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Paleo-Ernährung – Ein Trend ohne wissenschaftliches Fundament

Paleo-Ernährung – Ein Trend ohne wissenschaftliches Fundament

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(Zentrum der Gesundheit) – Dr. Christina Warinner legt in ihrem Vortrag "Debunking the paleo diet" dar, dass es für die Paleo-Ernährung keine wissenschaftlichen Belege gibt – zumindest nicht, wenn sie aus besonders viel Fleisch und Eiern besteht. Auch erklärt Dr. Warinner, dass eine echte Paleo-Ernährung heute kaum noch umgesetzt werden kann, da die meisten Kulturgemüse und -früchte mit den Ursprungspflanzen aus der Urzeit nicht mehr viel gemein haben. Die Paleo-Ernährung ist daher nichts weiter als eine Modeerscheinung, die vielen Menschen gerade recht kommt, um ihren hohen Fleischkonsum zu verteidigen.

Paleo-Ernährung – Tierische Kost nur, wenn es sich nicht vermeiden liess

Der nachfolgende Artikel ist eine zusammengefasste Übersetzung des Vortrags "Debunking the paleo diet" von Dr. Christina Warinner. Dr. Warinner promovierte 2010 an der Harvard University und ist Pionierin auf dem Gebiet der biomolekularen Erforschung archäologischen Zahnsteins – einer Methode, an der sich sehr gut die Ernährung und Gesundheit der Menschen in der Steinzeit und früheren Epochen erkennen lässt.

Die Redaktion des Zentrums der Gesundheit möchte zuvor auf folgende Punkte hinweisen:

- Eine RICHTIG durchgeführte Ernährung, die steinzeitlichen Kriterien entsprechen würde, ist zweifelsohne gesund. Im folgenden Artikel wird also nicht der gesundheitliche Wert einer hochwertigen und gut zusammengestellten(!) sog. Paleo-Ernährung diskutiert.

- Im folgenden Artikel geht es vielmehr darum, dass die tatsächliche Ernährung unserer Vorfahren aufgrund archäologisch-wissenschaftlicher Untersuchungen nicht zwangsläufig grosse Mengen tierischer Nahrung enthielt. Im Gegenteil. Wenn das Klima es in einigen wenigen Regionen nicht erfordert hätte, wären unsere Vorfahren lieber bei pflanzlicher Nahrung geblieben – denn darauf war ihr Körper (so wie unserer heute noch) perfekt eingestellt.

- Gleichzeitig wird an keiner Stelle behauptet, dass der Mensch ein reiner Pflanzenesser ist. Leicht auffindbare tierische Kost haben unsere Vorfahren daher sicher nicht verschmäht, wozu auch Insekten, Reptilien und Nagetiere gehört haben mögen, was viele Naturvölker noch heute essen. Auf Grosswildjagd ging man jedoch vermutlich nur, wenn es sich nicht vermeiden liess und der Hunger einen dazu trieb.

Viel Spass mit dem Vortrag von Dr. Warinner!

Paleo-Ernährung – Nur ein Modetrend

Dr. Christina Warinner: "Ich bin Archäologin und mein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Gesundheits- und Ernährungsgeschichte unserer menschlichen Vorfahren. Hierzu führe ich unter anderem biochemische Untersuchungen von Knochenfunden durch sowie Analysen urzeitlicher DNA.

Heute allerdings bin ich hier, weil ich Ihnen etwas über die so genannte Paleo-Ernährung erzählen möchte. Hierbei handelt es sich – zumindest in Amerika – um einen der am schnellsten wachsenden und beliebtesten Modetrends im Bereich der Ernährung.

Die Grundidee hinter der Paleo-Ernährung ist die folgende:

  1. Der Schlüssel zu einem langen Leben und optimaler Gesundheit besteht in einem Verzicht auf die moderne Ernährungsweise aus landwirtschaftlich erzeugten Lebensmitteln, da diese andernfalls krankmachen würden, weil sie angeblich nicht mit unseren biologischen Voraussetzungen übereinstimmen würden.
  2. Stattdessen sollten wir uns gedanklich in die Zeit unserer Vorfahren zurückbegeben und so essen wie es in der Altsteinzeit vor etwa 10.000 Jahren üblich gewesen sei.
     

