Was ist die Darm-Hirn-Achse?
Man spricht oft vom Bauchgefühl oder sagt, dass Emotionen im Darm sitzen. Viele Entscheidungen treffen wir „aus dem Bauch heraus“. Und Sorgen und Ängste können so heftig auf den Magen schlagen, dass man tagelang nichts essen kann.
Dass unsere Psyche und unser Verdauungssystem miteinander verbunden sind, ist keine Einbildung. Das Gehirn und der Darm stehen in ständiger, enger Kommunikation und haben einen großen Einfluss aufeinander.
Der Darm ist dabei „gesprächiger“ als das Gehirn: Etwa 90 % der Informationen werden von unten nach oben geleitet. Denn im Darm befinden sich ca. 30 bis 100 Billionen Mikroorganismen. Das sind deutlich mehr Zellen als körpereigene Zellen. Sie senden ununterbrochen Signale ans Gehirn.
Dies erklärt, warum der Darm, insbesondere die Darmflora, einen so großen Einfluss auf unsere psychische Gesundheit hat. Er wirkt sich auf Emotionen, Verhalten und das Schmerzempfinden aus.
So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass die meisten psychischen und neurologischen Erkrankungen mit einer Darmdysbiose einhergehen. Leider wird bei der Behandlung der Darm aber oft vernachlässigt.
Kommunikationswege zwischen Darm und Gehirn
Der Darm und das Gehirn kommunizieren auf verschiedenen Wegen (1).
Nervenbahnen
Das Gehirn und der Darm sind über Nervenbahnen des autonomen Nervensystems verbunden.
Das autonome Nervensystem ist der Teil des Nervensystems, der sich weitestgehend der bewussten Kontrolle entzieht. Es reguliert den Herzschlag, die Atmung, die Verdauung und den Stoffwechsel.
Nicht nur der Darm ist also über das autonome Nervensystem mit dem Gehirn verbunden, sondern auch viele andere Teile des Körpers.
Das autonome Nervensystem besteht aus zwei Gegenspielern: dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem.
Beide Nervensysteme interagieren mit dem enterischen Nervensystem. Das enterische Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk von Nervenzellen, das den Verdauungstrakt durchzieht. Es wird einerseits durch das sympathische und parasympathische Nervensystem gesteuert, arbeitet aber auch autonom.
Sympathisches Nervensystem
Das sympathische Nervensystem, auch Sympathikus genannt, ist bei Aktivität und erhöhter Leistungsbereitschaft aktiv. Da in einer solchen Situation die Verdauung keine Priorität hat, sorgt der Sympathikus dafür, dass die Darmperistaltik und Produktion von Verdauungssäften gehemmt werden.
Der Sympathikus überträgt aber auch Informationen in die umgekehrte Richtung, vom Darm ans Gehirn, wie z. B. Informationen über den Füllungszustands des Darms und Dehnung der Darmwand. Auch Schmerzen, wie z. B. Bauchschmerzen werden über das sympathische Nervensystem übermittelt.
Parasympathisches Nervensystem
Der Parasympathikus ist in Ruhephasen aktiv und fördert die Regeneration. Er hat den gegenteiligen Effekt auf die Verdauung: Er regt sie an.
Der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems ist der Vagusnerv. Auch er leitet nicht nur Informationen vom Gehirn an den Darm weiter, sondern auch Signale vom Darm ans Gehirn, die den Appetit und Emotionen regulieren.
Hormonelle Botenstoffe
Es gibt verschiedene hormonelle Botenstoffe, die an der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn beteiligt sind.
HHN-Achse
Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse) ist eigentlich ein Kommunikationssystem zwischen dem Gehirn und der Nebennierenrinde. Sie sorgt dafür, dass die Nebennierenrinde bei Stress Cortisol ausschüttet. Cortisol wiederum wirkt auf verschiedene Zielorgane, auch auf den Darm.
Cortisol erhöht die Durchlässigkeit des Darms und wirkt auch auf die Darmbakterien und die Immunantwort im Darm. Chronischer Stress kann daher einen Leaky Gut und eine Darmdysbiose begünstigen und Entzündungen fördern.
Der Darm wirkt umgekehrt aber auch auf die HHN-Achse: Bei einem Leaky Gut können beispielsweise Entzündungsstoffe und bakterielle Bestandteile die HHN-Achse stimulieren und so die Cortisolproduktion erhöhen.
Bei chronischem Stress kommt es also leicht zu einem Teufelskreis: Stress schadet dem Darm und ein geschädigter Darm verursacht noch mehr Stress.
