Methylenblau bei Alzheimer und Demenz
Methylenblau, auch Methylthioniniumchlorid (MTC) genannt, ist ein synthetisch hergestellter blauer Farbstoff, der zugleich als Arzneistoff verwendet wird. Ein natürlicher Stoff oder ein klassisches naturheilkundliches Mittel ist Methylenblau somit nicht.
In der Medizin kommt MTC insbesondere zur Behandlung der Methämoglobinämie zum Einsatz (als Infusion), einer Störung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Diese kann z. B. nach einer Überdosis Paracetamol eintreten.
In der Alternativmedizin und in Bio-Hacking-Kreisen gilt Methylenblau (oral eingenommen) als starkes Antioxidans, das die Mitochondrien stabilisiert und dem Körper dadurch mehr Energie bereitstellt. Die Dosis beträgt dabei meist 5-20 mg pro Tag.
Auch gilt der Stoff als MAO-Hemmer mit antidepressiver Wirkung. MAO-Hemmer sind Monoaminooxidase-Hemmer. Sie hemmen den Abbau der Botenstoffe Dopamin und Serotonin, so dass deren Spiegel im Gehirn hoch bleibt.
Methylenblau wurde auch bei Demenz und Alzheimer untersucht. Im Mittelpunkt stehen dabei die Arbeiten von Alzheimer-Forscher und Psychiater Claude Wischik, Professor an der schottischen University of Aberdeen.
Methylenblau löst im Laborversuch Tau-Fibrillen auf
Claude Wischik gehört zu den Pionieren der Tau-Forschung bei Alzheimer. Bereits Ende der 1980er-Jahre untersuchte er die Ablagerungen (Tau-Fibrillen), die sich in den Nervenzellen von Alzheimer-Patienten bilden. Später – in den 1990er Jahren – untersuchte er die Wirkung von Methylenblau auf diese Ablagerungen.
1996 konnte Wischik mit seinem Team in einer Laborstudie zeigen, dass klassisches Methylenblau die Zusammenlagerung der Fibrillen hemmen kann. Außerdem beeinflusste es bereits vorhandene Tau-Fibrillen so, dass die Ablagerungen von Enzymen wieder aufgelöst werden konnten (1).
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Methylenblau wurde auch bei Alzheimer-Patienten untersucht
In einer späteren Studie, deren Ergebnisse 2015 veröffentlicht wurden, untersuchten Wischik und Kollegen Methylenblau bei 321 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Erkrankung. Sie erhielten 69, 138 oder 228 mg MTC pro Tag oder ein Placebo (2).
Im Vergleich zur oben genannten Dosis (5-10 mg) wurden hier also sehr hohe Dosierung eingesetzt. Dies liegt daran, dass Methylenblau als schlecht bioverfügbar gilt, also nur wenig über die Darmschleimhaut aufgenommen wird. Will man eine wirksame Dosis im Blut und Gehirn erreichen, muss man entsprechend viel einnehmen – so dachte man.
Kognitive Leistungsfähigkeit besserte sich deutlich
Nach 24 Wochen zeigten sich bei der Dosis von 138 mg pro Tag signifikante Vorteile: Bei Patienten mit mittelschwerer Alzheimer-Erkrankung schnitten die mit Methylenblau behandelten Teilnehmer in Tests zur Beurteilung der geistigen Leistungsfähigkeit besser ab.
Ihr Wert auf der ADAS-cog-Skala besserte sich um 5,42 Punkte, was ein klinisch bedeutsames Ergebnis ist. ADAS-cog ist die Abkürzung für Alzheimer's Disease Assessment Scale – cognitive subscale.
Die Skala reicht von 0-70 Punkten. 0 steht für gesunde Menschen, 70 für maximale kognitive Einschränkungen. Bei „normaler“ Altersvergesslichkeit können die Werte 7 erreichen. Menschen mit mittelschwerer Demenz liegen meist zwischen 25 und 45 Punkten.
Hirndurchblutung nahm weniger stark ab
Auch entdeckte man bei manchen Patienten mit nur leichtem Alzheimer, dass die Hirndurchblutung nicht so stark zurückging wie sonst.
Bei fortgesetzter Behandlung über 50 Wochen zeigte sich außerdem ein Vorteil bei der geistigen Leistungsfähigkeit sowohl bei leichter als auch bei mittelschwerer Erkrankung. Die Autoren bezeichneten damals 138 mg pro Tag als niedrigste sichere und wirksame Dosis.
Die höchste untersuchte Dosis von 228 mg pro Tag zeigte dagegen keine therapeutische Wirkung. Man vermutete, dass durch die übermäßig hohe Dosis die Aufnahme aus dem Darm auf irgendeine Weise gehemmt wird.
Verschiedene Nebenwirkungen traten auf
Allerdings kam es zu Nebenwirkungen in Form von Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall) – sowohl bei 138 mg als auch bei 228 mg.
Auch kam es zu Reizungen der Harnwege. Denn der Wirkstoff wird über die Nieren ausgeschieden, so dass es nicht nur zur tiefblauen Verfärbung des Urins kam, sondern oft auch zu Brennen beim Wasserlassen oder schmerzhaftem Harndrang (Dysurie).
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Die Weiterentwicklung von Methylenblau für den Einsatz bei Alzheimer
Nun musste eine Lösung her. Wie könnte man Methylenblau so verändern, dass die Bioverfügbarkeit verbessert wird (man also nicht so hohe Dosen braucht), die Wirkung bestehen bleibt und gleichzeitig die Nebenwirkungen reduziert werden?
