Was ist Kolostrum?
Kolostrum ist die erste Milch, die Säugetiere – ob Mensch, Rind, Ziege, Schaf etc. – in den ersten 24–72 Stunden nach der Geburt für ihre Neugeborenen produzieren. Sie wird auch Vormilch, Biestmilch oder Frühmilch genannt.
Sie unterscheidet sich deutlich von der „normalen“ Milch, also der sog. reifen Milch. Diese wird einige Tage später gebildet und dient der langfristigen Ernährung und dem Wachstum des Säuglings.
Kolostrum hingegen hat eine andere, ganz besondere Zusammensetzung. Denn Neugeborene haben direkt nach der Geburt noch kein funktionstüchtiges Immunsystem, müssen aber dennoch plötzlich mit einer keimreichen Umgebung zurechtkommen.
Die Vormilch ist die Garantie dafür, dass genau dies auch gelingt, selbst wenn das Immunsystem noch nicht so weit ist. Denn sie liefert eine hochkonzentrierte Mischung aus Antikörpern, antimikrobiellen Proteinen, Wachstumsfaktoren und Immunzellen, die in dieser Übergangsphase einen direkten Schutz vor Krankheitserregern bieten.
Auch ist bei Säuglingen der Darm noch nicht vollständig ausgereift. Die Frühmilch hilft dabei, dass sich eine gesunde Darmschleimhaut und eine ausgewogene Darmflora bilden können.
Für Nahrungsergänzungsmittel wird überwiegend Rinderkolostrum verwendet.
Bei welchen Beschwerden könnte Kolostrum helfen?
In der Naturheilkunde oder Komplementärmedizin wird Kolostrum in den folgenden Situationen bzw. bei den folgenden Beschwerden gelegentlich eingesetzt:
Bei erhöhter Infektanfälligkeit, in Rekonvaleszenzphasen, bei chronischen Darmbeschwerden (u. a. Leaky Gut), als Antibiotikabegleittherapie, bei sportlich starker Belastung und insgesamt zur Stärkung und Modulierung des Immunsystems.
Es ist jedoch nicht als Arzneimittel im Umlauf, sondern als Nahrungsergänzungsmittel.
Unterschied Kolostrum von Rind und Mensch
Um die Bedeutung der Vormilch besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die Unterschiede zwischen menschlichem und bovinem Kolostrum. ie unterscheiden sich deutlich. Denn jede Vormilch ist genau auf die jeweilige Art abgestimmt.
Menschliches Kolostrum – Schutz für den Darm
Beim Menschen bekommt das Kind bereits während der Schwangerschaft Antikörper (u. a. Immunglobuline G = IgG) von der Mutter über die Plazenta. Es besitzt daher bei der Geburt schon einen gewissen Schutz im Blut.
Menschliches Kolostrum konzentriert sich deshalb stärker auf den Schutz und die Entwicklung des Darms. Es enthält insbesondere sekretorisches IgA (sIgA), Humane Milch-Oligosaccharide (HMO), Lactoferrin, Lysozym und Wachstumsfaktoren (zu deren Wirkungen und Eigenschaften siehe weiter unten unter "Warum wirkt Kolostrum?").
sIgA ist ein Antikörper, der direkt auf der Darmschleimhaut wirkt, eine Art Schutzfilm bildet und das Eindringen von Keimen verhindert.
Beim menschlichen Säugling hat die Frühmilch eher eine Funktion im Darm. Es schützt die Schleimhaut, fördert die gesunde Darmflora und die Reifung des Darms.
Bekommt ein menschlicher Säugling keine Frühmilch, dann können sich Darm, Darmschleimhaut und Darmflora nicht optimal entwickeln und das Risiko für Infektionen im Magen-Darm-Bereich kann erhöht sein, konkret lebensbedrohlich wäre es aber nicht.