Ein gesunder Darm hingegen kann die HHN-Achse beruhigen. Kurzkettige Fettsäuren, die bei der Fermentation von Ballaststoffen entstehen, können helfen, die HHN-Achse zu normalisieren und Stress entgegenzuwirken.
Hormone vom Darm ans Gehirn
Der Darm sendet mithilfe von Hormonen wichtige Signale ans Gehirn. Sättigungshormone wie Ghrelin, Leptin und GLP-1 übermitteln Informationen über den Energie- und Nährstoffstatus, was die Nahrungsaufnahme beeinflusst.
Darmbakterien können auch das Bindungshormon Oxytocin produzieren, das das Sozialverhalten und Emotionen steuert.
Neurotransmitter
Darmbakterien produzieren Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und GABA. Neurotransmitter sind Signalmoleküle, die von einer Nervenzelle auf eine andere Zelle übertragen werden. Diese Signalmoleküle aus dem Darm können über das enterische Nervensystem und den Vagusnerv Signale ans Gehirn senden und so z. B. die Stressantwort und Emotionen steuern.
Außerdem können die Neurotransmitter aus dem Darm auf Immunzellen und die HHN-Achse wirken und so das Gehirn beeinflussen.
Umgekehrt wirken Neurotransmitter, die im Gehirn gebildet werden, auch auf den Darm. Sie können beispielsweise Darmbewegungen, Blutfluss und Immunreaktionen beeinflussen.
Immunsystem
Der Darm und das Gehirn sind auch über das Immunsystem verbunden. Sowohl Immunzellen im Darm als auch im Gehirn sind an der Kommunikation beteiligt.
Zytokine
Zytokine sind Botenstoffe, die von Immunzellen produziert werden. Zu den bekanntesten Zytokinen gehören Interleukine, Interferone und TNF-α. Sie werden insbesondere bei Entzündungen und dem Leaky Gut Syndrom produziert und gelangen über das Blut oder Nervenbahnen ins Gehirn. Sie können Entzündungsprozesse im Gehirn fördern und die Aktivität von Nervenzellen beeinflussen.
Manche Zytokine können auch die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger machen. Dadurch gelangen Immunzellen und viele schädliche Substanzen leichter ins Gehirn. Bei vielen neurologischen Erkrankungen ist die Blut-Hirn-Schranke nicht intakt und der Darm scheint dabei eine maßgebliche Rolle zu spielen.
Mikrogliazellen
Mikrogliazellen sind die Immunzellen des zentralen Nervensystems. Zahlreiche Stoffwechselprodukte, die von Darmbakterien produziert werden, wirken auf die Mikrogliazellen.
Kurzkettige Fettsäuren haben eine entzündungshemmende Wirkung und können übermäßig aktive Mikrogliazellen hemmen.
Auch die verzweigtkettigen Aminosäuren Valin, Leucin und Isoleucin haben eine hemmende Wirkung auf Gliazellen. In zu großen Mengen können sie aber auch den gegenteiligen Effekt haben.
Darmbakterien produzieren noch weitere Stoffwechselprodukte, die bei der Darm-Hirn-Achse eine wichtige Rolle spielen. Auf diese gehen wir nun weiter ein.
Weitere Stoffwechselprodukte
Es gibt viele Stoffwechselprodukte, die in der Darm-Hirn-Achse involviert sind. Dazu gehören z. B. Gallensäuren und bestimmte Aminosäuren. Hervorzuheben sind vor allem kurzkettige Fettsäuren.
Kurzkettige Fettsäuren
Die bereits erwähnten kurzkettigen Fettsäuren hemmen nicht nur Mikrogliazellen, sondern haben generell eine entzündungshemmende Wirkung. Außerdem können sie die Blut-Hirn-Schranke stärken.
Rückkopplungsmechanismen
Beim Blick auf die Kommunikationswege zwischen Darm und Gehirn wird schnell klar, dass diese sich gegenseitig stark beeinflussen und dadurch verstärken können. Ist eine Komponente der Darm-Hirn-Achse gestört, zieht dies Probleme an anderen Stellen nach sich, die die ursprüngliche Störung verstärken können.
Beispielsweise hat die Darmflora einen großen Einfluss auf unser psychisches Wohlbefinden. Von den Darmbakterien produzierte Neurotransmitter sind für unsere psychische Gesundheit wichtig. Und vermehrte Entzündungen durch eine Darmdysbiose und Leaky Gut können Entzündungen im Gehirn verursachen, die mit psychischen Problemen in Verbindung stehen.