Ich muss sagen, dass mich diese Idee an sich ausserordentlich fasziniert, vor allem deshalb, weil wir in diesem Zusammenhang Archäologie einmal praktisch anwenden können – und wir als Archäologen Informationen, die wir der Vergangenheit entrissen haben, tatsächlich in der Gegenwart nutzen können – und zwar direkt zu unserem eigenen Vorteil.

Paleo-Befürworter behaupten zu wissen, was in der Steinzeit gegessen wurde

In vielen Büchern über die Paleo-Ernährung ("Paleo-Diät", "Urzeitliche Blaupause" (orig.: "Primal Blueprint"), "New Evolution Diet" und "Neanderthin" (etwa: Dünn wie die Neandertaler) beruft man sich direkt auf die Anthropologie, die Ernährungswissenschaft und die Evolutionsmedizin (was lt. Dr. Warinner jedoch nicht korrekt ist – Anm. der ZDG-Redaktion).

Die favorisierte Zielgruppe scheinen Männer zu sein – zumindest deutet die Werbung für die Paleo-Ernährung bzw. für Paleoprodukte daraufhin, zeigt sie doch ganz besonders virile, an Höhlenmenschen gemahnende Männer, die mit Begeisterung viel rotes Fleisch essen und Sätze wie "Lebe ursprünglich!" von sich geben.

Man signalisiert also, genau zu wissen, wie die damalige Ernährung ausgesehen hat – nämlich rot und blutig. Bevorzugt von Fleisch habe man sich also ernährt, heisst es da, ergänzt von etwas Gemüse, Obst und ein paar Nüssen. Aber sicherlich hätten keinerlei Getreide und auch keine Hülsenfrüchte oder Milchprodukte auf dem Speiseplan gestanden.

Paleo-These hat kein archäologisch-wissenschaftliches Fundament

Leider findet die Version der Paleo-Ernährung, wie sie heute präsentiert und über den Klee gelobt wird – ob in Büchern, Talkshows, Webseiten, Foren oder Zeitschriften – keinerlei Begründung in der archäologischen Wirklichkeit.

Gerne erkläre ich Ihnen auch, warum das so ist und werde im Folgenden so manchen Mythos ad absurdum führen, besonders dann, wenn behauptet wird, man stütze sich auf fundamentale archäologisch-wissenschaftliche Konzepte.

Abschliessend möchte ich darüber reden, was wir WIRKLICH – aus wissenschaftlicher, archäologischer Sicht – über die Ernährungsweise unserer steinzeitlichen Vorfahren wissen, also darüber, was wirklich auf der Speisekarte der Menschen in der Altsteinzeit zu finden war.

Mythos Nummer 1: Der Mensch ist für reichhaltigen Fleischverzehr geschaffen

Mythos Nummer 1 ist, dass der menschliche Körper für einen umfangreichen Fleischverzehr wie geschaffen sein soll, und Steinzeitmenschen daher grosse Mengen an Fleisch zu sich genommen haben.

In Wirklichkeit ist es jedoch so, dass der Mensch über keine bekannten anatomischen, physiologischen oder genetischen Anpassungen (Adaptationen) verfügt, die ihm den Fleischkonsum besonders erleichtern würden.

Für den Verzehr von Pflanzenkost hingegen sind wir wie geschaffen. Nehmen wir zum Beispiel das Vitamin C.

Fleischfresser müssen Vitamin C selbst synthetisieren können, da sie nur wenig Vitamin-C-reiche Pflanzenkost zu sich nehmen.

Der Mensch kann kein Vitamin C bilden, er muss es also mit reichlich pflanzlicher Nahrung zu sich nehmen.

Überdies weisen wir eine andere Darmflora sowie einen bedeutend längeren Verdauungstrakt als Fleischfresser auf, da pflanzliche Nahrung länger im Körper bleiben muss, um gut verdaut zu werden. Für die Verdauung von Fleisch aber würde ein kurzer Darm genügen.

Wir haben ein Gebiss, das sich vor allem in grossen Backenzähnen widerspiegelt, mit deren Hilfe wir ballaststoffreiches, pflanzliches Gewebe perfekt zerkleinern können. Wir weisen hingegen kein für Fleischfresser typisches, so genanntes Scherengebiss auf, welches eindeutig von Vorteil wäre, wenn man Tiere reissen und ihr Fleisch zerkleinern will.