Rinderkolostrum – Schutz für den ganzen Körper
Beim Rind verhält sich die Sache anders. Über die Plazenta werden keine Antikörper auf das ungeborene Kalb übertragen. Es kommt daher fast ohne eigenen Immunschutz zur Welt. Deshalb enthält Rinderkolostrum besonders viele Antikörper (Immunglobuline), vor allem IgG. Sie erkennen Krankheitserreger und machen diese unschädlich.
In den ersten 12–24 Stunden ist der Darm des Kalbes noch durchlässig. Dadurch können diese Antikörper direkt ins Blut gelangen und den gesamten Körper vor schweren Infektionen schützen.
Erhält das Kalb in diesem kurzen Zeitfenster keine Frühmilch, gelangen keine schützenden Antikörper ins Blut und das Infektionsrisiko steigt stark. Es kommt häufig zu schweren Erkrankungen (Durchfälle), die Tiere brauchen Antibiotika und die Sterblichkeit ist deutlich erhöht.
Neben Antikörpern enthält auch Rinderkolostrum Lactoferrin, Lysozym, Wachstumsfaktoren und Oligosaccharide. Beim Kalb hat die Frühmilch somit die Aufgabe des Ganzkörperschutzes, während die menschliche Frühmilch insbesondere auf die Darmgesundheit einwirkt.
Warum wirkt Kolostrum?
Nimmt der Mensch nun eine Nahrungsergänzung mit Rinderkolostrum ein (oder mit Kolostrum von Schaf oder Ziege), dann beruhen die möglichen Wirkungen hauptsächlich auf den folgenden Inhalts- und Wirkstoffen.
Diese sind in der Frühmilch in sehr viel höheren Mengen enthalten als in der späteren reifen Milch. Ja, manche dieser Stoffe sind kaum noch in der normalen Milch enthalten (6):
Immunglobuline
Immunglobuline sind Antikörper. In Rinder-Frühmilch ist besonders das Immunglobulin G (IgG) enthalten, in geringeren Mengen IgA und IgM.
Antikörper erkennen Krankheitserreger und binden diese an sich, damit sie anschließend von Abwehrzellen vernichtet werden können.
Sie können im Darm Bakterien oder deren Gifte abfangen und so ihre Anheftung an die Darmschleimhaut erschweren.
In der Frühmilch sind insgesamt 42 bis 90 mg Immunglobuline (gesamt) pro ml enthalten, in der späteren Milch nur noch 0,4 bis 0,9 mg/ml.
Lactoferrin
Lactoferrin ist ein Protein, das freies Eisen bindet. Dadurch hemmt es die Vermehrung von Krankheitserregern, denn diese benötigen freies Eisen für ihr Wachstum. Lysozym wiederum ist ein Enzym, das Bakterien direkt zerstören kann.
Lactoferrin kann außerdem Entzündungsprozesse im Darm modulieren und die Eisenaufnahme im Darm sowie die Eisenverwertung verbessern.
In der Frühmilch sind 1,5 bis 5 g pro Liter, in der späteren Milch dann nur noch 0,02 bis 0,75 g/L.
Lysozym
Lysozym ist ein Enzym, das Bakterienwände angreifen und auflösen kann. Es wirkt also antibakteriell und unterstützt das Immunsystem.
In der Frühmilch sind 0,14 bis 0,7 mg Lysozym pro Liter enthalten, in der späteren Milch 0,07 bis 0,6 mg/L.
Wachstumsfaktoren
Wachstumsfaktoren (z. B. IGF-1, TGF-β, EGF) sind Signalstoffe, die das Zellwachstum und die Zellreparatur anstoßen. Auf diese Weise trägt das lokal im Darm wirkende Kolostrum auch zur Regeneration der Darmschleimhaut und Stabilisierung der Darmbarriere bei.
Zytokine
Zytokine sind Botenstoffe des Immunsystems und können im Darm Immunreaktionen in eine günstige Richtung lenken.
Oligosaccharide
In der Rinder-Frühmilch sind artangepasste Oligosaccharide enthalten, sog. bovine Milch-Oligosaccharide (BMO). In der menschlichen Frühmilch sind es HMO (humane Milch-Oligosaccharide).