Psychische Probleme und Stress wirken aber auch auf den Darm und können z. B. über die HPA-Achse eine Darmdysbiose verschlimmern. Diese verstärkt dann die psychischen Probleme noch mehr. Durch diese Rückkopplungsmechanismen entsteht ein Teufelskreis, der meist nicht leicht zu durchbrechen ist und dazu führt, dass die Beschwerden mit der Zeit immer schlimmer werden.
Aus diesem Grund spielt die Darm-Hirn-Achse bei vielen Erkrankungen eine wichtige Rolle.
Die Rolle der Darm-Hirn-Achse bei Erkrankungen
Die Darm-Hirn-Achse ist nicht nur bei Darmerkrankungen, sondern auch bei psychischen und neurologischen Erkrankungen gestört.
Reizdarmsyndrom
Das Reizdarmsyndrom ist eine Darmerkrankung, die sich durch häufige Bauchschmerzen, -krämpfe, Völlegefühl, Blähungen und Verdauungsprobleme äußert. Manche Betroffenen leiden eher unter Durchfall, andere unter Verstopfung.
Die Erkrankung betrifft aber nicht nur den Darm. Oft geht das Reizdarmsyndrom mit kognitiven Problemen, Depressionen und Angstzuständen einher. Denn beim Reizdarmsyndrom sind mehrere Komponenten der Darm-Hirn-Achse gestört (2).
Ein zentrales Problem beim Reizdarmsyndrom ist eine gestörte Darmflora. Diese führt zu Entzündungen im Darm, die einerseits die Darmbarriere schwächen und Leaky Gut begünstigen, andererseits auch für das die erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darms verantwortlich sind, was als Bauchschmerzen oder Unwohlsein wahrgenommen wird.
Der Leaky Gut fördert außerdem chronische Entzündungen außerhalb des Darms, die über das Blut und Nervenbahnen auch Entzündungen im Gehirn verursachen können. Dies ist ein Grund, warum das Reizdarmsyndrom stark mit kognitiven und psychischen Problemen assoziiert ist.
Wenn sich Nerven entzünden, die die Darmmotilität steuern, kann dies wiederum auch typische Symptome wie Durchfall und Verstopfung verursachen oder verstärken.
Durch die Veränderungen in der Darmflora ist auch die Produktion von Neurotransmittern im Darm gestört. Neurotransmitter, wie z. B. Serotonin wirken einerseits im Darm. Serotonin reguliert die Darmmotilität, die Sekretion von Verdauungssäften und die Schmerzempfindlichkeit im Darm. Andererseits wirken Neurotransmitter aus dem Darm auch über das Blut und den Vagusnerv auf das Gehirn und können die Stimmung und das Stressempfinden beeinflussen.
Aber auch hier gibt es wieder eine Bidirektionalität: Neurotransmitter aus dem Gehirn steuern Vorgänge im Darm und ein Ungleichgewicht kann zu Reizdarmsymptomen führen.
Auf ähnliche Art und Weise kann auch Stress über die HHN-Achse das Reizdarmsyndrom verstärken. Denn das Stresshormon Cortisol beeinflusst die Darmflora.
Neurodegenerative Erkrankungen
Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und Chorea Huntington ist die Darm-Hirn-Achse meist beeinträchtigt.
Parkinson
Parkinson geht nicht nur mit motorischen Störungen, sondern auch mit Verdauungsbeschwerden und Darmdysbiose einher. Interessanterweise treten die Veränderungen im Darm meist einige Jahre vor den motorischen Problemen auf, was bereits darauf hinweist, dass die Darm-Hirn-Achse bei der Erkrankung involviert ist (3).
Die neurodegenerative Erkrankung ist durch α-Synuclein-Aggregationen gekennzeichnet, die die Nervenzellen schädigen. Hier scheint die Darmflora eine wichtige Rolle zu spielen. Denn die durch die Darmdysbiose verursachten Entzündungen können die Aggregation von α-Synuclein im Gehirn begünstigen.
Umgekehrt können auch die Schädigungen an den Nervenzellen bei Parkinson zu den Verdauungsstörungen beitragen. Beispielsweise sind dopaminproduzierende Nervenzellen (dopaminerge Neuronen), die bei Parkinson absterben, an der Verdauungsregulation beteiligt.
In unserem Beitrag Beginnt Parkinson im Darm? erfahren Sie mehr darüber, welche Rolle die Darmgesundheit bei der Erkrankung spielt.
