogar für Getränke. Lassen Sie sich die besondere und sehr gesunde Canihua schmecken! Guten Appetit!