Es sind spezielle Mehrfachzucker, die nützlichen Darmbakterien als „Futter“ dienen können (präbiotischer Effekt). Sie fördern somit eine gesunde Darmflora.
Prolinreiche Polypeptide (PRP) und antimikrobielle Peptide
PRP sind kleine Eiweißfragmente. Man diskutiert eine immunmodulierende Wirkung. Belege zur Wirkung beim Menschen liegen kaum vor.
Antimikrobielle Peptide sind Eiweißstoffe mit keimhemmender Aktivität, so dass man davon ausgeht, dass sie die Darmflora günstig beeinflussen (schädliche Keime hemmen und Platz für nützliche Darmbakterien schaffen).
Proteine, Vitamine und Mineralstoffe
Die Frühmilch enthält auch deutlich mehr Proteine, Vitamine und Mineralstoffe als die spätere reife Milch (6).
Hier einige Beispiele, wobei der erste Wert für die Frühmilch steht, der zweite (nach dem "und") für die reife Milch:
Protein (%) 14–16 und 3,1–3,2
Calcium (g/kg) 2,6–4,7 und 1,2–1,3
Zink (mg/kg) 11,6–38,1 und 3-6
Thiamin (Vitamin B1) (µg/mL) 0,58–0,9 und 0,4–0,5
Riboflavin (Vitamin B2) (µg/ml) 4,55–4,83 und 1,5–1,7
Vitamin D (IE/g Fett) 0,89–1,81 und 0,41
Tocopherol (Vitamin E) (µg/g) 2,92–5,63 und 0,06
Wie wirkt Kolostrum, wofür ist es gut?
Häufig liest man von den folgenden möglichen Auswirkungen der Einnahme, die jedoch nicht in jedem Fall auch belegt sind:
Wirkung auf das Immunsystem
Immunglobuline können im Darm pathogene Keime binden – und Lactoferrin wirkt antimikrobiell und immunmodulierend. Daraus könnte sich eine reduzierte Infektanfälligkeit (z. B. Atemwegsinfekte) ergeben.
Die reduzierte Infektanfälligkeit ist besonders bei intensiver Trainingsbelastung bei Sportlern untersucht. Denn diese sind je nach Trainingsstress anfälliger für Atemwegsinfekte.
In manchen Studien heißt es, dass Rinderkolostrum eine immunfördernde Wirkung bei Menschen jeden Alters habe (5).
Wirkung auf die Darmgesundheit
Die Vormilchwirkstoffe sollen die Darmschleimhaut beim Leaky Gut Syndrom reparieren und entzündungshemmend wirken. Sie stärken die Darmbarriere, nähren die Darmflora und fördern den Aufbau neuer Darmzellen.
Eine mögliche Anwendung bei Reizdarm und entzündlichen Darmerkrankungen ist denkbar (als komplementäre Maßnahme).
Wirkung auf Muskulatur, Knochen und Haut
Die Vormilch soll außerdem die Muskelregeneration und die Knochendichte günstig beeinflussen. Sie unterstützt die Kollagenproduktion, fördert die Zellregeneration und stärkt die Hautschutzbarriere.
Welche belegten Wirkungen hat Kolostrum?
Nachfolgend stellen wir einige positive Studien zu den Wirkungen von Kolostrum vor. Es gibt aber auch mehrere Studien, in denen sich nur geringe oder keine Effekte zeigten.
Positive Wirkung auf Knochenmarker
An einer randomisierten, doppelblinden Studie von 2014 nahmen 40 Erwachsene im Alter von etwa 60 Jahren teil (1). Sie sollten 8 Wochen lang ein Krafttraining absolvieren und täglich 60 g Rinderkolostrum oder ein Whey-Protein einnehmen sollten (als Shake, also in Flüssigkeit gemixt). Der Proteinanteil war in beiden mit ca. 38 g ähnlich.
