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  • Erythrit auf einem Löffel

Erythrit und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall

In einer Studie soll sich gezeigt haben, dass der Verzehr des Zuckeraustauschstoffes Erythrit mit einem erhöhten Risiko für Blutgerinnsel und damit auch für Herzinfarkt und Schlaganfall einhergehen könnte. Uns erreichten viele Bitten um eine Stellungnahme, weshalb wir die Studie nachfolgend vorstellen.

Fachärztliche Prüfung: Gert Dorschner
Aktualisiert: 08 Juni 2023

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Studie: Wirkung von Erythrit auf das Herz-Kreislauf-System

Derzeit kursieren Schlagzeilen, wie: Schockstudie: Zero-Getränke verursachen Herzinfarkt oder Erythrit: Ist der Zuckerersatz gesundheitsschädlich? Grund dafür ist eine Studie, die Ende Februrar 2023 im Fachjournal Nature Medicine erschienen war ( 1 ). Forscher der Cleveland Clinic im US-Bundesstaat Ohio hatten untersucht, ob und wie der Zuckeraustauschstoff Erythrit, der im Allgemeinen als idealer Zuckerersatz gilt, das Risiko für Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen beeinflussen könnte. In unserem Hauptartikel stellen wir im folgenden Link Erythrit ausführlich vor.

In ihrer Schlussfolgerung schreiben die Wissenschaftler, dass Erythrit (E 968) sowohl das MACE-Risiko als auch das Thrombose-Risiko erhöhe (also die Blutgerinnung beeinflusse, im Volksmund: das Blut dicker mache). MACE steht für Major Adverse Cardiovascular Events, also für schwerwiegende unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse. Dazu zählen Herztod, nichttödlicher Herzinfarkt und Schlaganfall. Deshalb – so die Forscher – sollten nun am besten Studien zur Beurteilung der Langzeitsicherheit des Zuckeraustauschstoffes durchgeführt werden.

Ergebnis 1: Erhöhte Erythritspiegel bei Herz-Kreislauf-Patienten 

Für die Studie an der Cleveland Clinic wurden mehrere Analysen durchgeführt. Zunächst stellte man bei 1157 Teilnehmern, die alle ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten, fest, dass ihr Erythritspiegel im Blut erhöht war. Die Teilnehmer hatten eines oder mehrere der folgenden Herz-Kreislauf-Risiken: Übergewicht (traf auf alle zu), Bluthochdruck, erhöhte Blutfettspiegel, Raucher, Typ-2-Diabetes und/oder Arteriosklerose. Dabei hatten über 70 Prozent der Teilnehmer eine Arteriosklerose, knapp die Hälfte hatte bereits einen Herzinfarkt in der Vergangenheit erlitten.

Ergebnis 2: Je höher der Erythritspiegel, umso höher das Risiko

An einer weiteren Untersuchung nahmen ebenfalls Risiko-Patienten teil (2149 aus den USA und 833 aus Deutschland). Auch hier waren alle übergewichtig und wiesen ähnliche Risikofaktoren auf wie die Probanden aus der ersten Analyse. Bei der Auswertung der Erythrit-Blutspiegel zeigte sich,

  1. dass der Spiegel bei jenen erhöht war, die bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten,
  2. dass der Spiegel bei jenen erhöht war, die in den folgenden drei Jahren ein MACE erlitten,
  3. dass jene mit dem höchsten Erythritspiegel im Vergleich zu jenen mit dem niedrigsten Spiegel auch ein um 2,5- bis 4,5-mal höheres Risiko für ein Herz-Kreislauf-Ereignis hatten.

Ergebnis 3: Erythrit verstärkt Blutgerinnung in vitro

Dann gaben die Forscher bei einer In-vitro-Untersuchung (im Reagenzglas) Erythrit zu Blutproben gesunder Personen. Es kam zu einer Verstärkung der Blutgerinnung, was z. B. durch die Zugabe von Glucose (Traubenzucker) nicht beobachtet werden konnte.

Ergebnis 4: Bei 30 g Erythrit bleibt Spiegel 2 Tage erhöht

In einem letzten Versuch stellten sich 8 gesunde Probanden zur Verfügung. Sie bekamen ein Getränk, das mit 30 g Erythrit gesüsst war, was ausreichte, um auch nach 2 Tagen noch einen erhöhten Erythritspiegel im Blut aufzuweisen. (Der Zuckeraustauschstoff wird im Darm so gut wie nicht verdaut, gelangt unverändert ins Blut und wird dann über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden).