Den Artikel und alle weiteren hier im Text genannten weiterführenden Artikel finden Sie, wenn Sie ganz nach unten scrollen unterhalb der Kommentarfunktion.
Alzheimer
Auch bei Alzheimer ist die Darm-Hirn-Achse gestört. Alzheimer-Patienten sind häufig von Leaky Gut betroffen und weisen eine veränderte Darmflora auf. Ähnlich wie bei Parkinson scheinen durch den Darm verursachte Entzündungen Amyloid-Beta-Ablagerungen im Gehirn zu begünstigen.
Weitere neurologische Erkrankungen
Auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Migräne, Autismus und Fibromyalgie ist die Darmflora meist verändert und die Darm-Hirn-Achse gestört.
Migräne
Die durch die Darmdysbiose entstehenden Entzündungen können beispielsweise Migräne verstärken.
ADHS
Bei ADHS scheint die veränderte Darmflora zumindest teilweise für den gestörten Dopaminstoffwechsel verantwortlich zu sein, der mit der Erkrankung einhergeht.
Fibromyalgie
Bei Fibromyalgie vermutet man, dass das erhöhte Schmerzempfinden durch Mikrogliazellen vermittelt wird, die durch entzündungsfördernde Botenstoffe in einen entzündlichen Zustand versetzt werden.
Autismus
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) werden ebenfalls zunehmend mit einer gestörten Darm-Hirn-Achse in Verbindung gebracht.
Zahlreiche Studien zeigen, dass viele autistische Kinder unter Darmproblemen wie Verstopfung, Durchfall oder Blähungen leiden. Zudem weisen sie oft eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora, erhöhte Entzündungswerte und Hinweise auf ein Leaky Gut Syndrom auf.
Auch bei Autismus spielt die Neurotransmitter-Balance eine Rolle – etwa im Serotonin- und Dopaminstoffwechsel – ebenso wie eine veränderte Immunantwort im Darm, die über Zytokine auf das Gehirn wirken kann.
Erste Therapieansätze zielen darauf, über Ernährung, Probiotika und entzündungshemmende Maßnahmen das Gleichgewicht der Darm-Hirn-Achse zu verbessern.
In Einzelfällen zeigten sich unter konsequenter Therapie der Darmgesundheit deutliche Verbesserungen autistischer Symptome. Zwar sind weitere Studien nötig, die Erkenntnisse stützen jedoch die Annahme, dass der Darm eine bedeutende Rolle auch bei neurologischen Entwicklungsstörungen spielt.
Lesen Sie unsere diesbezüglichen Artikel Fallbericht: Wie sich Autismus-Symptome bessern lassen und Regulierung der Darmflora bessert Autismus.
Psychische Störungen
Bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen spielt die Darm-Hirn-Achse ebenfalls eine wichtige Rolle. Betroffene Personen weisen häufig eine geringe Diversität der Darmbakterien auf. Die dadurch veränderte Neurotransmitterproduktion und entstehenden Entzündungen können die Psyche beeinflussen.
Die Bedeutung der Darmflora für die psychische Gesundheit wird aktuell wissenschaftlich untersucht. Es gibt viele interessante Daten an Mäusen. Man weiß beispielsweise, dass wenn man den Stuhl von ängstlichen Mäusen in andere Mäuse transplantiert, diese daraufhin auch ein verstärkt ängstliches Verhalten an den Tag legen (4). Ähnliche Beobachtungen hat man bei depressiven Mäusen gemacht.
Da eine veränderte Darmflora negative Auswirkungen auf die Psyche haben kann, sind Probiotika als Therapie naheliegend. Bei Mäusen können Probiotika bei Depressionen und Angststörungen gut helfen. Beim Menschen ist die Datenlage bisher leider begrenzt, aber es gibt gute Hinweise darauf, dass Probiotika bei milden Depressionen in Kombination mit Antidepressiva hilfreich sein können. Auch mit probiotischen Lebensmitteln wie Kefir und nicht-pasteurisierten Milchprodukten gibt es vielversprechende Daten (5).
In unserem Beitrag Darmflora behandeln bei psychischen Beschwerden erfahren Sie mehr darüber.
Die Darm-Hirn-Achse ins Gleichgewicht bringen
Die Darm-Hirn-Achse ist ein komplexes, bidirektionales System, bei dem das Mikrobiom, das Immunsystem sowie neuronale und hormonelle Signalwege interagieren. Sie wird durch Ernährung, Stress und andere Lebensgewohnheiten stark beeinflusst.
