Was ist Fisetin?
Fisetin ist ein Pflanzenstoff aus der Gruppe der Flavonoide, genauer gesagt ein Flavonol. Es kommt in verschiedenen Obst- und Gemüsesorten vor – zum Beispiel in Erdbeeren.
Bekannt war der Stoff lange vor allem wegen seiner antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften. Den aktuellen Hype verdankt er jedoch einem anderen Forschungsgebiet: der Longevity- und Anti-Aging-Forschung.
Dort geht es darum, Alterungsprozesse besser zu verstehen und möglichst lange gesund und vital zu bleiben. Dazu passt Fisetin sehr gut. Denn dem Stoff wird eine senolytische Wirkung zugeschrieben, was bedeutet: Er hilft dabei, seneszente, also gealterte Zellen gezielt abzubauen.
Was sind seneszente Zellen?
Seneszente Zellen sind Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht tot sind. Sie bleiben im Gewebe aktiv und können dort weiterhin Botenstoffe ausschütten.
Diese Zellen können den Körper vor Krebs schützen – sie stoppen beschädigte Zellen, damit diese sich nicht unkontrolliert weiter teilen. Auch bei der Wundheilung und bei bestimmten Abwehrreaktionen können sie nützlich sein (1). Irgendwann werden sie abgebaut und von nachrückenden Zellen ersetzt.
Problematisch wird es jedoch, wenn sich seneszente Zellen mit dem Alter ansammeln und vom Körper nicht mehr ausreichend beseitigt werden. Dann können die inzwischen überalterten Zellen Entzündungsstoffe und andere Signale ausschütten, die das umliegende Gewebe belasten.
Dieser Vorgang wird mit chronischen Entzündungen, Gewebeschäden und altersbedingten Erkrankungen in Verbindung gebracht (1, 2). Senolytika setzen genau dort an – sie sollen seneszente Zellen gezielt beseitigen.
Warum gilt Fisetin als mögliches Senolytikum?
In einer viel beachteten Studie von 2018 testeten Forscher zunächst mehrere Pflanzenstoffe (u. a. Resveratrol, Curcumin und Quercetin) an Mäusezellen und menschlichen Bindegewebszellen. Fisetin zeigte dabei von den getesteten Stoffen die stärkste senolytische Wirkung (3).
Bei alten Mäusen und in einem Modell für beschleunigtes Altern fanden die Forscher zudem nach der Fisetin-Gabe weniger Anzeichen für gealterte Zellen in verschiedenen Geweben. Außerdem lebten die alten Mäuse länger.
Die Wirkung des Stoffes als Senolytikum ist damit wissenschaftlich plausibel. Nur wurde sie in Humanstudien bisher nicht bestätigt.
Wie viel davon steckt in Lebensmitteln?
Der Pflanzenstoff kommt in kleinen Mengen in Lebensmitteln vor. Als besonders gute Quelle gelten Erdbeeren. Sie enthalten etwa 16 mg pro 100 g. Deutlich weniger liefern Äpfel mit rund 2,7 mg und Kakis mit 1 mg pro 100 g. Noch geringer sind die Mengen in Zwiebeln, Trauben, Kiwis, Gurken und Tomaten (4, 5).
Wenn Sie den Stoff über Lebensmittel aufnehmen möchten, sind Erdbeeren also die beste bekannte Quelle. Die durchschnittliche Aufnahme über die normale Ernährung wird aber auf insgesamt lediglich 0,4 mg pro Tag geschätzt (5).
Wie wird der Stoff eingenommen?
Deutlich mehr kann über Nahrungsergänzungen eingenommen werden, falls erwünscht. Diese werden nicht aus Erdbeeren gewonnen, wie man denken könnte, sondern aus anderen Pflanzen, etwa dem Japanischen Wachsbaum (Rhus succedaneum) oder dem Perückenstrauch (Cotinus coggygria).
Das Holz der Bäume enthält offenbar ein Vielfaches an Fisetin. Daraus lässt sich dann ein standardisierter Extrakt gewinnen.