Für Milchverzehr gibt es Anpassungen, nicht aber für Fleischverzehr

Dennoch verfügen einige menschliche Populationen über genetische Mutationen, die den Konsum tierischer Produkte begünstigen – allerdings reden wir an dieser Stelle nicht von Fleisch, sondern von Milch (Stichwort Lactose – Anm. d. ZDG-Redaktion).

Für einen überwiegenden Fleischverzehr aber sind wir nicht ausgestattet – schon gar nicht wenn das Fleisch von gemästeten domestizierten Rindern aus der Massentierhaltung stammt.

Fleisch, das von einem Menschen in der Altsteinzeit gegessen worden wäre, war mit allergrösster Wahrscheinlichkeit sehr viel magerer, mit Sicherheit wären die Portionen zudem kleiner gewesen – und insgesamt ass man einfach nicht so viel Fleisch.

Klar, Knochenmark und Innereien haben bei der einstigen Ernährung eine Rolle gespielt, die nicht zu vernachlässigen ist. Es gibt eine Menge Hinweise darauf, dass das Knochenmark von Tieren genutzt wurde, was man an einer charakteristischen Bearbeitungsweise von Tierknochen erkennen kann, die eine Extrahierung des Knochenmarks überhaupt erst möglich machte.

(Wahrscheinlich haben sich unsere Vorfahren bevorzugt über die Reste hergemacht, die von Raubtiermahlzeiten übriggelassen wurden, wodurch man eigene Jagdaktivitäten vermeiden konnte – Anm. d. ZDG-Redaktion).

Damit wir uns darüber also im Klaren sind: Ja, sicher, die Menschen haben auch Fleisch gegessen, vor allem in den arktischen Gebieten und in Gegenden, in denen über längere Zeiträume pflanzliche Nahrung einfach nicht vorhanden war. In all diesen Gebieten wurde tatsächlich sogar sehr viel Fleisch gegessen.

Aber Menschen, die in gemässigteren Klimazonen oder in den Tropen gelebt haben, haben einen überwältigenden Grossteil ihrer Ernährung aus pflanzlichen Quellen bestritten. Woher stammt nun aber der "Fleischmythos"?

Woher stammt der Fleischmythos?

In diesem Zusammenhang sind vor allem zwei Aspekte zu nennen.

Erstens: Knochen haben über die Jahrtausende einfach eine bessere Haltbarkeit als Pflanzen.

Das bedeutet, den Archäologen liegen viel mehr Knochen für Untersuchungszwecke vor als pflanzliche Nahrungsrückstände, was zur vorschnellen Schlussfolgerung führen könnte: Mehr Knochen, mehr Fleischnahrung.

Zweitens: Es kommen gewisse Analyseverfahren (biochemische Studien) zum Einsatz, die nicht wirklich zuverlässig sind, wie z. B. die sog. Stickstoffisotopenuntersuchung, die folgendermassen funktioniert:

Sicher kennen Sie den Spruch: "Man ist, was man isst". Hier bedeutet er dies: Es gibt Stickstoff-15 und Stickstoff-14 – die schwere und die leichte Isotopenform des elementaren Stickstoffs – und wir nehmen diese Isotope des Stickstoffs über unsere Nahrung auf.

Je höher sich nun ein Individuum in der Nahrungskette befindet, desto höher ist der Anteil des schweren Stickstoff-Isotops in seinen Knochen und Zähnen. Die Nahrungskette ist so aufgebaut, dass Pflanzen ganz unten angesiedelt sind, darüber die Pflanzenfresser stehen und über diesen wiederum die Fleischfresser.

Also glaubte man bisher, man könne die Ernährung eines Lebewesens ganz einfach mit Hilfe der Stickstoffisotopenanalyse herausfinden.

Wissenschaftliche Messmethoden nicht zuverlässig

Das grosse Problem besteht nun aber leider darin, dass längst nicht alle Ökosysteme den gleichen Regeln gehorchen, mithin also dieses Modell nicht auf alle Ökosysteme so ohne weiteres anwendbar ist.

So gibt es beispielsweise starke regionale Unterschiede, und wenn man als Forscher die Gegebenheiten einer bestimmten Region nicht hundertprozentig versteht, kann man schnell zu falschen Schlussfolgerungen kommen.

