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  • Ärztin bereitet Darmspiegelung vor
6 min

Darmspiegelung: Schützt nicht vor Tod durch Darmkrebs

Darmspiegelungen gelten als wichtige Vorsorgeuntersuchung. Eine Studie ergab nun jedoch, dass die Darmspiegelung das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, nicht senken kann. Kann man sich die Prozedur einer Darmspiegelung somit ersparen? Oder hat die Untersuchung doch noch einen Sinn?

Fachärztliche Prüfung: Dr. med. Jochen Handel
Aktualisiert: 26 Oktober 2022

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Darmspiegelung alle 10 Jahre

Die Darmspiegelung ist eine Vorsorgeuntersuchung, die Männern ab 50 Jahren und Frauen ab 55 Jahren empfohlen wird. Wird dabei nichts Auffälliges gefunden, steht die nächste Darmspiegelung erst wieder in 10 Jahren an. Wenn in Ihrer Familie jedoch häufiger Darmkrebs oder Darmpolypen vorkommen, werden Darmspiegelungen in kürzeren Zeitabständen empfohlen. Auch wenn sich bei Ihnen mehr als zwei Polypen finden oder auch ein besonders grosser Darmpolyp (grösser als 1 cm), rät man im Allgemeinen zu häufigeren Darmspiegelungen ( 1 ).

Warum inzwischen immer mehr Menschen im Alter von unter 45 Jahren Darmkrebs bekommen, lesen Sie im vorigen Link. Dieses gehäufte Auftreten von Darmkrebs bei jüngeren Leuten führte auch dazu, dass die American Cancer Societyin den USA inzwischen rät, mit den Darmspiegelungen schon mit 45 Jahren statt erst mit 50 zu starten.

Mit der Darmspiegelung Darmkrebs frühzeitig erkennen

Sinn und Zweck der Darmspiegelung ist es, Darmkrebs oder seine Vorstufen (Darmpolypen) möglichst frühzeitig zu erkennen. Polypen sind Vorwölbungen in der Darmschleimhaut, die man auch als gutartige Darmtumoren bezeichnet.

Aus manchen Polypen kann sich jedoch im Laufe vieler Jahre ein Darmkrebs entwickeln. Die langsame Entwicklung ist auch der Grund dafür, warum eine Darmspiegelung im Allgemeinen nur alle 10 Jahre durchgeführt wird. Polypen und andere verdächtige Gewebeveränderungen können meist noch während der Darmspiegelung entfernt werden.

Kann die Darmspiegelung vor Darmkrebs schützen?

Das alles klingt so gut, dass eine Darmspiegelung eigentlich der perfekte Schutz vor Darmkrebs darstellen müsste. Auch andere Krebsvorsorgeuntersuchungen sollen dazu beitragen, den jeweiligen Krebs schon in einem sehr frühen Stadium zu entdecken, so dass er noch leicht entfernt oder behandelt werden kann.

Frühere Studien konnten der Darmspiegelung durchaus einen Nutzen zusprechen, z. B. eine Untersuchung, die im Frühjahr 2018 im Fachjournal Gut erschienen war ( 2 ). Anhand von 1747 Patienten, die an Darmkrebs verstorben waren und 3460 Kontrollpersonen (alle zwischen 55 und 90), die keinen Darmkrebs hatten, zeigte sich, dass eine Darmspiegelung das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um 67 Prozent reduzieren konnte.

Darmspiegelung schützt nicht vor Tod durch Darmkrebs

In einer zehnjährigen Studie, die im Oktober 2022 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, sah das Ergebnis hingegen ganz anders aus. Es zeigte sich anhand der Daten von fast 85.000 Patienten aus Polen, Schweden, Norwegen und den Niederlanden, dass Darmspiegelungen bei älteren Erwachsenen (zwischen 55 und 64 Jahren) nicht in der Lage waren, das Risiko zu senken, an Darmkrebs zu versterben.

Bei den Patienten, die zur Darmspiegelung gingen, lag die Darmkrebssterberate bei 0,28 Prozent, bei den Patienten, die nicht zur Darmspiegelung gingen, betrug die Rate 0,31 Prozent. Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, war bei den Patienten also nahezu identisch – ob diese nun zur Darmspiegelung gegangen waren oder nicht ( 3 ).