Die richtige Dosierung
Nahrungsergänzungen enthalten häufig 100 bis 200 mg Fisetin pro Tag in Kapselform – manche sogar 500 mg. 200 mg entsprächen etwa 1,25 kg Erdbeeren täglich.
In Studienprotokollen kommen jedoch deutlich höhere Dosen zum Einsatz – zum Beispiel 20 mg pro kg Körpergewicht für zwei aufeinanderfolgende Tage (6, 7). Bei 70 kg entspräche das 1.400 mg pro Tag oder 2.800 mg für zwei Tage.
* Hier erhalten Sie Fisetin mit 500 mg pro Kapsel. Das Produkt enthält sonst keinerlei Zusätze (im Gegensatz zu vielen anderen Fisetin-Präparaten).
An solchen Studienprotokollen lehnt sich auch die Empfehlung an, den Stoff nicht täglich, sondern nur an wenigen Tagen – zum Beispiel eben an zwei aufeinanderfolgenden Tagen – pro Monat einzunehmen. Danach folgt eine Pause von mehreren Wochen.
Die Idee dahinter ist, dass man dem Körper durch die hohe Dosis einen Impuls gibt, um die seneszenten Zellen zu entfernen. Eine dauerhafte Einnahme wäre nach dieser Überlegung gar nicht nötig und vermutlich auch nicht sinnvoll, da diese Zellen ja auch wichtige Aufgaben im Körper erfüllen. Dieses Prinzip wird auch bei anderen Senolytika diskutiert. Man WILL also gar nicht alle Zell-Senioren eliminieren.
Ob 100 bis 200 mg aus Nahrungsergänzungen ausreichen, um seneszente Zellen zu entfernen, oder ob dafür eher die genannten hohen Kurzzeitdosen nötig sind, weiß man noch nicht.
Kombination mit Quercetin
Kombinationspräparate enthalten häufig zusätzlich Quercetin, weil auch dieser Pflanzenstoff als Senolytikum erforscht wird. In Studien kamen meist 1.000 bis 1.250 mg Quercetin pro Tag zum Einsatz – ebenfalls nur kurzzeitig, wie bei den oben genannten Studienprotokollen.
Derzeit wird noch erforscht, ob die Kombination mit Quercetin besser ist als der Stoff allein.
Wie gut nimmt der Körper den Stoff auf?
Ein weiteres Problem ist die Bioverfügbarkeit von Fisetin. Damit ist gemeint, wie viel davon nach der Einnahme tatsächlich im Körper ankommt. Er löst sich nur schlecht in Wasser und ist nach der Einnahme nur begrenzt im Blut nachweisbar (8).
Deshalb werden Produkte mit liposomalen, mizellaren oder anderen speziellen Formulierungen erforscht. Dabei sollen Trägerstoffe oder Verkapselungen dafür sorgen, dass mehr davon in den Körper gelangt.
In einer kleinen Humanstudie von 2022 wurde z. B. eine spezielle Hydrogel-Formulierung getestet (FF-20 genannt) (9). Dabei wurde Fisetin in ein Hydrogel aus Bockshornklee-Galactomannanen eingebettet. Galactomannane sind lösliche Ballaststoffe. Sie sollen das schlecht wasserlösliche Fisetin einhüllen, damit es besser aufgenommen wird.
Manche Fisetin-Präparate enthalten deshalb ebenfalls Bockshornklee. Einfach etwas Bockshornklee in eine Kapsel zu geben ist jedoch nicht dasselbe wie die in der Studie verwendete Technologie. Es ist darum nicht klar, ob die Präparate mit Bockshornklee auch wirklich besser aufgenommen werden.
In der Studie erhielten 15 gesunde Erwachsene entweder 1.000 mg des FF-20 mit 192 mg reinem Fisetin oder 1.000 mg herkömmliches Fisetin (also ohne spezielle Formulierung).
Die Gesamtverfügbarkeit der Hydrogel-Formulierung im Blut war rund 27-mal höher und die maximale Blutkonzentration rund 24-mal höher als beim herkömmlichen Stoff in der Hochdosis.