Nehmen wir Ostafrika: Wenn wir Menschen und Tiere aus Ostafrika nach dieser Methode vermessen, stellen wir schnell ein paar Seltsamkeiten fest. Ein Mensch weist dort höhere Werte auf als ein Löwe. Löwen essen ausschliesslich Fleisch. Und trotzdem steht der Mensch über dem Löwen? Wie kann das sein?

Nun, ganz einfach: Die Lebensmittel, die man zu sich nimmt, sind längst nicht der einzige Faktor, der in diese Isotopen-Werte hineinspielt. Auch das Klima (z. B. die Aridität) der Region kann eine gewichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielen. Oder wie leicht der Zugang zu Wasser gestaltet werden kann.

In tropischen Gebieten ist es nicht viel anders. Bei den antiken Maya beispielsweise finden wir ebenfalls interessante Anomalitäten. Hier sind die Werte vergleichbar mit den im gleichen Gebiet lebenden Jaguaren. Wir wissen jedoch, dass die Maya eine Ernährungsweise verfolgten, die extrem abhängig von Mais gewesen ist. Wie können wir die Werte hier also erklären?

Eine hieb- und stichfeste Antwort haben wir noch nicht gefunden, doch könnte hier auch die Art der Maya-Landwirtschaft und der Agrarprodukte mitspielen, von denen sie lebten.

Noch viel früher – im Pleistozän, einem Erdzeitalter, das vor ca. 2,6 Millionen Jahren begann und 2,5 Millionen Jahre anhielt – gab es bereits Rentiere. Sie sind reine Pflanzenfresser. Dennoch kommen in diesem Zeitalter auch Wölfe auf dieselben Stickstoffisotopenwerte wie die Rentiere.

Bei den Mammuten hingegen konnte man ganz unterschiedliche Werte finden, sowohl Werte auf der Ebene der Pflanzen, der Ebene der Pflanzenfresser und sogar Werte, die für reine Fleischfresser sprechen würden.

Wenn wir nun einen genaueren Blick auf den Menschen dieser Zeit, auf Steinzeitmenschen und Neandertaler werfen, dann fällt auf, dass sie in der Messwert-Tabelle denselben Raum einnehmen, wie ihre zeitgenössischen Wölfe und Hyänen. Und schon wird geschlussfolgert: Menschen waren Fleischfresser.

Warum aber sollten hier die Messwerte zuverlässig auf eine Fleisch-Ernährung hinweisen? Zumal Wölfe dieselben Werte wie Rentiere aufweisen? Und Mammute aufgrund ihrer Werte teilweise zu den reinen Fleischfressern zählen?

2. Mythos: In der Steinzeit gab es weder Getreide noch Hülsenfrüchte

Kommen wir zum zweiten Mythos, der besagt, dass die Menschen in der Steinzeit weder Vollkorngetreide noch Hülsenfrüchte zu sich genommen hätten.

Wir verfügen über Funde, genauer über Steinwerkzeuge, die mindestens 30.000 Jahre alt sind, und damit 20.000 Jahre älter sind, als es die Erfindung der Landwirtschaft ist.

Schon zu dieser Zeit setzten die Menschen Steinwerkzeuge ein, die wie heutige Mörser aussehen und mit denen Samen und Getreide gemahlen wurden.

Vor einiger Zeit haben wir Techniken entwickelt, mit deren Hilfe wir Zahnstein (versteinerte Plaque) analysieren können. Wir können menschlichen Schädelfunden diese Plaque entziehen und mittels unserer Technik darin Mikrofossilien bestimmen, sowohl pflanzlicher als auch anderer Herkunft. Wir sehen also am Zahnstein, von welchen Lebensmitteln sich der Zahnsteinbesitzer am liebsten ernährt hat.

Zwar steckt dieser Forschungszweig noch in den Kinderschuhen, aber selbst vor dem Hintergrund der begrenzten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die uns zur Verfügung stehen, können wir eindeutig sagen, dass wir im Zahnstein der Steinzeitmenschen ausreichend hohe Mengen an pflanzlichen Rückständen feststellen konnten, um erstens auszuschliessen, dass sie bevorzugt von Fleisch gelebt hatten und um zweitens zu bestätigen, dass sie nebst pflanzlichen Knollen längst auch Getreide (besonders Gerste) und Hülsenfrüchte assen.