In der Kolostrum-Gruppe konnte man zum Ende der Studie eine etwas stärkere Steigerung der Beinkraft messen. Auch nahm im Vergleich zur Whey-Gruppe ein Marker ab, der auf Knochenabbau hinweist. Bei anderen Werten (Muskelmasse, Entzündungswerte) konnte man keine Unterschiede zwischen den Gruppen feststellen.
Die eingesetzte Dosierung lag deutlich über üblichen Mengen handelsüblicher Präparate.
Weniger Erkältungen
Aus 2016 stammt eine Übersichtsarbeit zu fünf Studien, in denen es ebenfalls um Teilnehmer ging, die regelmäßig Sport trieben. Hierbei zeigte sich, dass die Einnahme von Rindervormilch-Präparaten im Vergleich zu Placebo das Auftreten von Erkältungserkrankungen signifikant reduzierte (2).
In einer Untersuchung von 2023 stellte man fest, dass junge Erwachsene mit einem potenziell erhöhten Risiko für Infektionen der oberen Atemwege durch Kolostrum weniger häufig erkältet waren.
Sie nahmen 45 Tage lang eine relativ niedrige Dosis (0,5–1,0 g/Tag) Rinderkolostrum oder ein Placebo und anschließend erneut über 7 Tage ab Tag 87. Die Studie dauerte insgesamt 107 Tage (3).
Weniger oxidativer Stress, sinkende Entzündungswerte
2022 nahmen 20 sportlich aktive Probandinnen 6 Monate lang täglich 3,2 g Rinderkolostrum oder ein Placebo. Im Vergleich zur Placebogruppe zeigte die Kolostrumgruppe eine signifikante Senkung eines Markers für oxidativen Stress (TBARS-Wert). Gleichzeitig stieg die SOD-Aktivität (SOD ist ein körpereigenes Antioxidans).
Auch Entzündungswerte sanken und es zeigte sich ein positiver Einfluss auf den Eisenstoffwechsel (4).
Können Kinder Rinderkolostrum nehmen?
Auch Kindern und Säuglingen werden teilweise Nahrungsergänzungen aus Rinderfrühmilch verabreicht (9). Dazu liegen mehrere klinische Studien vor, vor allem im Zusammenhang mit wiederkehrenden Atemwegsinfekten und Durchfallerkrankungen (8).
Atemwegsinfekte und Durchfallerkrankungen
In Studien mit Vorschul- und Schulkindern zeigte sich eine reduzierte Häufigkeit von Infekten der oberen Atemwege und auch von Durchfallerkrankungen oder eine verkürzte Krankheitsdauer im Vergleich zu Kontrollgruppen.
An einer der Studien nahmen 160 Kinder teil im Alter von 1–6 Jahren. Sie litten an wiederkehrenden Infektionen der oberen Atemwege oder Durchfall und erhielten über 4 Wochen ein Kolostrumpräparat (8).
Nach 2 Monaten war die Zahl der Infektionen von durchschnittlich 8,6 auf 5,5 gesunken. Auch die Anzahl der Krankenhausaufenthalte war nach der vierwöchigen Einnahme signifikant reduziert.
Die Dosis für Kinder
Zum Einsatz kam ein Pulver, das in 50 ml abgekochtes Wasser gerührt und auf nüchternen Magen, mindestens 30 Minuten vor den Mahlzeiten, eingenommen wurde. Kinder unter zwei Jahren sollten 3 g des Pulvers nehmen, Kinder über zwei Jahre nahmen 6 g pro Tag.
Die Wirkung
Die Wirkmechanismen werden vor allem auf die Bindung von Krankheitserregern im Darm durch Immunglobuline, die stabilisierende Wirkung auf die Darmschleimhaut sowie auf immunmodulierende Effekte von Lactoferrin und den anderen bioaktiven Bestandteilen zurückgeführt.