Ist die Darm-Hirn-Achse einmal gestört, ist es aufgrund der erwähnten Rückkopplungsmechanismen oft schwer, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Rückkopplungsmechanismen arbeiten aber nicht nur gegen uns, man kann sie sich auch zunutze machen. Dies gelingt am besten, wenn man an mehreren Punkten an der Darm-Hirn-Achse ansetzt.
Ernähren Sie sich beispielsweise gesünder, kann sich dies positiv auf die Darmflora auswirken und Entzündungen verringern. Dadurch können Sie schon Ihre Stressresistenz verbessern.
Wenn Sie es dann gleichzeitig noch schaffen, Stress zu verringern, hat dies ebenfalls einen positiven Effekt auf die Darmflora. Durch den reduzierten Stress fällt es Ihnen dann auch leichter, auf ungesunde Lebensmittel zu verzichten, wodurch Sie eine gesunde Ernährung leichter durchhalten.
Meist zielen Maßnahmen bei Beschwerden oder Erkrankungen, die mit einer gestörten Darm-Hirn-Achse einhergehen, entweder auf den Darm oder das Gehirn ab.
Beim Reizdarmsyndrom wird beispielsweise der Darm behandelt, bei Depressionen konzentriert man sich auf die Psyche und das Gehirn. Durch die enge Kommunikation der beiden Systeme wirken aber die meisten Maßnahmen sowohl auf den Darm als auch auf das Gehirn.
Dennoch macht es Sinn, bei einer gestörten Darm-Hirn-Achse Maßnahmen für den Darm und die psychische Gesundheit zu kombinieren. So kann man sich am ehesten die Synergie zunutze machen.
Maßnahmen für den Darm
Zunächst gehen wir auf Maßnahmen ein, die primär auf den Darm wirken.
Darmflora mit der richtigen Ernährung verbessern
Die Ernährung hat einen großen Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmbakterien. Denn sie verstoffwechseln, was wir essen. Manche Lebensmittel dienen nützlichen Darmbakterien als Futter, wodurch sie sich besser vermehren.
Andere Lebensmittel können das Wachstum potenziell schädlicher Bakterien fördern. Nehmen diese überhand, kommt es zur sogenannten Darmdysbiose.
Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Obst und Gemüse, Pilze, Nüsse, Samen und Vollkorn wirken sich positiv auf die Darmflora aus. Und probiotische Lebensmittel wie Kefir und fermentiertes Gemüse liefern wertvolle Bakterien, die sich im Darm ansiedeln können.
Zucker, schlechte Fette und Lebensmittelzusatzstoffe, die in Fast Food und hoch verarbeiteten Lebensmitteln vorkommen, schaden hingegen der Darmflora und dem Darm.
In unserem Beitrag Ernährung für eine gesunde Darmflora erfahren Sie mehr darüber, wie Sie Ihre Darmflora mit der richtigen Ernährung verbessern können.
Alkohol meiden
Dem Darm zuliebe ist es sinnvoll, Alkohol zu meiden oder zumindest stark zu reduzieren. Denn Alkohol verringert die Vielfalt der Darmbakterien. Dadurch werden weniger wichtige Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren produziert und ein Leaky Gut wird begünstigt (6).
Alkohol wirkt auch über den Vagusnerv auf die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn, was die Stressregulation negativ beeinflusst (7).
Probiotika
Auch Probiotika sind eine gute Möglichkeit, die Darmflora zu verbessern. Sie funktionieren am besten in Kombination mit einer gesunden Ernährung.
In unserem Beitrag Probiotika für eine gesunde Darmflora lesen Sie mehr darüber.
Maßnahmen, die auf das Gehirn wirken
Wir stellen nun einige Maßnahmen vor, die auf das Gehirn wirken und gehen auch exemplarisch auf einige therapeutische Methoden ein. Es gibt aber natürlich noch viele weitere therapeutische Ansätze, die bei psychischen und neurologischen Erkrankungen zum Einsatz kommen. Viele davon wirken nicht nur auf die Psyche und das Gehirn, sondern auch auf den Darm.
Stress entgegenwirken
Stress wirkt u. a. über den Vagusnerv und die HHN-Achse auf den Darm. Stress ist sehr individuell und jeder hat andere Probleme, die Stress verursachen. Daher gibt es kein Patentrezept, mit dem man jeglichen Stress beheben kann.