3. Mythos: Paleo-Lebensmittel sind Lebensmittel, die auch schon der Steinzeitmensch ass

Dieser Mythos besagt, dass die Lebensmittel, die für die heutige Paleo-Ernährung empfohlen werden, genau jene Lebensmittel seien, von denen sich auch unsere altsteinzeitlichen Vorfahren ernährt hätten.

Natürlich ist auch das nicht wahr.

Bei jedem einzelnen heute verzehrten Lebensmittel handelt es sich um ein gezüchtetes, also domestiziertes landwirtschaftliches Produkt. Wildformen gibt es schon lange nicht mehr.

Beispiel Banane

Nehmen wir als Beispiel die Banane.

Bananen sind eigentlich das ultimative Agrar-Produkt. In der Wildnis auf sich alleine gestellt, können sich Bananen nicht reproduzieren, was daran liegt, dass wir ihnen die Fähigkeit weggezüchtet haben, Samen auszubilden.

Daher ist jede einzelne Banane, die Sie jemals gegessen haben, ein genetischer Klon einer jeden anderen Banane – aus Ablegern aufgezogen. Bananen sind also eindeutig ein Lebensmittel aus landwirtschaftlicher Produktion und nicht für eine authentische Paleo-Ernährung geeignet, obwohl sie in vielen Büchern als sehr gut dafür geeignet bezeichnet wird.

Würden Sie heute eine wilde, ursprüngliche Banane essen, dann enthielte diese so viele Samen und Kerne, dass ich ziemlich sicher davon ausgehe, die Mehrheit von Ihnen würde das Stück Obst nicht als "essbar" bezeichnen wollen.

Beispiel Salat

Ein anderes Beispiel ist Salat. Salat klingt nach einem wirklich guten Beispiel für Paleo-Essen. Es stimmt aber nicht. Salat ist alles mögliche, nur kein Paleo-Lebensmittel.

Wir haben die Inhaltsstoffe von Salat radikal unseren Bedürfnissen angepasst. Der Urahn des heutigen Salates ist der wilde Lattich. Schon einmal probiert?

Er schmeckt extrem bitter, seine Blätter sind sehr hart. Also haben wir ihn züchterisch verändert, so dass die Blätter weicher sind und grösser. Wir haben den magenreizenden Latexanteil herausgezüchtet und den bitteren Geschmack gleich dazu. Und dann haben wir auch noch dafür gesorgt, dass Stängel und Blattstämme verschwinden – so wurde dieser Salat für uns zarter und wohlschmeckender.

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Beispiel Olivenöl

Manchmal wird auch das Olivenöl als Lebensmittel genannt, das sich für die Paleo-Ernährung sehr gut eignen würde. Denn es ist ein Fruchtöl und kein Samenöl. Man gewinnt es aus dem Fruchtfleisch der Olive, also nicht aus einem Kern, so dass es, so glauben manche Paleo-Anhänger, sicher auch in der Steinzeit möglich gewesen sein müsste, aus der Olive Öl herzustellen.

Doch weiss man ziemlich sicher, dass der steinzeitliche Mensch unter keinen Umständen irgendwelche Vorrichtungen gebaut hat, mit denen sich das Öl aus der Olive hätte pressen lassen können.

Auch Olivenöl ist somit ein Lebensmittel, das seinen Ursprung in der bäuerlich organisierten Gesellschaft hat.

Beispiel Blaubeeren und Avocados

Ich habe im Internet auf einer der zahlreichen Webseiten zur Paleo-Ernährung den folgenden Vorschlag für ein Paleo-Frühstück gefunden: Blaubeeren, Avocados und Eier.

Höchstwahrscheinlich war es aber keinem Steinzeitmenschen möglich, an diese drei Lebensmittel gleichzeitig zu gelangen. Denn dort, wo Avocados wachsen, gibt es im Allgemeinen keine Blaubeeren und umgekehrt – von der Grösse der einzelnen Lebensmittel ganz zu schweigen.

Kultur-Blaubeeren zum Beispiel sind doppelt so gross wie wilde Blaubeeren. Und eine wilde Avocado hat vielleicht ein paar Millimeter Fruchtfleisch aufzubieten. Das Ei wiederum ist ein ganz eigenes Thema:

Beispiel Hühnerei

Hühner sind ziemlich produktive Eier-Produzenten. Sie legen fast jeden Tag ein Ei. Eier sind somit ein planbares Produkt, sie sind gross, und sie sind zahlreich vorhanden – zumindest im heutigen Supermarkt. In der Steinzeit aber war das etwas anders.

