Ändern Sie Ihr Verhalten - und die Trennungsangst Ihres Hundes verschwindet
Sie haben einen Hund mit Trennungsangst? Ein Hund, der einfach nicht alleine bleiben will?
In vielen Fällen ist der Grund für seine Trennungsangst im Verhalten des Hundebesitzers zu suchen. Ändert dieser sein Verhalten, dann ändert sich oft auch das Verhalten des Hundes und die Trennungsangst bessert sich kontinuierlich.
Kaum verlässt man das Haus, legt der Hund los
Hunde mit Trennungsangst begleiten ihren Menschen oft auf Schritt und Tritt - natürlich auch zur Tür, wenn es sich abzeichnet, dass der Mensch das Haus verlassen will, der Hund aber nicht mit kann.
Sobald die Tür ins Schloss fällt, geht es los: Der Hund bellt, jault, winselt, kratzt an der Tür, versucht auf die Türklinke zu springen - und Sie wissen schon jetzt, dass er bis zu Ihrer Rückkehr wieder irgendetwas in Einzelteile zerlegt haben wird.
Gründe für Trennungsangst
Nicht immer hat der Hund grundsätzlich Trennungsangst. Zuvor konnte er vielleicht sehr gut allein sein, dann beim neuen Besitzer plötzlich nicht mehr.
Natürlich kann es auch sein, dass der Hund bisher noch nie alleine war, es also einfach nicht gewöhnt ist und deshalb Trennungsangst hat. Meist kann man dass Alleinsein - max. 4 Stunden pro Tag - dann aber üben.
In anderen Fällen liegt es daran, dass der Hund an Bewegungsmangel leidet, nicht ausgelastet ist, ihm einfach langweilig ist und er daher - wenn er allein bleiben muss - keine Lust hat zu schlafen. Er beschäftigt sich dann anderweitig, z. B. mit den Einrichtungsgegenständen.
Ist letzteres der Fall, dann sollte der jeweilige Halter besser keinen Hund haben, da er offenbar gar nicht die Zeit dafür hat. Eine Alternative wäre, für den Hund eine Tagespflege z. B. eine Hundetagesstätte zu suchen.
Trennungsangst, weil der Hund glaubt, Rudelführer zu sein
Angenommen der Hund ist gut versorgt, hatte viel Auslauf, dann gut gegessen und sollte eigentlich müde sein. Wenn er aber jetzt dennoch Panik bekommt, sobald er allein bleiben muss, könnte es sein, er hat nicht direkt Trennungsangst, also keine Angst vor dem Alleinsein. Stattdessen könnte es sein, dass er sich um Sie Sorgen macht, also Angst hat, Ihnen könnte ohne ihn etwas zustoßen.
Manche Experten erklären dies so: Ein Hund geht davon aus, dass in einer Menschenfamilie (auch wenn diese nur aus einem einzigen Menschen und ihm selbst besteht) dieselben Regeln und Prinzipien gelten wie in einem Hunderudel.
Das Überleben eines Hunde- bzw. Wolfsrudels in der Wildnis hängt davon ab, dass alle Rudelmitglieder diese Regeln beherrschen und nach ihnen leben.
Viele Menschen kennen diese Regeln nicht. Die Folge ist: Aus Sicht des Hundes verhält sich der Mensch auf eine Weise, die dem Hund signalisieren, dass nicht der Mensch, sondern offenbar er, der Hund, der Rudelführer zu sein scheint.
Trennungsangst ist ein Missverständnis
Was aber hat das mit Trennungsangst zu tun? In einem Hunde- bzw. Wolfsrudel entscheidet der Rudelführer oder die Rudelführer, wer zur Jagd mit darf und wer zu Hause bleiben muss (um beispielsweise auf den Nachwuchs aufzupassen).
Es würde also in einem Hunderudel nicht vorkommen, dass der Chef zu Hause bleibt, während der Rest vom Rudel sich auf der Jagd vergnügt. Der Rest vom Rudel ist dazu gar nicht in der Lage. Denn man braucht und wünscht sich ja die Leitung des Rudelführers.
