Zentrum der Gesundheit
  • Bittere Aprikosenkernen in einer weissen Schale serviert
5 min

Bittere Aprikosenkerne: Vitamin B 17

Bittere Aprikosenkerne enthalten eine Blausäurevorstufe: Amygdalin. Bei der Verstoffwechslung wird aus Amygdalin Blausäure. Diese soll Krebszellen vernichten, gesunde Zellen aber nicht antasten. Daher kursieren immer wieder Berichte von Menschen, die sich mit bitteren Aprikosenkernen von Krebs geheilt haben sollen. Gleichzeitig wird vor einer Selbsttherapie mit amygdalinhaltigen Aprikosenkernen gewarnt, da es zu akuten oder auch schleichenden Blausäurevergiftungen kommen könnte.

Fachärztliche Prüfung: Gert Dorschner
Aktualisiert: 06 Oktober 2022

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Heilt Amygdalin aus Aprikosenkernen Krebs?

Paul Reid bekam die Nachricht, er habe einen unheilbaren Lymphdrüsenkrebs und noch etwa fünf Jahre zu leben. Paul Reid war bereit zu kämpfen. Die Waffen seiner Wahl: Bittere Aprikosenkerne. Er lehnte eine Chemotherapie ab, ass dreissig Aprikosenkerne (das Innere des Kerns) pro Tag und lebt heute – dreizehn Jahre nach seiner Diagnose – immer noch, und zwar gesund und munter. So oder ähnlich lauten die ungewöhnlichen Erfolgsberichte mit Amygdalin bzw. bitteren Aprikosenkernen.

Bittere Aprikosenkerne enthalten Blausäure-Vorstufen

Bittermandeln, Apfelkerne oder auch bittere Aprikosenkerne enthalten Amygdalin. Dabei handelt es sich um ein cyanogenes Glycosid und damit um eine Vorstufe der Blausäure. Werden Lebensmittel mit cyanogenen Glycosiden gegessen, bilden sich daraus im Körper Blausäure bzw. Blausäureverbindungen (Cyanide).

Manche Menschen essen nun gezielt und regelmässig bittere Aprikosenkerne in grösseren Mengen, um sich von Krebs zu heilen oder diesem vorzubeugen – und das obwohl vor dem Verzehr dieser Kerne gewarnt wird. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung soll man nicht mehr als 2 bittere Aprikosenkerne pro Tag essen, Kindern dürfen gar keine Kerne essen.

Wie also kamen manche Menschen dann auf die Idee, Kerne zu essen (die als giftig gelten) und dabei zu hoffen, sich von schwersten Krankheiten zu heilen?

Aprikosenkern Amygdalin – Vitamin B17 – Laetril

Amygdalin wird oft auch Laetril oder Vitamin B 17 genannt und ist selbst nicht giftig. Giftig sind zwei seiner Abbauprodukte: Cyanid und Benzaldehyd. Während Benzaldehyd auch im Weisswein enthalten ist, dort massgeblich für dessen Aroma zuständig ist und erst in höheren Dosen gesundheitsschädlich wirken soll, gilt Cyanid bereits in kleinsten Dosen als hochgiftig. Doch heisst es, dass Cyanid nur für Krebszellen giftig sei. Woher weiss das Amygdalin, dass es nur Krebszellen vergiften darf?

Tötet Amygdalin aus Aprikosenkernen nur Krebszellen?

Das Amygdalin weiss gar nichts. Die Krebszellen sind an ihrem Untergang offenbar selbst Schuld. Krebszellen lieben Zucker. Neben Cyanid und Benzaldehyd stecken im Amygdalin auch zwei Zucker-Moleküle (Glucose). Kaum erscheint das Amygdalin im Körper, erkennen die Krebszellen den Zucker darin und wollen ihn haben. Also bauen sie das Amygdalin auseinander, um an die beiden Zucker-Moleküle zu gelangen. Dabei werden jedoch auch das Cyanid und das Benzaldehyd frei, die jetzt zum Ersticken der Krebszelle führen.