Sollten Sie Ihr nächstes Paleo-Frühstück mit Eiern zubereiten wollen, dann versuchen Sie einmal, draussen in der "Wildnis" Eier zu sammeln. Wenn Sie Pech haben, ist gerade Herbst, Winter oder heisser Sommer – und Sie finden kein einziges.

Denn Vögel brüten meist nur im Frühjahr – und legen zu diesem Zweck einige wenige Eier (3 – 10 je nach Vogelart) und keinesfalls jahrelang täglich eins oder gar zwei. So hielt es auch das Wildhuhn, bevor es in die Zuchtfänge des Menschen geriet.

Und selbst im Frühjahr dürfte es nicht einfach sein, Vogelnester aufzuspüren. Denn Vögel möchten nicht, dass jemand ihre Kinder isst und verstecken ihre Nester daher sehr gut. Falls Sie fündig werden, dann handelt es sich vermutlich um befruchtete Mini-Eier, die zudem bereits angebrütet sind – guten Appetit! (Anm. d. ZDG-Redaktion)

Beispiel Broccoli

So etwas wie Broccoli gab es in der Steinzeit nicht einmal ansatzweise. Natürlich auch keinen Blumenkohl, Rosenkohl, geschweige denn Kohlrabi. Es gab zwar wilden Kohl, doch wenn Sie "wilder Kohl" googeln und sich Bilder dazu betrachten, werden Sie feststellen, dass diese Pflanze mit unseren Gemüsekohlarten kaum Ähnlichkeit hat – und doch ist sie die Urform, aus der all unsere heutigen Kohlarten gezüchtet wurden.

Wilder Kohl schmeckt äusserst herb, und Sie müssten eine Menge davon sammeln, um 400 Gramm beisammen zu haben – so viel wie ein durchschnittlicher Broccolikopf im Supermarkt wiegt.

Beispiel Karotte

Ähnlich verhält es sich mit der wilden Möhre. Ihre Wurzel ist winzig und dünn. Auch sie schmeckt nicht annähernd so süss und mild wie unsere heutigen Kulturmöhren. Im Gegenteil: Sie schmeckt bitter und eigentlich gar nicht lecker.

Also haben wir auch hier die bitteren und herben Substanzen heraus gezüchtet. Und wir haben die Karotte grösser und zuckerreicher gemacht.

Wollen wir uns jetzt einmal die WIRKLICHE Steinzeiternährung ansehen.

Die wirkliche Steinzeiternährung

Zuerst sei darauf hingewiesen, und man kann es nicht oft genug wiederholen, dass es nicht DIE EINE Steinzeiternährung gibt, sondern viele verschiedene. Die Menschen haben das gegessen, was sie in der jeweiligen Region, die sie nach und nach besiedelt haben, auch tatsächlich vorgefunden haben. Lokaler Konsum ist aber bekanntlich sehr variabel.

Eine dieser vielen steinzeitlichen Ernährungsweisen schauen wir uns jetzt genauer an: Wir gehen 7000 Jahre zurück, an einen Ort namens Oaxaca im heutigen Mexiko. Das, was seinerzeit dort gegessen wurde, hat mit den Lebensmitteln, die heute als Paleo-Ernährung bezeichnet werden, nichts zu tun.

Man ass eine Menge lokal verfügbares Obst, viele Hülsenfrüchte, Agaven, verschiedene Nüsse und Bohnen, einige Sorten Kürbis und Wildkaninchen. Im Laufe des Jahres aber, so gegen April, gab es in dieser Gegend wenig Essbares vorzufinden. Deshalb zogen die Menschen in andere – fruchtbarere – Regionen weiter, wo es womöglich wieder ganz andere Lebensmittel gab.

Die Zusammensetzung der tatsächlichen Paleo-Ernährung hing also von der Region, der Klimazone und der Jahreszeit ab.

Menschen in arktischen Gebieten haben grundsätzlich andere Dinge konsumiert als Menschen in den Tropen. Menschen, die in Gegenden lebten, wo wenige Pflanzen wuchsen, neigten dazu, mehr Fleisch zu essen. Und Menschen in grüneren Landstrichen neigten dazu, sich eher vegetarisch zu ernähren.