Die Verträglichkeit
Rinderkolostrum gilt bei Kindern im Allgemeinen als gut verträglich. Bei bestehender Milcheiweißallergie dürfen die Produkte natürlich nicht eingesetzt werden. Bei Laktoseintoleranz müssen konkret laktosefreie Produkte gewählt werden.
Welche Arten gibt es im Handel?
Nahrungsergänzungsmittel werden meist aus Rinderkolostrum hergestellt, selten gibt es Präparate aus Schaf- oder Ziegenkolostrum.
Wo kann man Kolostrum kaufen?
Die entsprechenden Präparate sind online erhältlich, aber auch in Apotheken, Bioläden und anderen Geschäften, die Nahrungsergänzungsmittel im Sortiment haben.
Worauf sollte man beim Kauf (nicht) achten?
Die Unterschiede bei Kolostrumprodukten sind teilweise enorm. Abgesehen davon, dass es Kapseln oder Pulver gibt und die Produkte unterschiedliche Immunglobulinanteile aufweisen können (20 bis 60 Prozent), werden manche Produkte mit Aussagen beworben, die teilweise haarsträubend sind.
Die Produkte von Konkurrenten stammten aus synthetischer Massenproduktion, liest man etwa. Doch kann Vormilch nicht synthetisch hergestellt werden.
Das eigene Produkt sei hingegen eine Kolostrum-Vorzugsmilch, ein Begriff, den es so gar nicht gibt. Denn Vorzugsmilch hat nichts mit Kolostrum zu tun und bezeichnet die „normale“ Milch, wenn diese als Rohmilch im Handel abgepackt verkauft wird.
Andere (The Magic Cow) preisen ihr Colostrum-Pulver als „Supermilch“ an und schreiben, es enthalte eine „Eisenquelle (Lactoferrin)“. Lactoferrin liefert selbst aber kaum Eisen, kann allenfalls die Eisenaufnahme im Darm und die Eisenverwertung verbessern. Eine Eisenquelle ist es also nicht.
Lohnt sich liposomales Kolostrum?
Nahrungsergänzungen werden häufig in liposomaler Form angeboten, da sie dann besser verfügbar sein sollen (Vitamin C, Eisen, Curcumin, Glutathion, Magnesium etc.). Bei etlichen ist es jedoch nicht nötig, verteuert das Produkt eher.
Manche Hersteller bieten nun auch liposomales Kolostrum an. Das bedeutet, dass die Vormilch mit Phospholipiden (z. B. Phosphatidylcholin) verarbeitet wurde. Dadurch sollen die Wirkstoffe in Fettkügelchen eingebettet werden, damit sie vollständiger den Darm erreichen und besser resorbiert werden können.
Allerdings sind die Proteine in der Frühmilch sehr große Moleküle, so dass nicht gesichert ist, ob eine liposomale Verarbeitung hier einen Vorteil bringt – zumal die Milch ja ohnehin nicht eingenommen wird, um ins Blut zu gelangen, sondern damit diese im Darm wirkt. Eine Resorption ist also gar nicht vorgesehen. Auch wurden/werden die meisten Studien mit nicht-liposomalem Kolostrum durchgeführt.
Im goldenen Fenster gesammelt?
Als Qualitätsmerkmal liest man häufig „im goldenen Fenster gesammelt“. Das bedeutet, die Vormilch stammt aus der Zeit innerhalb der ersten 6 Stunden nach der Geburt.
In unserer Ära dürfen „Nutztiere“ also nicht einmal die ersten Stunden nach der Geburt in Frieden Zeit mit ihrem Kind verbringen. Denn das Kind kommt weg (dauerhaft) und die Mutter wird in den Melkstand gebracht, damit die Menschheit mit Rinderkolostrum versorgt werden kann.
Ethisch sind Kolostrumprodukte daher genausowenig wie andere tierische Produkte – Näheres weiter unten, wo die Herstellung beschrieben wird.