Gesunde Zellen durch Amygdalin nicht gefährdet?

Gesunde Körperzellen jedoch – so wird behauptet – nähmen kein Amygdalin auf, da nur Krebszellen das dazu benötigte Enzym Beta-Glucosidase enthalten würden. Dieses Enzym schliesst die Amygdalin-Verbindung auf und setzt so die tödlichen Gifte in der Krebszelle frei. Allerdings soll sich das Enzym auch in den Aprikosenkernen selbst sowie im Darm des Menschen befinden, so dass gewisse Mengen an Amygdalin dennoch auch in gesunde Zellen gelangen könnten.

Viele Körperzellen enthalten jedoch auch ein anderes Enzym. Es heisst Rhodanase und kann Blausäure entgiften. Krebszellen würden keine Rhodanase enthalten, weshalb die Blausäure den Krebszellen schade, den gesunden Körperzellen aber nicht. Dies gilt aber inzwischen als widerlegt. Es sei hingegen so, dass der regelmässige Verzehr von Amygdalin bzw. amygdalinhaltigen Kernen wenn nicht zu einer akuten, so doch zu einer schleichenden Cyanid-, also Blausäurevergiftung führen könne ( 1 ).

Die Geschichte des Amygdalins aus Aprikosenkernen

Amygdalin gewann bereits im Jahr 1952 einen gewissen Bekanntheitsgrad. Damals forschten Dr. Ernest Krebb und Dr. John Richardson intensiv mit Amygdalin in der Krebstherapie. Dr. Krebb extrahierte das Amygdalin aus bitteren Aprikosenkernen und bereitete es so auf, dass es Krebspatienten injiziert werden konnte. Ja, er soll es sich sogar selbst injiziert haben, um die Sicherheit von Amygdalin zu demonstrieren. Dr. John Richardson indessen soll mehrere Krebspatienten in San Francisco mit Amygdalin geheilt haben.

Studien mit Amygdalin

Später in den 1970er Jahren wurden am New Yorker Memorial Sloan-Kettering Cancer Center (MSKCC), dem grössten privaten Krebs-Zentrum verschiedene Studien mit Amygdalin durchgeführt. Dabei stellte der Wissenschaftler Kanematsu Sugiura fest, dass Amygdalin zwar nicht den Ersttumor, aber offenbar die Metastasen zerstören könne – zumindest bei Mäusen. Obwohl der Erfolg dieser Experimente – nach offizieller Aussage – von anderen Forschern nie wiederholt werden konnte und daher die Ergebnisse von Sugiuras Versuchen auch nicht publiziert werden sollten, drang die Botschaft vom "krebsheilenden" Amygdalin dennoch an die Öffentlichkeit und erregte grosses Aufsehen.

Amygdalin-Studien an der Mayo Klinik

Gleichzeitig führte die Mayo Klinik in Rochester/Minnesota klinische Studien mit Amygdalin durch. Die meisten der teilnehmenden Patienten litten an fortgeschrittenem Krebs. Sie hatten grösstenteils bereits eine Chemotherapie und Bestrahlungen hinter sich, die keine Erfolge gebracht hatten. Nach der Verabreichung von Amygdalin soll sich innerhalb von drei Wochen bei 70 Prozent der Patienten eine Stabilisierung des Krebsgeschehens eingestellt haben. Dann jedoch konnte keine Wirkung des Amygdalins mehr nachgewiesen werden und der Krebs machte weiter.

Amygdalin wird verboten

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass bei dieser Studie einerseits das fast inaktive Isoamygdalin verwendet wurde und darüber hinaus nach den ersten drei erfolgsversprechenden Wochen die Therapie von intravenösem Amygdalin plötzlich auf orales Amygdalin umgestellt wurde, anstatt weiterhin bei der intravenösen Verabreichung zu bleiben. Daraufhin wurde das Amygdalin von der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA verboten.