Pflanzen wachsen zu unterschiedlichen Zeiten, Tierherden wandern von Punkt A nach Punkt B, und selbst Fische haben spezielle Zeiten, in denen man sie entweder im Fluss, dem See, oder im Meer antrifft oder eben nicht. Es gab also auch nie jedes Lebensmittel das ganze Jahr über, was heute jedoch gang und gäbe ist.

Dementsprechend hatte sich der steinzeitliche Verbraucher an das Angebot anzupassen oder eben selbst die Füsse in die Hand zu nehmen und sich neue Ressourcen zu erschliessen. Unsere Vorfahren haben somit oft sehr weite Strecken zurückgelegt. Gleichzeitig waren die Nahrungsrationen damals in der Regel sehr klein.

Die damalige pflanzliche Nahrung steckte voller sekundärer Pflanzenstoffe, die äusserst gesund sind und die heute dank züchterischer Massnahmen im Kulturgemüse leider viel seltener vorkommen. Die Pflanzenkost war zudem oft hart, holzig und faserig, also sehr ballaststoffreich – was wir heute so gar nicht mögen. Alles muss zart, schmelzend, faserfrei und vor allem schnell essbar sein.

Wurde Fleisch gegessen, dann nicht nur das Muskelfleisch, sondern auch die Innereien und das Knochenmark – Dinge, die man heute kaum noch isst. Es gab ausserdem ausschliesslich Wildfleisch, denn niemand sperrte Tiere ein und gab ihnen artfremdes Futter aus Gensoja.

Ist die Steinzeiternährung heute möglich?

Für uns heutzutage ist es nahezu unmöglich, sich derartig zu ernähren. Sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten können sich nicht ernähren wie Jäger und Sammler. Dafür sind wir einfach zu viele.

Können wir aus der tatsächlichen steinzeitlichen Ernährungsweise nun aber wenigstens Lehren ziehen, die für unser heutiges Leben nützlich sind? Die Antwort ist ganz klar: Ja, das können wird. Ich möchte mich auf drei wichtige Lektionen beschränken.

1. Es gibt nicht die EINE richtige Ernährungsweise

Erstens: Es gibt keine allgemeingültige richtige Ernährungsweise. Diversität ist der Schlüssel. Abhängig davon, wo Sie leben, können Sie die unterschiedlichsten Dinge essen. Wichtig ist jedoch, sich abwechslungsreich zu ernähren. Die Ernährung, die die westliche Gesellschaft heute für typisch hält, ist leider mehr als bloss ein Schritt geradewegs in die entgegengesetzte Richtung.

2. Wir sollten frisch, regional und saisonal essen

Zweitens: Wir haben uns evolutionär so entwickelt, frische Lebensmittel immer nur dann zu essen, wenn sie auch draussen in der Natur wachsen und reifen. Denn auch dann haben sie ihren höchsten nährstofflichen Wert, den sie erreichen können.

Heute gibt es alles jederzeit. Und wenn nicht, so essen wir Gelagertes und künstlich Konserviertes. Das ist natürlich auch wichtig, um bei hohen landwirtschaftlichen Erträgen die Ernte nicht verderben zu lassen und alle Menschen satt zu kriegen.

Konservierungsstoffe aber funktionieren nur, weil sie das bakterielle Wachstum in den Lebensmitteln verhindern. Nur vergessen wir dabei, dass auch unser Magen-Darm-Trakt voller Bakterien steckt.

Hierbei handelt es sich um unsere Darmflora, also zumeist um gute Bakterien, die viele nützliche Dinge erledigen. Sie helfen bei der Verdauung, sie steuern das Immunsystem, sie dienen der Funktion unserer Schleimhäute etc.

Wenn wir nun aber regelmässig Lebensmittel essen, die voller Konservierungsmittel stecken, dann trägt das natürlich auch zur Schädigung unserer Darmflora und somit unserer Gesundheit bei.

3. Wir sollten vollwertig essen

Und drittens: Die Evolution sorgte dafür, dass wir Lebensmittel stets in ihrer vollwertigen Form assen – bis wir damit begannen, Bitterstoffe aus Salaten wegzuzüchten, Getreide von seinen Randschichten zu befreien, Zucker aus Rüben und Zuckerrohr zu isolieren, Saft ohne Fruchtfleisch zu trinken sowie Obst und Gemüse zu schälen.