Goldene Fenster für das Kalb entscheidend, nicht für den Menschen
Zurück zum vermeintlich goldenen Fenster, das insbesondere für das Kalb entscheidend ist, für Nahrungsergänzungsmittel aber nicht.
In den ersten 6 Stunden nach der Geburt sind der IgG-Gehalt und auch der Gesamtprotein-Gehalt am höchsten. Zwischen 6 und 12 Stunden sinkt der Gehalt dieser Wirk- und Nährstoffe deutlich, langsam beginnt nun der Übergang zur reifen Milch.
Für das Kalb ist es deshalb so wichtig, die erste Milch im goldenen Fenster zu trinken. Nahrungsergänzungsmittel aber können konzentriert und auf einen bestimmten IgG-Gehalt standardisiert werden. Die exakte Stunde der Gewinnung spielt dann weniger eine Rolle.
Wie hoch sollte der IgG-Gehalt sein?
Es wäre ohnehin sinnvoller, den konkreten IgG-Gehalt anzugeben (um Qualitäten vergleichen zu können), denn nur der Hinweis aufs goldene Fenster ist zu ungenau.
Zwar sind auch andere Inhaltsstoffe in der Vormilch wichtig, doch wird in Studien zu den verwendeten Präparaten meist ausschließlich der IgG-Gehalt genannt (meist 20 bis 25 %).
Im Handel gibt es auch Präprate mit 60 % IgG-Gehalt. Diese müssen nicht automatisch besser sein. Denn wenn man auf 60 % IgG konzentriert, bedeutet das zwangsläufig, dass andere Bestandteile mengenmäßig reduziert sind und sich das natürliche Verhältnis der Inhaltsstoffe zueinander stark verändert.
Ein Wert von 25 bis 30 % ist empfehlenswert.
Besser als menschliches Kolostrum?
Beim Colostrum Immun von Dr. Wolz wird erklärt, Kolostrum vom Rind enthalte 40-mal mehr Immunglobuline als menschliche Vormilch. Das ist irreführend. Denn man glaubt, Rindervormilch sei besser als menschliche.
Doch enthält menschliche Vormilch nur deshalb weniger Immunglobuline (IgG), weil der Säugling genau diese Immunglobuline schon vor der Geburt über die Plazenta erhalten hat. Er braucht sie daher – im Gegensatz zum Kalb – nach der Geburt nicht mehr in diesen riesigen Mengen.
Kolostra sind an die jeweilige Art angepasst. Es ist daher nicht sinnvoll, verschiedene Kolostra miteinander zu vergleichen.
Bio-Qualität und Weidehaltung
In jedem Fall sollte ein Präparat Bio-Qualität aufweisen und die Tiere sollten in Weidehaltung leben.
Schonend pasteurisiert und gefriergetrocknet
Da die Inhaltsstoffe der Vormilch hitzeempfindlich sind, ist es wichtig, das auf dem Produkt angegeben ist, wie es pasteurisiert wurde (bei welchen Temperaturen über welche Zeit) und dass es gefriergetrocknet wurde.
Ideal ist eine Pasteurisierung bei 60 Grad 30 Minuten lang. Bei höheren Temperaturen beginnen die Immunglobuline zu denaturieren.
Lactoferrin ist ebenfalls hitzesensibel, genauso die Wachstumsfaktoren und Zytokine.
Da aber das Produkt keimfrei und sicher sein muss, liegt die Kunst im Abwägen zwischen Keimsicherheit und Proteinerhalt.
Bei der genannten Vorgehensweise (30 Minuten lang bei 60 Grad) bleiben die Immunglobuline weitgehend erhalten. Die Verluste bewegen sich bei weniger als 3 % (7).
Kolostrum – vollwertig, entfettet, entcaseiniert und ohne Lactose?
Kolostrum kann außerdem verschiedene Verarbeitungsgrade aufweisen, so dass für jede Zielgruppe das passende dabei ist:
Was bedeutet vollwertig?