Der gemessene Erythritspiegel lag über jenem Wert, der im Reagenzglas die Blutgerinnung zu steigern begann. Vor dem Getränk lag der Spiege bei 3,84 µM, 30 Minuten danach bei 5,85 mM Erythrit, was einem mehr als 1000-fachen Anstieg entsprach.

Welche Dosis gilt als hoch, welche als niedrig?

30 g Erythrit ist für 1 Portion recht viel. Wir verwenden beispielsweise für unser veganes Tiramisu lediglich 2 TL des Zuckeraustauschstoffes für insgesamt 8 Portionen. 1 TL fasst etwa 4 bis 5 g, so dass man mit 1 Portion Tiramisu maximal 1,25 g Erythrit zu sich nehmen würde. Allerdings gibt es im Netz zahlreiche Rezepte, z. B. für Torten und Kuchen, bei denen man schon pro Stück um die 30 g Erythrit zu sich nehmen würde. Isst man dann zwei Stücke, kommt man auf wirklich grosse Erythritmengen.

Auch Fertigprodukte, die mit dem Zuckeraustauschstoff gesüsst sind, können grosse Erythritmengen enthalten. So sei in obiger Studie deshalb ein mit 30 g Erythrit gesüsstes Getränk eingesetzt worden, erklären die Forscher, weil handelsübliche Getränkedosen, die mit dem Zuckeraustauschstoff gesüsst sind, oder auch schon 1 Portion Keto-Eiscreme ebenfalls diese hohe Menge enthalten.

Ketogene Fertigprodukte können viel Erythrit enthalten

Gerade übergewichtige Personen oder Personen mit Diabetes – so wird in der Studie erklärt – greifen zu Zuckeraustauschstoffen. Auch seien immer mehr Fertigprodukte mit Erythrit gesüsst, darunter die üblichen Null-Kalorien-Produkte sowie die Fertigproduktpalette der ketogenen Ernährung, von der sich viele Betroffene sowohl eine Gewichtsabnahme als auch eine Besserung ihres Diabetes erhoffen.

(Bei der ketogenen Ernährung ist die Hauptenergiequelle Fett. Der Ernährungsplan besteht daher im Allgemeinen zu etwa 75 bis 90 Prozent aus Fett und bis zu 20 Prozent aus Proteinen, und enthält maximal 50 g Kohlenhydrate. Da es schwierig ist, diese Art der Ernährung pflanzenbasiert zu gestalten, besteht die übliche Keto-Ernährung zu grossen Teilen aus tierischen Produkten.)

Ist Erythrit nun wirklich schädlich für Blut und Herz?

Wie sind die Ergebnisse obiger Studie nun einzuordnen und zu beurteilen? Kann der Zuckeraustauschstoff tatsächlich das Risiko für Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen? Wir lassen dazu einige Experten zu Wort kommen:

Auch eine umgekehrte Kausalität könnte vorliegen

Professor Dr. Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien gibt zu bedenken, dass in den ersten beiden Teilen der Studie auch eine sog. reverse causality vorliegen könnte (umgekehrte Kausalität), was bedeutet, dass nicht Erythrit das Herzinfarkt- und Herz-Kreislauf-Risiko erhöhte, sondern dass vielmehr die Leute, gerade WEIL sie erkrankt waren, verstärkt Erythrit konsumierten – in der Hoffnung, ihr Übergewicht und ihre Beschwerden damit zu bessern oder zumindest nicht weiter zu verschlimmern ( 2 ).

Gesunde Vergleichsgruppe fehlte

Dr. Harald Schulze, Professor für Experimentelle Hämostaseologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, hat ebenfalls Bedenken beim Design der Studie und im Hinblick auf die gezogenen Schlussfolgerungen. So gäbe es beispielsweise keine Vergleichsgruppe mit gesunden Personen bzw. mit Personen ohne erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko, da ausschliesslich Teilnehmer gewählt wurden, die bereits einen Herzinfarkt erlitten hatten oder an anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder entsprechenden Vorerkrankungen (Risikofaktoren) litten (2). Es lässt sich also nicht beurteilen, wie sich Erythrit bei gesunden Personen auf das Herz-Kreislauf-Risiko auswirkt.