Amygdalin heute

Heute wird Amygdalin nur noch von sehr wenigen Ärzten eingesetzt, z. B. in der Contreras-Klinik in Tijuana/Mexico, wo Amygdalin seit 25 Jahren wichtiger Teil der Krebstherapie ist. Lothar Hirneise schreibt in seinem Buch "Chemotherapie heilt Krebs und die Erde ist eine Scheibe", er habe in der Contreras-Klinik persönlich Ärzte und Patienten befragt und von guten Erfahrungen gehört. Allerdings weist Hirneise ausserdem daraufhin, dass Amygdalin intravenös verabreicht werden müsse, da es sehr unsicher sei, ob Amygdalin wirke, wenn es oral eingenommen werde. Um die nötige Dosierung auf oralem Wege zu erreichen, müsse man grosse Mengen einnehmen. Diese aber könnten wiederum den Magen-Darmtrakt rasch überfordern.

Nicht nur Amygdalin

Das Fazit lautet also, dass Amygdalin aus bitteren Aprikosenkernen sicher keine Wunder vollbringen kann und die Kerne je nach Amygdalinkonzentration - die (wie bei Naturprodukten üblich) schwanken kann - auch schädlich sein können. Möglicherweise liegt das Geheimnis im Falle von Reid in der richtigen Kombination verschiedener Massnahmen. Denn Paul Reid hat nicht nur einfach 30 bittere Aprikosenkerne täglich gegessen. Er tat noch viel mehr! So stellte er seine Ernährung vollständig um und ernährt sich seit seiner Diagnose vegan und zu 75 Prozent von Rohkost. Darüber hinaus führte er ein umfassendes Darmsanierungsprogramm durch und widmete sich dem Gebet. Paul Reid ist der Meinung, dass ihn diese Kombination aus Darmsanierung, vitalstoffreicher Ernährung, amygdalinhaltiger Aprikosenkerne und seinem unerschütterlichen Glauben gerettet hat.

Hinweis: Natürlich dürfen Sie es Paul Reid nicht nachmachen, weil Aprikosenkerne - wie im Text erklärt - als giftig gelten und offenbar schon mehrere Menschen Vergiftungen erlitten haben. Wenn Sie dennoch bittere Aprikosenkerne essen möchten, besprechen Sie dies mit Ihrem Arzt oder Heilpraktiker.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel wurde auf Grundlage (zur Zeit der Veröffentlichung) aktueller Studien verfasst und von MedizinerInnen geprüft, darf aber nicht zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung genutzt werden, ersetzt also nicht den Besuch bei Ihrem Arzt. Besprechen Sie daher jede Massnahme (ob aus diesem oder einem anderen unserer Artikel) immer zuerst mit Ihrem Arzt.

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Quellen
  1. G. Edward Griffin, A World WithoutCancer (deutscher Titel: Eine Welt ohne Krebs. Die Geschichte des Vitamin B17 und seiner Unterdrückung).
  2. Philip Day, Krebs Stahl, Strahl, Chemo & Co.
  3. Jill Stark "Can apricot kernels keep cancer at bay?" The Sydney Morning Herald, March 7, 2010 (Können Aprikosenkerne Krebs in Schach halten?)
  4. anticancerinfo.com "Why eat apricot kernels?" (Warum sollte man Aprikosenkerne essen?)
  5. Chang HK et al., "Amygdalin induces apoptosis through regulation of Bax and Bcl-2 expressions in human DU145 and LNCaP prostate cancer cells." Biol Pharm Bull. 2006 Aug;29(8):1597-602. (Amygdalin induziert Apoptose durch die Regulierung von Bax und Bcl-2-Expression in menschlichen DU145 und LNCaP-Prostatakrebszellen.)
  6. Dorr RT, Paxinos J. "The current status of laetrile." Ann Intern Med. 1978 Sep;89(3):389-97. (Der aktuelle Status von Laetril.)
  7. Milazzo S "Laetrile treatment for cancer." Cochrane Database Syst Rev. 2011 Nov 9;(11):CD005476. (Laetril Behandlung von Krebs.)
  8. (1) Amygdalin - Wirkung nicht belegt, PZ, 8.10.2014