Also leiden wir heute unter ganz verschiedenen Mängeln: Ballaststoffmangel, Mineralstoffmangel, Vitaminmangel, Antioxidantienmangel, Bitterstoffmangel und gleichzeitig infolge des hohen Zuckerkonsums an einem Zuckerüberschuss.

Allein der Ballaststoffmangel hat schwerwiegende Folgen: Obwohl Ballaststoffe unverdaulich sind, können wir nicht auf sie verzichten:

Sie regulieren die Geschwindigkeit der Lebensmittel auf ihrem Weg durch den Verdauungstrakt. Sie verändern den Stoffwechsel, verlangsamen die Zuckerresorption, passen den Blutzuckerspiegel an, stellen Nahrung für die nützlichen Bakterien der Darmflora dar und verhindern auf diese Weise viele der heutigen üblichen Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Adipositas.

Während nun aber in der Steinzeit der einzelne seine Ernährung selbst organisierte, übernimmt dies heute die Lebensmittelindustrie – leider zu unserem gesundheitlichen Nachteil, nicht immer, aber oft. Wir selbst haben – je nachdem, wo wir einkaufen – den Einfluss und die Kontrolle über unser Essen verloren. Wir essen das, was es eben zu kaufen gibt.

Wie sehr alles aus dem Gleichgewicht geraten ist, kann man wunderbar daran erkennen, wie viel mehr Kalorien wir uns mit immer geringeren Lebensmittelrationen einverleiben können. Diese Tatsache aber bringt unsere Fähigkeit, erkennen zu können, wann wir satt sind, zum Erliegen.

Wie viel Zuckerrohr müssten Sie in der Steinzeit essen?

Zum Abschluss habe ich eine Frage an Sie. Sie lautet:

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine handelsübliche Flasche Limonade von 1 Liter. Nun stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie wären ein Steinzeitmensch und würden dieselbe Menge an Zucker zu sich nehmen wollen, wie jene, die sich in der Limo befindet. Wie viel Zuckerrohr müssten Sie wohl suchen, ernten und essen – gerne in Metern geschätzt – um auf die Zuckermenge in Ihrer Limonadenflasche zu gelangen?

(Ob Sie in der Steinzeit überhaupt an Zuckerrohr gelangt wären und ob das damalige Zuckerrohr bereits so dick und zuckerreich gewesen wäre wie das heutige, ist natürlich eine andere Geschichte…).

Sie müssten über drei Meter Zuckerrohr verspeisen. Das ist ziemlich viel Zuckerrohr, meine Damen und Herren.

Rein physisch besteht keinerlei Chance, dass ein Mensch in der Steinzeit in wenigen Minuten auch nur annähernd so viel Zuckerrohr hätte zu sich nehmen können, selbst wenn er es gewollt hätte. Heute können Sie drei Meter Zuckerrohr in 20 Minuten in sich hineinschütten.

Die Anthropologie und die Evolutionsmedizin können uns also eine Menge über uns selbst beibringen. Mittels neuster Techniken können wir uns neue Perspektiven auf die Vergangenheit erschliessen. Und wir können auf diese Weise von unseren Vorfahren lernen, welche Lebensmittel für uns gut sind und wie wir sie essen müssen, um gesund zu bleiben.

Allerdings müssen wir davon Abschied nehmen, uns genauso ernähren zu können, wie dies in der Steinzeit der Fall war, da es die entsprechenden Lebensmittel heute nicht mehr gibt. Eine Paleo-Ernährung gibt es also nicht.

Die tatsächliche Steinzeiternährung bestand in den allermeisten Regionen der Erde ausserdem nicht – wie heute oft behauptet wird – aus Unmengen Fleisch. Die tatsächliche Steinzeiternährung umfasste überdies – was heute gemeinhin bestritten wird – auch Getreide und Hülsenfrüchte.

Ich danke Ihnen.

Anm. d. ZDG-Redaktion: Falls Sie mit Aussagen aus Dr. Warinners Vortrag nicht übereinstimmen, Fragen dazu haben oder darüber diskutieren möchten, wenden Sie sich am besten direkt an Dr. Christina Warinner.

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Quellen:



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