Verzehr von Erythrit wurde nicht berücksichtigt

Auch wurden lediglich die Erythritspiegel im Blut berücksichtigt, aber nicht, ob, wann und wieviel Erythrit verzehrt wurde. So zeigte zwar Teil 3 der Studie, dass der Erythritspiegel unmittelbar nach der Einnahme des Zuckeraustauschstoffes stieg und mindestens einen Tag hoch blieb, dann sank, aber auch am zweiten Tag immer noch recht hoch blieb, bevor er zwischen dem dritten und siebten Tag wieder auf den Ausgangswert zurückfiel.

Doch könnte es nun auch so gewesen sein, dass manche der Teilnehmer ausgerechnet in den Tagen vor der Blutabnahme den Zuckeraustauschstoff zu sich genommen hatten, dies aber sonst nicht oder nur selten tun. Letztendlich ist auch Prof. Schulze der Ansicht, dass die Ergebnisse der Studie rein korrelativ sind, ein ursächlicher Zusammenhang damit jedoch nicht gezeigt werden konnte (2).

Ursachen für hohen Erythritspiegel wurden nicht untersucht

Dr. Anne Christin Meyer-Gerspach, Ernährungswissenschaftlerin und Leiterin der Metabolen Forschungsgruppe an der Universität Basel weist darauf hin, dass in der Erythrit-Studie nur der Erythritspiegel an sich als Vergleichswert verwendet wurde, man aber nicht geschaut hatte, weshalb der Erythritspiegel gestiegen war (2).

Erythrit entsteht im Körper, wenn Blutzucker steigt

So hatte man beispielsweise nicht zwischen endogener Synthese von Erythrit (Eigenproduktion im Körper) und dem Verzehr von Erythrit unterschieden. Der Zuckeraustauschstoff – so Meyer-Gerspach – könne vom Körper selbst hergestellt werden. Dies geschehe insbesondere, wenn der Blutzuckerspiegel steige, weil der Organismus über die Bildung von Erythrit aus Zucker versuche, den Blutzuckerspiegel zu senken (2).

Nun kommt ein hoher Blutzuckerspiegel gerade bei jenen Leuten vor, die auch Teilnehmer der Studie waren, nämlich bei Übergewichtigen und Diabetikern. Natürlich auch bei Leuten, die viel Zucker essen. In der Studie wurde jedoch nicht geschaut, wie viel Erythrit die Leute zu sich nahmen und wie viel Zucker.

Genetische Disposition könnte zu hohem Erythritspiegel führen

Darüber hinaus könnte es auch möglich sein, dass Personen mit Herzinfarkt in der Krankengeschichte bzw. mit einem generell erhöhten kardiovaskulären Risiko vermehrt Erythrit aus konsumiertem Zucker bilden. Vielleicht gäbe es auch eine genetische Prädisposition, die zu einer verstärkten endogenen Erythritproduktion führe (2).

Schon früher gab es hohe Erythritspiegel

Dr. Meyer-Gerspach weist ausserdem auf eine Studie von 2019 hin ( 3 ), in der man Blutproben aus den 1980er Jahren analysierte und ebenfalls feststellte, dass erhöhte Erythritspiegel mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte verbunden waren. Doch verwendete man damals noch gar kein Erythrit. Es wurde seinerzeit also weder als Zuckerersatz verkauft noch in Fertigprodukten/-getränken eingesetzt. Dies deutet auf eine höhere Erythrit-Eigenproduktion (z. B. aus Zucker) bei Personen mit Herz-Kreislauferkrankungen hin (2).

Nur ein Teil der Probanden hatten ein erhöhtes Risiko

Dr. Stefan Kabisch von der Berliner Charité betont, dass in der Studie nur ein Viertel der Probanden ein signifikant erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko durch einen erhöhten Erythritspiegel gehabt hätten (jene, mit einem stark erhöhten Erythritwert). Das bedeute, dass drei Viertel der Leute (mit weniger hohen Werten) kein erhöhtes, sondern ein normales Risiko hätten.