Wenn das Produkt als vollwertig bezeichnet wird, ist es meist einfach nur pasteurisiert und gefriergetrocknet. Alle natürlicherweise in der Vormilch enthaltenen Bestandteile sind noch enthalten.
Was bedeutet entfettet?
Entfettete Produkte sind u. U. stabiler und haltbarer und weisen – da der Fettanteil fehlt – nun einen vergleichsweise etwas höheren Proteinanteil auf. Gemeinsam mit dem Milchfett könnten auch fettlösliche Vitamine sowie Hormone (z. B. Progesteron, geringe Mengen Östrogene) entfernt werden.
Allerdings werden so geringe Kolostrummengen eingenommen, dass die Hormonmengen auch bei fetthaltiger Vormilch keine Wirkung zeigen werden.
Was bedeutet entcaseiniert?
Bei entcaseinierten Produkten wurde das Kasein entfernt. Kasein ist ein Milchprotein. Sein Anteil am Gesamtprotein macht bis zu 80 % aus. Die restlichen 20 % bestehen aus Molkenproteinen.
Mit der Entfernung des Kaseins will man das Produkt leichter verdaulich und weniger allergen machen. Da weiterhin Molkenproteine enthalten sind, wird es aber nicht automatisch für alle Milcheiweißallergiker geeignet.
Das Produkt wird durch die Entcaseinierung außerdem besser löslich, und der relative Anteil an Immunglobulinen steigt.
Gleichzeitig gehört Kasein zum Gesamtkomplex des Kolostrum und hat - laut Tierstudien - entsprechende Mitwirkung. So soll es beispielsweise die Wachstumsfaktoren wenigstens zum Teil vor Verdauungsenzymen schützen sowie auch selbst immunregulatorische, antibakteriellen und entzündungshemmende Eigenschaften haben (6).
Dies könnte zwar darauf hinweisen, dass man besser kein entcaseiniertes Präparat wählt, in klinischen Studien wurde jedoch noch nicht überprüft, ob die genannten Mechanismen auch beim Menschen relevant sind.
Was bedeutet ohne Laktose?
Manchen Produkten wurde Laktase zugesetzt, also jenes Enzym, das die Laktose, den Milchzucker, spaltet (in Glucose und Galactose). Auch dies soll die Zielgruppe vergrößern, nämlich alle Leute miteinschließen, die an einer Laktoseintoleranz leiden.
Laktoseintoleranz äußert sich insbesondere mit Verdauungsbeschwerden nach dem Verzehr von laktosehaltigen Milchprodukten.
Wie nimmt man Kolostrum ein?
In Form von Pulver kann man – wenn man das Produkt überhaupt nehmen will – noch am besten relevante Mengen zu sich nehmen. Auch spart man sich all die Kapselhüllen, die man bei mehreren Gramm pro Tag schlucken würde.
Teilweise wird geraten, das Pulver einfach in Kaffee, Tee, Fruchtsaft, Milch (als Shake), Wasser oder Smoothies zu rühren, teilweise heißt es, man könne es über Speisen streuen (z. B. Müsli).
Getränke oder Speisen dürfen jedoch nicht heiß sein. Sie müssen deutlich abgekühlt sein und sollten lauwarm sein, da die Inhaltsstoffe der Frühmilch hitzeempfindlich sind.
Andererseits soll die Aufnahme auf nüchternen Magen – 30-60 Minuten vor einer Mahlzeit – sinnvoller und wirksamer sein.
Welche Dosis nimmt man?
Für Kolostrum existiert keine einheitlich etablierte Standarddosierung. In klinischen Studien wurden häufig zweistellige Gramm-Mengen pro Tag eingesetzt (10 bis 20 g), während handelsübliche Nahrungsergänzungsmittel meist 2–5 g täglich empfehlen. Ob diese niedrigeren Dosierungen vergleichbare Effekte erzielen, ist bislang nicht geklärt.
Schon 500 bis 1000 mg sollen für die Stärkung des Immunsystems ausreichen, während man für die Darmreparatur 2 Gramm und mehr benötigen soll.