Wenn Ihr Hund aber der Meinung ist, ER sei der Rudelführer, dann passt Ihr Verlassen des Hauses nicht in sein Weltbild. In seinen Augen wandeln Sie nun ohne jede Aufsicht und Leitung da draußen umher und begeben sich womöglich in Gefahr, während er, der Boss, zu Hause eingesperrt ist und nicht auf Sie aufpassen kann.
Hunde mit Trennungsangst sind pflichtbewusst
Wenn Menschen die Trennungsangst ihres Hundes also mit den Ängsten eines allein gelassenen Kindes vergleichen, dann sind sie auf dem Holzweg. Es ist gerade andersherum. Hunde mit Trennungsangst-Symptomen toben und kläffen oft nicht deshalb, weil sie sich einsam und hilflos fühlen.
Im Gegenteil: Sie toben und kläffen, weil sie die Pflicht eines Chefs (das Rudel zu leiten) nicht ordnungsgemäß erfüllen können. Ein Trennungsangst-Hund ist also ein höchst pflichtbewusster (und daher auch ein sehr gestresster) Hund.
Trennungsangst - Die häufigsten Fehler
Welches menschliche Verhalten kann dazu führen dass der Hund sich als Chef fühlt und infolgedessen Trennungsangst entwickelt? Es gibt fünf Kardinalfehler im Verhalten vieler Hundehalter, die beim Hund zur unerwünschten Schlussfolgerung führen, er sei der Rudelführer:
Abschied und Rückkehr
Der Hund wird oft überschwänglich verabschiedet, womöglich noch mit Futter oder Leckerli getröstet und bei der Rückkehr vom Menschen genauso überschwänglich begrüßt.
Besucher
Der Hund darf Besucher meistens als erster begrüßen und steht bei diesen in den meisten Fällen im Mittelpunkt.
Drängler
Der Hund drängelt sich so gut wie immer als erster durch die Tür oder geht auf schmalen Pfaden voraus.
Der beste Platz
Der Mensch ist meist entzückt, wenn sich der kleine Racker zu ihm aufs Sofa (oder womöglich ins Bett) kuschelt und sich dort den schönsten Platz aussucht.
Verhalten eines Rudelführers
Der Rudelführer oder die Rudelführer (meist ein Paar) eines Hunde- oder Wolfsrudels sind lebenserfahren, stark und klug. Sie sind die besten Jagdstrategen, können am besten Gefahren einschätzen und sie wissen, wie man mit diesen Gefahren umgeht.
Alle anderen Rudelmitglieder respektieren ihre Rudelführer und bringen ihnen den erforderlichen Respekt entgegen. Die vier oben genannten Situationen sehen in einem Hunderudel so aus:
Abschied und Rückkehr
Ein Hund erwartet nicht – auch wenn er ein Rudeltier ist – überall hin mitgenommen zu werden. Für ihn ist es ganz normal, dass er auch einmal zu Hause bleibt, wenn es "von oben" so angeordnet wurde.
Nur ist es im Rudel oft so, dass nicht einer allein zu Hause bleibt, sondern mehrere - und wenn es nur die Welpen sind, auf die man als Daheimgebliebener aufpasst.
Daher kann es für Einzelhunde schwer sein, zu Hause zu bleiben, auch wenn sie keine Rudelführerallüren haben. Sie sind dann einfach einsam
Wenn nun im Rudel der Jagdtrupp aufbricht, werden die Zurückbleibenden weder verabschiedet noch getröstet. Kehren die Jäger heim, werden sie zwar überschwänglich von den Daheimgebliebenen begrüßt, diese jedoch werden von den Jägern entweder ignoriert oder weggeknurrt.
War die Jagd erfolgreich, dann fressen die Rudelführer meist als erste und zwar die besten Stücke. Das, was sie übrig lassen, darf sich der Rest des Rudels teilen.
Besucher
Erscheint ein Eindringling im Revier, dann nimmt ihn der Rudelführer als erster unter die Lupe. Er entscheidet, ob der Besucher willkommen ist, ob er attackiert und in die Flucht geschlagen werden muss oder ob man ihn ignorieren kann. Das Rudel bleibt so lange im Hintergrund, bis der Chef durch sein Verhalten Verstärkung anfordert.
Drängler
Zwar nicht immer, aber oft geht der Rudelführer eines Rudels voraus und gibt Richtung und Geschwindigkeit an.