Darmspiegelung senkt Darmkrebsrisiko nur minimal

Immerhin sank laut der Studie dank regelmässiger Darmspiegelungen das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken um 18 Prozent. Allerdings klingt 18 Prozent nach einem deutlichen Vorteil. Schaut man sich aber die Zahlen der Erkrankungsrate an, sieht das Ganze deutlich weniger überzeugend aus:

In der Gruppe der Patienten, die zur Darmspiegelung gingen, lag die Erkrankungsrate bei 0,98 Prozent. Bei denen, die keine Darmspiegelung machen liessen, fiel die Rate aber auch nur wenig höher aus und lag bei 1,2 Prozent. Die oben genannten 18 Prozent ergeben sich nun aus dem Unterschied zwischen 0,98 und 1,2 Prozent.

Nutzen von Darmspiegelungen enttäuschend gering

Die relativ kleine Reduzierung des Darmkrebserkrankungsrisikos und die fast nicht vorhandene Risikoreduktion in Sachen Darmkrebssterberisiko seien gleichermassen überraschend und enttäuschend, erklärte Jason Dominitz, Gastroenterologe an der University of Washington School of Medicine. Nun seien weitere Analysen und noch längere Studien nötig, um weitere Informationen zu den möglichen Vorteilen der Darmspiegelung einzuholen.

Besser aber eine kleine Risikoreduktion als gar keine, denken Sie nun vielleicht. Das stimmt natürlich. Doch können Vorsorgeuntersuchungen auch Nachteile haben, z. B. zu Verletzungen, Blinddarmentzündungen, Überdiagnosen und unnötigen Behandlungen führen sowie dem Gesundheitssystem hohe Kosten verursachen.

Blinddarmentzündung nach Darmspiegelung?

Forscher der University of North DakotaUND stellten 2018 fest, dass die Gefahr einer Blinddarmentzündung nach einer Darmspiegelung steigen kann ( 7 ). „Manche meiner Patienten hatten eine Darmspiegelung in ganz unterschiedlichen Kliniken – und kurze Zeit später erlitten sie eine Blinddarmentzündung“, erklärt Dr. Marc D. Basson, Dekan der medizinischen Fakultät der UND ( 8 ).

In Bassons Studie wurden die Daten von annähernd 400.000 Personen in den gesamten USA ausgewertet, die zwischen 2009 und 2014 eine Darmspiegelung durchführen liessen. „In der ersten Woche nach einer Darmspiegelung war die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Blinddarmentzündung entwickelte, viermal so hoch als im übrigen Jahr“, erklärte Dr. Basson.

Möglicherweise seien es die Vorbereitungsmassnahmen, die vor der Darmspiegelung durchgeführt werden müssen (Abführmittel u. ä.), die nun die Darmflora so verändern, dass sich mit grösserer Wahrscheinlichkeit Entzündungsprozesse entwickeln können. Auch während der Koloskopie (Darmspiegelung) könnte es zu negativen Einflüssen auf die Darmschleimhaut kommen, so dass eine nachfolgende Blinddarmentzündung wahrscheinlicher werden könnte. Unzureichend gereinigte Endoskope könnten ebenfalls an der Problematik beteiligt sein und Fremdkeime in den Darm einschleppen.

Wenn also nach einer Darmspiegelung Schmerzen im Unterbauch auftreten sollten, dann zögern Sie nicht, sofort Ihren Arzt davon in Kenntnis zu setzen, um eine Blinddarmentzündung auszuschliessen.

So viel kostet eine Darmspiegelung

In Deutschland werden bei 80 Millionen Einwohnern jährlich 500.000 Darmspiegelungen im Rahmen der Darmkrebsvorsorge durchgeführt ( 4 ). In den USA sind es noch mehr Darmspiegelungen, nämlich mehr als 15 Millionen pro Jahr, also 30-mal so viele wie in Deutschland, obwohl die USA nur die 4,2-fache Einwohnerzahl haben.

Bei Kosten von 500 bis 600 Euro pro Darmspiegelung inkl. Narkose kommt hier einiges zusammen. Allein die deutschen Darmspiegelungen kosten somit Jahr für Jahr 250 Millionen Euro. Laborkosten für die Untersuchungen möglicher Gewebeproben kommen dann noch dazu.

