Alkohol ist auch in kleinen Mengen schädlich

Wer regelmässig Alkohol trinkt, läuft Gefahr, unauffällig in eine Alkoholsucht oder andere Suchtstörungen zu geraten. Annähernd 10 Millionen Menschen trinken allein in Deutschland Alkohol in Mengen, die als kritisch einzustufen sind.

Und in den USA berichten 24,6 Prozent aller Erwachsenen, erhebliche Mengen an Alkohol zu trinken.

Doch kann Alkohol schon in kleinen Mengen zur Leberzirrhose führen. Und bereits fünf Bier pro Woche mindern die Zeugungsfähigkeit. Was das Nervengift Alkohol im Körper sonst noch bewirkt und wie es das Familienleben beeinträchtigen kann, haben wir hier erklärt: Alkohol – Das Nervengift

Dennoch wird immer wieder geschrieben, wie unglaublich gesund ein moderater Alkoholgenuss sein soll. Mit "moderat" ist der regelmässige Genuss von kleinen Mengen Alkohol gemeint.

Man schütze damit sein Herz-Kreislauf-System und lebe somit länger – wozu es auch tatsächlich sehr viele Studien gibt. Doch gerade diese Studien scheinen alles andere als glaubwürdig zu sein.

Pro-Alkohol-Studien sind von geringer Qualität

Der Forschungsleiter Dr. Tim Stockwell vom Suchtforschungszentrum der Universität von Victoria, Kanada, und seine Kollegen kamen zum Schluss, dass Studien, die den moderaten Alkoholgenuss gelobt hatten, von äusserst minderwertiger Qualität sind.

Die Wissenschaftler hatten 87 Studien über die Auswirkungen moderaten Alkoholgenusses auf die Lebenserwartung ausgewertet und ihre Ergebnisse im März 2016 im Fachmagazin Journal of Studies on Alcohol and Drugs veröffentlicht.

In einer dieser untersuchten Studien wurde beispielsweise gesagt, dass moderater Alkoholgenuss – drei bis fünf alkoholische Getränke pro Woche – das Risiko auf Herzattacken und Herzversagen senken könne.

In anderen Studien gehörte es noch zum moderaten Alkoholgenuss, wenn man pro Tag zwei alkoholische Getränke zu sich nahm.

Ehemalige Trinker werden kurzerhand zu den Abstinenzlern gezählt

Dr. Stockwell machte in seiner Analyse deutlich, dass die Ergebnisse derartiger Studien nicht immer für bare Münze genommen werden sollten.

Sein Team fand heraus, dass in vielen dieser Studien häufig Faktoren ausser Acht gelassen werden, die eigentlich – würden sie berücksichtigt werden – die postulierten positiven Effekte moderaten Trinkens kurzerhand beseitigen würden.

"Es gibt viele Gründe dafür, skeptisch zu sein"

sagt Dr. Stockwell.

Ein Hauptproblem in diesem Zusammenhang sei in den Pro-Alkohol-Studien beispielsweise die Definition des Begriffes "Abstinenzler", also von Menschen, die keinerlei Alkohol trinken. Mit diesen werden normalerweise jene Menschen verglichen, die täglich z. B. ein Gläschen Rotwein trinken.

Nun zeigte sich aber, dass man in besagten Studien zu den Abstinenzlern auch die sog. "derzeitigen Abstinenzler" zählte, also Menschen, die gerade erst mit dem Trinken aufgehört hatten oder aufhören mussten (z. B. aufgrund einer Krankheit oder auch einer Alkoholsucht).

Verständlich, dass diese nicht besonders lange oder gesund leben, und daher die moderaten Trinker im Vergleich gut dastehen.

Studien finden keine gesundheitlichen Vorteile durch Alkohol

In lediglich 13 der untersuchten Studien hatte man darauf geachtet, auch tatsächliche Abstinenzler zu wählen, um sie mit den moderaten Trinkern zu vergleichen – und genau diese Studien konnten keinerlei positive Auswirkungen des regelmässigen Trinkens kleiner Alkoholmengen auf die Sterberate aufzeigen.