Mehr im Blut bedeutet jedoch nicht automatisch, dass auch mehr seneszente Zellen entfernt werden. Im nächsten Absatz beleuchten wir, was man aus Humanstudien bereits weiß – und was eben nicht.
Was zeigen Humanstudien?
Humanstudien zum Pflanzenstoff gibt es bisher nur wenige. Und sie untersuchten sehr unterschiedliche Fragen – diejenige nach der Wirkung als Senolytikum stand bisher weniger im Vordergrund. Man weiß also derzeit nicht, ob und wenn ja, in welcher Form, in welcher Dosierung und in welchem Umfang Fisetin beim Menschen seneszente Zellen auflösen kann.
Mehrere Humanstudien laufen zurzeit noch – andere sind abgeschlossen, aber noch nicht vollständig veröffentlicht.
Entzündungswerte bei Darmkrebs gesenkt
Eine kleine Studie von 2018 untersuchte den Stoff bei Darmkrebs-Patienten, die zeitgleich eine Chemotherapie erhielten (10). Die 37 Personen bekamen entweder 7 Wochen lang 100 mg Fisetin täglich als Kapsel oder ein Placebo.
Nach der Einnahme sanken in dieser Gruppe mehrere Entzündungsmarker – besonders der Marker IL-8.
Bessere Ergebnisse bei Schlaganfall
In einer Studie von 2019 wurde der Stoff bei 192 Patienten mit ischämischem Schlaganfall untersucht – also bei einem Schlaganfall durch ein verstopftes Blutgefäß (11).
Die Teilnehmer erhielten eine Behandlung mit rt-PA – einem Medikament zur Auflösung von Blutgerinnseln (Fibrinolytikum) – und dazu 100 mg Fisetin oder ein Placebo. Rt-PA wird immer nur am ersten Tag bzw. in den ersten Stunden nach dem Schlaganfall gegeben.
Das Fisetin (100 mg pro Tag) wurde dann aber weitere 7 Tage lang gegeben (oder ein Placebo).
Die Forscher berichteten bessere neurologische Ergebnisse in der Fisetin-Gruppe. Auch die Entzündungsmarker waren niedriger.
Keine Wirkung bei Kniearthrose
In einer Studie von 2025 erhielten 74 Personen mit Kniearthrose an zwei aufeinanderfolgenden Tagen hochdosiertes Fisetin, nämlich 20 mg Fisetin pro kg Körpergewicht oder ein Placebo (12). Danach folgte eine Pause von 28 Tagen. Dies ist der Einnahmezyklus.
Nach der ersten 28-Tage-Pause folgten zwei weitere Einnahmezyklen (jeweils 2 Tage Einnahme, dann jeweils 28 Tage Pause). Es gab also insgesamt 6 Tage, an denen das Präparat (oder Placebo) eingenommen wurde. Die Studie dauerte inklusive Nachbeobachtungszeit insgesamt 12 Monate.
Die Ergebnisse liegen bislang erst als Kongressbeitrag vor – der Volltext wurde noch nicht veröffentlicht – und waren enttäuschend. Denn Fisetin schien keinen signifikanten Nutzen auf die Schmerzen, die Kniefunktion oder die Knorpelgesundheit gehabt zu haben.
Fisetinbedingte Nebenwirkungen gab es aber trotz der hohen Dosis keine.
Fazit: Rolle von Fisetin als Senolytikum noch offen
Bisher weiß man über den Pflanzenstoff also noch relativ wenig aus Humanstudien. Er zeigte in einzelnen Studien entzündungshemmende Wirkungen und Spezialformulierungen können seine Bioverfügbarkeit erhöhen.
Was wir noch nicht wissen, ist, ob und wenn ja in welchem Umfang er beim Menschen tatsächlich seneszente Zellen entfernen kann und welche Dosen dafür nötig sind.
Weitere Informationen über lebensverlängernde Maßnahmen finden Sie in unserem Artikel Longevity – Gesund bis ins hohe Alter.