Wichtig ist aber, sich bewusst zu machen, dass chronischer Stress gesundheitliche Probleme verursachen und verstärken kann. Nehmen Sie daher die größten Stressauslöser ernst und versuchen Sie, sie so gut wie möglich zu beseitigen.
Darüber hinaus können Achtsamkeitsübungen und Entspannungsmethoden helfen, einerseits Stress zu reduzieren und andererseits die Stressresistenz zu verbessern. In unserem Beitrag Stress reduzieren – 14 Tipps für ein entspanntes Lebenerfahren Sie mehr darüber, wie Sie Ihr Leben stressfreier gestalten können.
Adaptogene
Darüber hinaus können Adaptogene – wie Ashwagandha, Rosenwurz oder Ginseng – hilfreich sein. Sie fördern Ruhe und Nervenstärke, indem sie über ihre stressregulierende und entzündungshemmende Wirkung das Gleichgewicht im Darm‑Hirn‑Netzwerk unterstützen.
Studien zeigen, dass diese Heilpflanzen das Stresshormon Cortisol stabilisieren, oxidative Prozesse reduzieren und neurochemische Botenstoffe (z. B. Serotonin, Dopamin) schützen – was insgesamt das Gleichgewicht zwischen Immun-, Hormon- und Nervensystem stärkt.
Insbesondere die Rosenwurz kann die Serotonin-Dopamin-Signalwege schützen und geistige Klarheit fördern. Sie ist daher besonders relevant für die Regulation der Darm‑Hirn‑Kommunikation.
Lesen Sie mehr dazu in unserem Artikel Adaptogene: Wirkung und Anwendung.
Antidepressiva
Antidepressiva verüben ihre Wirkung nicht nur im Gehirn, sondern auch im Darm und in der Darm-Hirn-Achse.
Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SRI) wirken beispielsweise, indem sie die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin hemmen. Dadurch soll die Serotoninkonzentration im Gehirn erhöht werden. Aber auch im Darm gibt es Serotoninrezeptoren, sogar deutlich mehr als im Gehirn. Denn Serotonin erfüllt im Darm viele wichtige Funktionen und 90 % des Serotonins im Körper werden im Darm produziert.
Serotonin steuert die Darmmotilität, die Sekretion von Verdauungssäften und das Schmerzempfinden im Darm. SRI verstärken die Darmmotilität, wodurch es häufig zu unangenehmen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Bauchkrämpfen kommen kann.
Antidepressiva wirken sich aber nicht unbedingt negativ auf die Darmgesundheit aus, im Gegenteil. Denn sie können das Wachstum nützlicher Darmbakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien fördern und so einer Dysbiose entgegenwirken. Dadurch kommt es zu einer vermehrten Produktion von Butyrat, einer kurzkettigen Fettsäure, die Entzündungen verringern und die Darmbarriere stärken kann. SRI wirken einerseits direkt im Darm, aber auch über die HHN-Achse und den Vagusnerv (8).
Psychotherapie
Auch Psychotherapie wirkt nicht nur auf die Psyche und das Gehirn, sondern auch auf den Darm. Positive Nebenwirkungen einer erfolgreichen Psychotherapie sind häufig eine Linderung von Verdauungsbeschwerden und verringerte Entzündungen (9).
Sie kann sich sogar potenziell positiv auf die Darmflora auswirken (10). Dies ist nicht verwunderlich, da bekannt ist, dass psychischer Stress über die HHN-Achse die Darmflora negativ beeinflussen kann.
Fazit: Die Darm-Hirn-Achse ist von großer Bedeutung
Die Darm-Hirn-Achse ist bei vielen Erkrankungen gestört. Ursache und Wirkung sind hier meist nicht eindeutig, da viele Faktoren miteinander wechselwirken. Die Erkrankung selbst kann sich negativ auf den Darm und die Darm-Hirn-Achse auswirken. Umgekehrt kann ein kranker Darm über die Darm-Hirn-Achse viele Beschwerden und Erkrankungen (auch im Gehirn) verschlimmern.
Dies bedeutet im Umkehrschluss auch, dass es bei vielen Erkrankungen sinnvoll ist, an der Darmgesundheit zu arbeiten. Insbesondere gilt dies für psychische und neurologische Erkrankungen.
Dies heißt nicht, dass sich dadurch alle Beschwerden beheben oder gar Krankheiten heilen lassen. Als Begleittherapie ist dies aber sehr sinnvoll und es gibt vielversprechende Daten, die zeigen, dass eine Verbesserung der Darmflora sich bei diesen Erkrankungen positiv auswirken kann.