Als die kanadischen Forscher in den übrigen Studien sämtliche Ungenauigkeiten und Schwachstellen im Studiendesign beseitigten, zeigte sich, dass moderate Trinker keinesfalls von irgendwelchen gesundheitlichen Vorteilen profitieren können, geschweige denn länger leben als Menschen, die keinen Alkohol trinken.

Stellt Rotwein eine Ausnahme dar?

Stockwells Team hatte in seiner Meta-Analyse aber nicht berücksichtigt, welche Art von Alkohol getrunken wurde. So könnte es natürlich durchaus sein, dass Rotwein aufgrund seiner enthaltenen Polyphenole in jedem Falle günstiger ist als beispielsweise Hochprozentiges.

Doch sei es grundsätzlich zweifelhaft – so Stockwell – dass mögliche positive gesundheitliche Effekte allein auf den Alkohol zurückzuführen seien.

Auch hatten wir hier schon vom Kardiologenkongress aus dem Jahr 2014 in Barcelona berichtet.

Dort erklärten Experten, dass Rotwein – wenn überhaupt – so nur für jene gesundheitliche Vorteile bereithalte, wenn sie gleichzeitig mindestens zweimal wöchentlich Sport trieben.

Lesen Sie auch: Histaminintoleranz – Die Weinallergie

Auch Alkohol in kleinen Mengen besser meiden!

Wenn Sie also mal wieder irgendwo lesen, dass der regelmässige Genuss von Alkohol in kleinen Mengen gesund sein soll – was aufgrund der Beliebtheit des Themas mindestens einmal pro Woche der Fall sein wird – bleiben Sie skeptisch und lassen Sie sich nicht dazu verführen, verstärkt Alkohol zu trinken, auch nicht in kleinen Mengen.

Und wenn Sie in den Genuss der positiven Auswirkungen der Rotweinpolyphenole gelangen möchten, dann müssen Sie dazu keinen Rotwein trinken. Rotweinextrakt liefert das gesamte Spektrum der gesunden Stoffe aus dem Rotwein – jedoch ohne Alkohol.

Quellen

  • Stockwell T et al., Do "moderate" drinkers have reduced mortality risk? A systematic review and meta-analysis of alcohol consumption and all-cause mortality, Tim Stockwell et al., Journal of Studies on Alcohol and Drugs, 22 March 2016, (Haben moderate Trinker ein reduziertes Sterblichkeitsrisiko? Ein systematischer Review und eine Meta-Analyse zu Alkoholkonsum und Gesamtsterblichkeit)
  • Whiteman, Honor. "Moderate drinking: many studies reporting health benefits are `flawed`."Medical News Today. MediLexicon, Intl., 22 Mar. 2016. Web. 24 Mar. 2016. (Moderates Trinken: Viele Studien, die gesundheitliche Vorteile bescheinigen, sind mangelhaft)
  • Taborsky M, Ostadal P, Petrek M., "A pilot randomized trial comparing long-term effects of red and white wines on biomarkers of atherosclerosis" (in vino veritas: IVV trial). Bratisl Lek Listy. 2012;113(3):156-158, (Eine randomisierte Pilotstudie vergleicht Langzeiteffekte von Rot- und Weisswein auf Biomarker in Bezug auf Arteriosklerose)
  • Prof. Tina Kold Jensen et al., "Habitual alcohol consumption associated with reduced semen quality and changes in reproductive hormones; a cross-sectional study among 1221 young Danish men", BMJ British Medical Journal, Oktober 2014, ("Gewohnheitsmässiger Alkoholkonsum in Verbindung mit reduzierter Spermienqualität und Veränderungen bei den reproduktiven Hormonen: eine Querschnittsstudie mit 1.221 jungen dänischen Männern")
  • Ramon Bataller et al, "Drinking just 1 or 2 alcoholic drinks a day linked to liver disease", European Association for the Study of the Liver, April 2015, (Das Trinken von nur 1 oder 2 alkoholischen Drinks mit Lebererkrankung verbunden)