Es kommt jedoch insbesondere auf den Immunglobulinanteil an. Ist dieser hoch (z. B. 60 %), kommt man mit einer geringeren Dosis aus als bei Produkten, die nur einen Anteil von z. B. 25 % aufweisen.
Wie lange nimmt man die Produkte?
Man kann Kolostrumprodukte kurweise nehmen, z. B. 4–8 Wochen lang, bei chronischen Belastungen aber auch längerfristig. Sportler nehmen die Produkte in Trainingsphasen oft 8-12 Wochen lang.
Gibt es Nebenwirkungen oder Gegenanzeigen?
Mögliche Nebenwirkungen können Blähungen, Völlegefühle und – besonders zu Beginn der Einnahme – leichte Durchfälle sein.
Wer eine Kuhmilchproteinallergie hat, könnte – wenn sich die Allergie auf Kasein beschränkt – auf entcaseinierte Produkte zurückgreifen. Ansonsten sind Kolostrumprodukte bei Milchproteinallergien nicht geeignet.
Bei Laktoseintoleranz muss man auf Produkte ohne Laktose achten.
Bei Autoimmunerkrankungen oder anderen Situationen, in denen eine Modulation des Immunsystems nicht in jedem Fall erwünscht ist, sollte man vor der Einnahme ärztliche Rücksprache halten.
Gibt es pflanzliche Alternativen?
Wenn es um die Stärkung und Modulierung des Immunsystems geht, sind Beta-Glucane aus Pilzen, Vitamin D, Zink und Probiotika wissenschaftlich deutlich besser untersucht. Dasselbe gilt im Hinblick auf die Unterstützung der Darmbarriere für L-Glutamin, präbiotische Ballaststoffe und kurzkettige Fettsäuren (Butyrat).
Rinderkolostrum für Hunde und Katzen
Auch im Haustierbereich wird Kolostrumpulver gelegentlich eingesetzt, z. B. bei Durchfallneigung, empfindlicher Verdauung, in der Rekonvaleszenz oder auch in Stressphasen (Training, Zucht, Tierheim).
Die Wirkmechanismen entsprechen grundsätzlich denen beim Menschen:
Die enthaltenen Immunglobuline, Lactoferrin und weiteren bioaktiven Proteine wirken überwiegend lokal im Darm. Sie können dort Keime oder deren Toxine binden, die Darmbarriere unterstützen und das intestinale Milieu modulieren.
Es handelt sich also insbesondere um eine unterstützende Maßnahme im Bereich der Darmgesundheit.
Allerdings können Hunde und Katzen auch mit Unverträglichkeiten reagieren, zumal Laktose (Milchzucker) enthalten ist - es sei denn man weicht auf ein laktosefreies Produkt aus.
Zur Dosierung gibt es keine einheitlichen Empfehlungen.
Üblich sind bei Hunden ca. 0,5–1 g pro 10 kg Körpergewicht täglich, in akuten Situationen teils bis 2 g pro 10 kg kurzfristig. Das Pulver wird einfach über das Futter gestreut.
Bei Katzen geht man von ca. 250–500 mg pro Tier täglich aus, bei größeren Katzen ggf. bis 1 g täglich.
Man kann die Dosis einmal täglich geben, bei empfindlichen Tieren teilt man sie auf zwei Dosen auf.
Fazit: Kolostrum – als Nahrungsergänzung nicht nötig
Kolostrum ist zweifelsohne ein natürlicher Stoff mit plausiblen immunologischen Effekten und Wirkungen auf die Darmgesundheit. Als Nahrungsergänzung könnte es in bestimmten Situationen sinnvoll sein – insbesondere zur Unterstützung der Darmbarriere und des Immunsystems, was aber auch mit anderen Maßnahmen erreicht werden kann.
Ein Wundermittel ist die Vormilch daher nicht. Schon allein aus ethischer Sicht ist sie ohnehin nicht empfehlenswert.