Vorsorge hat nicht viel mit Prävention zu tun

Bei einer Darmspiegelung können Krebsvorstufen entdeckt und entfernt werden. Es ist also eine reine Früherkennungsmassnahme, aber keine Präventionsmassnahme. Denn die Untersuchung kann selbstverständlich nicht verhindern, dass sich Polypen und andere Krebsvorstufen entwickeln.

Echte Präventionsmassnahmen hemmen hingegen die Entstehung von Polypen und Krebs. Sie können also natürlich weiterhin zur Darmspiegelung gehen, können aber bei sich zu Hause noch viel mehr tun, um sich vor einer ernsten Krebserkrankung zu schützen – nämlich indem Sie Ihre Risikofaktoren reduzieren. Zu den Risikofaktoren für Darmkrebs gehören ( 5 )( 6 ):

  1. Übergewicht (Hier finden Sie unseren beispielhaften * 7-tägigen Ernährungsplan zum Abnehmen)
  2. Bewegungsmangel (Lesen Sie hier, wie Sport die Zahl der Darmkrebszellen reduzieren kann und hier, wie gut ein 6-wöchiges Lauftraining bei Darmkrebs hilft)
  3. Ungesunde Ernährung, wie zu viel Salz, zu viel rotes Fleisch, zu wenig Obst und Gemüse, zu wenige Ballaststoffe (Lesen Sie hier, welche Lebensmittel vor Darmkrebs schützen)
  4. Hoher Blutzuckerspiegel
  5. Darmflorastörungen
  6. Übermässiger Alkoholkonsum
  7. Rauchen
  8. Medikamente, z. B. Antibiotika, die zu Störungen der Darmflora beitragen

Sie können nun jeden dieser Punkte eigenständig in Angriff nehmen und so Ihr persönliches Darmkrebsrisiko deutlich reduzieren. Die obigen Links enthalten viele Tipps, damit Sie Ihr Ziel – Schutz vor Darmkrebs – bestmöglich erreichen können.

Erste Studien mit Krebs(stamm)zellen und Tieren zeigen überdies eine darmkrebshemmende Wirkung verschiedener Pflanzenstoffe (z. B. Resveratrol, Mariendistel und Curcumin), so dass Sie diese immer auch kurweise einnehmen könnten, was Sie vielleicht ohnehin bereits tun, da sich die genannten Pflanzenstoffe auf viele Präventionsbereiche sehr positiv auswirken.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel wurde auf Grundlage (zur Zeit der Veröffentlichung) aktueller Studien verfasst und von MedizinerInnen geprüft, darf aber nicht zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung genutzt werden, ersetzt also nicht den Besuch bei Ihrem Arzt. Besprechen Sie daher jede Massnahme (ob aus diesem oder einem anderen unserer Artikel) immer zuerst mit Ihrem Arzt.

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Quellen
  1. (1) Mayo Clinic, Colonoscopy, Patient Care & Health Information, Tests & Procedures
  2. (2)Doubeni CA, Fletcher RH et al. Effectiveness of screening colonoscopy in reducing the risk of death from right and left colon cancer: a large community-based study. Gut. 2018 Feb;67(2):291-298.
  3. (3) Bretthauer M et al., NordICC Study Group, Effect of Colonoscopy Screening on Risks of Colorectal Cancer and Related Death. N Engl J Med. 2022 Oct 9. 
  4. (4) Ärzteblatt, Zahl der Früherkennungskoloskopien gestiegen, Freitag, 10. Juli 2020
  5. (5) Lewandowska A, Rudzki G, Lewandowski T, Stryjkowska-Góra A, Rudzki S. Title: Risk Factors for the Diagnosis of Colorectal Cancer. Cancer Control. 2022 Jan-Dec;29:10732748211056692.
  6. (6) Johnson CM, Wei C, Ensor JE, Smolenski DJ, Amos CI, Levin B, Berry DA. Meta-analyses of colorectal cancer risk factors. Cancer Causes Control. 2013 Jun;24(6):1207-22. 
  7. (7) Marc D. Basson, Daniel Persinger, William P. Newman. Association of Colonoscopy With Risk of Appendicitis, JAMA Surgery, 2018
  8. (8) University of North Dakota, Colonoscopy may be linked to appendicitis, ScienceDaily, 26. Januar 2018