Der beste Platz
Im Lager hat der/haben die Rudelführer den besten Platz. Rudelmitglieder halten Abstand.
Fünf Praxis-Tipps bei Trennungsangst beim Hund
Der Hauptgrund für die Trennungsangst beim Hund kann also am Besitzer und seinem Verhalten liegen. Wenn man die obigen Rudelregeln in den Alltag mit seinem Hund umsetzt, dann sieht das so aus:
Abschied und Rückkehr
Statt einem Abschiedsritual, bei dem Sie Bedauern signalisieren, dass Ihr Hund alleine bleiben muss. Sagen Sie einfach freundlich „Du bleibst da, bin gleich wieder da“ und verlassen das Haus.
Wenn Sie nach Hause kommen, tun Sie so, als sei dies nichts Besonderes. Anfangs können Sie Ihren Hund auch ignorieren (also auch keine Befehle o. ä. geben, wenn er wild umherrennt), erst Ihre Einkäufe ins Haus tragen und erst dann gemeinsam mit ihm in den Garten gehen, sich zu ihm hinsetzen oder was auch immer - am besten erst, wenn er sich beruhigt hat.
Auch Ihre Kinder sollten sich natürlich daran halten.
Besucher
Wenn Besucher kommen, dann begrüßen SIE diese zuerst, dann darf der Hund schnuppern. Hundebegeisterte Besucher müssen entsprechend instruiert werden, damit sie den Hund nicht wie einen König begrüßen oder ihm womöglich noch Futter mitbringen.
Wird der Hund vor Eintreffen der Besucher in einen anderen Raum gebracht und dann – wenn die Gäste es sich gemütlich gemacht haben – herein gelassen, wird er nicht beachtet oder zumindest nicht überschwänglich begrüßt.
Drängler
Die leichteste Übung ist die, dass der Hund immer HINTER Ihnen durch Türen geht. Auf schmalen Pfaden geht er ebenfalls hinter Ihnen, es sei denn, Sie schicken ihn ausdrücklich voraus. Trotzdem sollte er gewisse Wegabschnitte hinter Ihnen gehen.
Der beste Platz
Natürlich darf Ihr Hund nach wie vor zu Ihnen aufs Sofa kuscheln, ABER erst, wenn Sie ihn dazu eingeladen haben. Er wartet vor dem Sofa, bis Sie ihn zu sich rufen.
Wie ein echter Rudelführer sich verhält
Während Sie die neuen Verhaltensregeln üben (Sie werden sehen, wie schwierig es ist, sich selbst in dieser Hinsicht zu ändern), können Sie Ihrem Hund unterstützend – wenn Sie das Haus verlassen – das Radio anlassen (falls er das in Ihrer Anwesenheit so gewöhnt ist).
Neigt er während seines Alleinseins dazu, Ihnen liebgewordene Dinge zu zerlegen, dann versuchen Sie, ihm eine reiche Auswahl Spielsachen da zu lassen, die er auch kaputt machen kann.
Falls er doch etwas zerlegt haben sollte, woran Ihr Herz hing, dann bestrafen Sie ihn nicht.
Ein echter Rudelführer bestraft den Täter nur, wenn er ihn in flagranti erwischt. Bestrafen Sie Ihren Hund jedoch im Nachhinein, dann wird er nicht unbedingt wissen, warum er bestraft wird. Sie wirken in seinen Augen unter Umständen unberechenbar, hysterisch und launisch.
Ein echter Rudelführer ist jedoch weder das eine noch das andere. Ein echter Anführer ist souverän und hat Gefühlsausbrüche nicht nötig.
Keine Trennungsangst mehr: Endlich ein ausgeglichener Hund
Obwohl die neuen Verhaltensregeln nicht konkret die Trennungsangst beim Hund behandeln (sondern oft viele andere Probleme zusätzlich lösen), schaffen sie – konsequent durchgeführt – die Voraussetzung dafür, dass Ihr Hund entspannter wird, weil er nicht mehr glaubt, das Rudel anleiten zu müssen.
Sie nehmen Ihrem Hund auf diese Weise einen enormen Druck von den Schultern und er kann besser allein bleiben.