Schnellere Regeneration des Rückenmarks, wenn Darmflora gesund ist

Bei einer Rückenmarksverletzung (z. B. nach Unfällen, Stürzen o. ä.) kann zu zahlreichen Symptomen kommen. Dazu gehören Gefühlsverlust in den Extremitäten (Händen, Fingern, Zehen), Kontrollverlust über ein Körperteil (komplett oder teilweise), Inkontinenz, Atemnot, Schwellungen am Kopf etc.

Beobachtet hat man ausserdem, dass es nach Rückenmarksverletzungen häufig zu Veränderungen der Darmflora kommt. Schon allein diese Tatsache zeigt die enge Verbindung zwischen Darm und Rückenmark an. Der Einfluss besteht aber auch andersherum:

Wenn sich die Darmflora auf negative Weise ändert, dann – so schrieben Forscher am 17. Oktober 2016 in The Journal of Experimental Medicine – führt dies nach einer Rückenmarksverletzung zu einem grösseren Ausmass an neurologischen Schäden und beeinträchtigt die Regeneration deutlich.

Gibt man Patienten mit Rückenmarksschäden nun aber Probiotika, dann verhindert man die gefährliche Darmfloraveränderung und hilft Patienten bei einer schnellen Erholung von ihren Rückenmarksverletzungen.

Kranke Darmflora: Oft Mitursache von Krankheiten

Die Billionen Bakterien, die im Verdauungssystem leben, werden als Darmflora bezeichnet. Eine Störung der Darmflora nennt man eine Dysbiose. Dann sind die schädlichen, entzündungsfördernden Bakterien plötzlich mengenmässig überlegen, während die nützlichen, entzündungshemmenden Bakterien ins Hintertreffen geraten.

Mit einer Dysbiose werden inzwischen zahlreiche Krankheiten in Verbindung gebracht: Autoimmunerkrankungen, wie z. B. Multiple Sklerose, Typ-1-Diabetes oder auch Rheumatoide Arthritis, aber auch neurologische Störungen einschliesslich Autismus, Schmerzen, Depressionen, Ängste und Schlaganfälle.

Dysbiose: Darmbakterien wandern in den Körper

Bei einer Rückenmarksverletzung nun kommt es immer auch zu den o. g. Folgekrankheiten, wozu auch der Verlust der Darmkontrolle gehören kann, was nun eine mögliche Ursache für eine nun entstehende Dysbiose ist. Die Dysbiose aber beeinträchtigt nun die Regeneration der Rückenmarksverletzung.

Unter der Leitung von Dr. Phillip G. Popovich am Center for Brain and Spinal Cord Repair stellten die Forscher fest, dass eine Rückenmarksverletzung nicht nur die Darmflora verändert, sondern dabei ausserdem beobachtet werden kann, dass Darmbakterien plötzlich durch den Körper also direkt ins Gewebe wandern (ein Leaky-Gut-Syndrom entsteht) und dort entzündungsfördernde Abwehrzellen mobilisieren.

Je schlimmer die Dysbiose, umso langsamer der Genesungsprozess

Patienten mit den schlimmsten Dysbiosen tendieren immer auch zu einer sehr langsamen Genesung von ihren Verletzungen.

Patienten, die vor dem Unfall (der zur Rückenmarksverletzung geführt hat) Antibiotika nehmen mussten (z. B. aufgrund eines Atemweg- oder Harnweginfektes), dann erholen sich diese Patienten noch langsamer und sie haben einen noch höheren Entzündungspegel im Körper als Patienten, die keine Antibiotika genommen hatten.

Gibt man den Patienten nach ihrer Rückenmarksverletzung nun aber täglich Probiotika (nützliche Darmbakterien), die das Darmmilieu verbessern und die Dysbiosen ausheilen, dann kommt es zu sehr viel geringeren neurologischen Schäden und zu einer schnelleren Erholung sowie schnelleren Wiederherstellung der ursprünglichen Beweglichkeit.

Probiotika hemmen Entzündungen

Probiotika liefern eine grosse Zahl milchsäureproduzierender Bakterien, die im Darm eine bestimmte Immunzellengruppe aktivieren (die regulatorischen T-Zellen), die nun wiederum eine sehr gute entzündungshemmende Wirkung haben und auf diese Weise vor schweren Schäden durch eine Rückenmarksverletzung schützen können.

Ein weiterer in Frage kommender Wirkmechanismus der Probiotika ist, dass die probiotischen Bakterien die Regeneration des Rückenmarks fördern, indem sie Moleküle absondern, die das Nervenwachstum und die Nervenfunktionen verstärken und verbessern.

Ob es nun nur eine von beiden Wirkungen ist oder beide zusammen, die das Rückenmark schützen, ist unklar. Ganz offensichtlich ist in jedem Fall aber, dass Probiotika auf das Rückenmark eine Schutzfunktion ausüben, so Popovich.

Probiotika sollten immer Teil einer Therapie sein

Unsere Daten zeigen eine zuvor völlig unterschätzte Rolle der Darm-Immunsystem-ZNS-Achse im Hinblick auf die Regeneration nach Rückenmarksverletzungen",erklärt Popovich weiter.

Die vorgestellte Studie ist damit ein weiteres Beispiel dafür, dass die Gabe von Probiotika auch bei derart weit vom Darm entfernt scheinenden Problematiken die Therapie deutlich unterstützen und erfolgreicher machen kann.

Weitere Einsatzgebiete von Probiotika hatten wir schon hier vorgestellt:

Quellen

  • Kristina A. Kigerl, Jodie C.E. Hall, Lingling Wang, Xiaokui Mo, Zhongtang Yu, Phillip G. Popovich.Gut dysbiosis impairs recovery after spinal cord injury.The Journal of Experimental Medicine, 2016; jem.20151345, (Darmdysbiose beeinträchtigt Erholung nach Rückenmarksverletzung)
  • The Rockefeller University Press. "Gut bacteria can aid recovery from spinal cord injury, study suggests." ScienceDaily, 17. Oktober 2016, (Darmbakterien können bei der Regeneration von Rückenmarksverletzungen helfen, meint Studie)

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