Die verwendete Dosis sei im letzten Teil der Studie sehr hoch gewesen – so Kabisch – und werde mit der heute üblichen Ernährung eher nicht erreicht (2). (Anmerkung ZDG-Redaktion: Es sei denn, man greift zu den o. g. Fertigprodukten oder kocht und backt selbst viel mit Erythrit).

Nicht nur Blutgerinnung bei Herz-Kreislauf-Risiko berücksichtigen

Dr. Rigved Tadwalkar, Kardiologe am Providence Saint John’s Health Center im kalifornischen Santa Monica fügte noch hinzu, dass eine Herz-Kreislauf-Erkrankung ein komplexes Geschehen sei und in jedem Fall aus mehr bestehe als einfach nur aus einer gestörten Blutgerinnung, so dass man – nur weil ein Stoff die Blutgerinnung beeinflusse – daraus nicht schliessen könne, dass dieser Stoff auch in jedem Fall das Herz-Kreislauf-Risiko beeinflusse oder gar umgehend zu einem Herzinfarkt führe (2).

Fazit: Schadet der Zuckeraustauschstoff dem Herz-Kreislauf-System?

Aus vorliegender Studie kann aus den oben genannten Gründen nicht geschlossen werden, dass Erythrit schädlich für das Herz-Kreislauf-System ist. Wichtig ist beim Verzehr des Zuckeraustauschstoffes, dass man - wie bei allem - nicht zu viel davon zu sich nimmt und seine Ernährung INSGESAMT gesund gestaltet. Denn ein Produkt oder Gericht wird nicht automatisch gesund, nur weil nun Erythrit statt Zucker enthalten ist. Was aber ist nun "zu viel" Erythrit? Aus unserer Sicht würden wir nicht mehr als 5 g vom Zuckeraustauschstoff pro Tag, also 35 g pro Woche empfehlen. Wenn man nur mal am Wochenende einen Kuchen isst, dann kann davon ein Stückchen auch mal 20 g enthalten.

Passt Erythrit in eine gesunde Ernährung?

Erythrit kann - in kleinen Mengen - Teil einer gesunden Ernährung sein. Allerdings nimmt man in einer gesunden Ernährung insgesamt eher selten gesüsste Produkte/Gerichte zu sich, da man sich ja bereits an frischen und möglichst naturbelassenen Lebensmitteln satt isst. Kuchen, Torten, Desserts, Marmelade o. ä. gehören eher zu Dingen, die es nur zu besonderen Anlässen gibt – und auch dann in gesunder Ausführung (Sie finden bei uns zahlreiche Rezepte, wie Sie mit hochwertigen Zutaten gesund backen können).

Gesüsste Getränke, wie gesüsste Tees, gesüsster Kaffee und gesüsste Limonaden (Soft oder Energy Drinks) gehören nicht in eine gesunde Ernährung - ob nun mit Zucker, Erythrit oder einem anderen Süssungsmittel gesüsst wird. Wenn es Ihnen schwer fällt, Ungesüsstes zu trinken, ist bereits das ein Zeichen, dass es Zeit für eine Umstellung ist. Zucker bzw. der süsse Geschmack ist eine reine Gewohnheit, die man sich – zugunsten seines Wohlbefindens – auch wieder abgewöhnen kann.

Wenn Sie für Ihre Ernährungsumstellung Anregungen benötigen, finden Sie in unserem ZDG-Kochstudio über 2500 Rezepte für eine pflanzenbasierte gesunde Ernährung (ohne Kristallzucker und ohne Erythrit). Falls Ihnen die Umstellung schwer fällt, dann laden wir Sie auf die Website unserer veganen Online-Kochschule ein. Sie finden dort nicht nur zahlreiche Online-Kochkurse, die Ihnen helfen, sich auch im Alltag gesund und möglichst naturbelassen zu ernähren, sondern auch 7-Tages-Ernährungspläne z. B. zum Abnehmen, bei Diabetes, bei Bluthochdruck, bei Rheuma, zum Entgiften, mit Kurkuma etc.

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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel wurde auf Grundlage (zur Zeit der Veröffentlichung) aktueller Studien verfasst und von MedizinerInnen geprüft, darf aber nicht zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung genutzt werden, ersetzt also nicht den Besuch bei Ihrem Arzt. Besprechen Sie daher jede Massnahme (ob aus diesem oder einem anderen unserer Artikel) immer zuerst mit Ihrem Arzt.