Wischiks Team entwickelte daher eine neue Methylenblau-Form. Man nannte sie LMTX®. Dies ist der Markenname, während der Wirkstoff mit LMTM abgekürzt wurde (Leuko-Methylthioninium-bis(hydromethansulfonat). Es handelt sich um die bereits aktive Methylenblauform.
Nimmt man herkömmliches Methylenblau ein, muss dieses erst im Magen umgewandelt und aktiviert werden, was nur in kleinen Mengen gelingt.
Laborversuch: Aktiviertes Methylenblau zerstört Alzheimer-Ablagerungen
Im Jahr 2015 kam es zu ersten Laborversuchen mit dem aktivierten Methylenblau (LMTX®). Das Mittel wurde mit Tau-Fibrillen zusammengebracht, die aus dem Gehirngewebe von Alzheimer-Patienten isoliert worden waren.
Das Ergebnis war vielversprechend, denn LMTX® hemmte die Fibrillenbildung und konnte auch bestehende Tau-Fibrillen zerstören (3).
Klinische Studie: Kaum Wirkung, aber Nebenwirkungen
Parallel dazu wurden mehrere klinische Studien mit LMTM durchgeführt, z. B. eine Studie mit 891 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Erkrankung. Sie erhielten 150 mg oder 250 mg LMTM täglich (immer auf zwei Dosen pro Tag aufgeteilt) (4).
Die Kontrollgruppe erhielt 8 mg täglich. Dies deshalb, weil LMTM den Urin blau färbt. Hätte man der Kontrollgruppe einen völlig wirkstofffreien Placebo gegeben, hätten die Betroffenen und ihre Ärzte sofort gewusst, dass sie keinen Wirkstoff erhalten.
Es zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen hinsichtlich ihrer geistigen Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig traten nach wie vor Magen-Darm- und Harnwegs-Beschwerden als Nebenwirkungen auf, weshalb 10 % der Teilnehmer die Studie abbrachen.
Klinische Studie: Wirkung nur bei Patienten, die keine Medikamente nahmen
In einer weiteren klinischen Studie nahmen 800 Patienten mit leichter Alzheimer-Erkrankung entweder zweimal täglich je 100 mg oder zweimal täglich je 4 mg LMTM (5).
Auf den ersten Blick zeigte die hohe Dosis gegenüber der niedrigen Dosis auch hier keinen Vorteil. Dann aber entdeckte man, dass beide LMTM-Dosierungen nur bei jenen Patienten keine Wirkung zeigte, die zusätzlich herkömmliche Alzheimer-Medikamente einnahmen. Wer nur LMTM nahm, profitierte davon – auch in der niedrigen Dosierung.
Wirkt herkömmliches Methylenblau nun doch schon in kleinen Dosen?
2026 wurden die Ergebnisse einer weiteren Studie ausgewertet (6). Inzwischen hatte man den Wirkstoff LMTM in HMTM umbenannt (Hydromethylthionin-Mesylat).
An der Studie nahmen 598 Personen teil, bei denen Alzheimer-Ablagerungen im Gehirn nachgewiesen worden waren. Knapp die Hälfte hatte eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI), etwas mehr als die Hälfte hatte bereits eine leichte bis mittelschwere Alzheimer-Demenz.
Man teilte in drei Gruppen auf:
- 16 mg HMTM täglich
- 8 mg HMTM täglich
- 4 mg herkömmliches Methylenblau zweimal wöchentlich
Letzteres war eine Neuheit in dieser Studie. Die Kontrollgruppe erhielt also nicht wie bisher ebenfalls HMTM (nur eben niedrig dosiert), sondern das herkömmliche Methylenblau (MTC) – und zwar gerade so viel, wie es braucht, damit der Urin blau wird.
Die wöchentliche Gabe von insgesamt 8 mg entspricht täglich nur etwa 1,1 mg. MTC sollte damit als eigentlich inaktive bzw. wirkungslose Kontrollbehandlung dienen.
Die erste Phase dauerte 52 Wochen lang. Anschließend erhielten alle Teilnehmer bis Woche 104 täglich 16 mg HMTM. Man wollte herausfinden, ob ein früher Einnahmebeginn mit 16 mg HMTM gegenüber einem späteren Beginn Vorteile hatte.
Die geringe Methylenblau-Dosis zeigte Wirkung
Nach den ersten 52 Wochen machte man Tests zur kognitiven Leistung und schaute, ob sich die Fähigkeit, den Alltag zu meistern, verändert hatte. Man entdeckte Verbesserungen, aber keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Das bedeutet, alle drei Gruppen hatten sich ähnlich gut verbessert.
Nach Ansicht der Autoren lag dies daran, dass auch die in der Kontrollgruppe eingesetzte geringe Methylenblau-Dosis eine symptomatische Wirkung hatte. Das bedeutet, das normale Methylenblau schien in der geringen Dosis die geistige Leistungsfähigkeit zu verbessern bzw. ein Fortschreiten der Symptome zu bremsen.
Erst nach längerer Studiendauer wirkte das aktivierte Methylenblau besser
Nach weiteren Wochen zeigten sich jedoch Unterschiede: Wer von Anfang an 16 mg HMTM erhalten hatte, schnitt hinsichtlich des kognitiven Abbaus nach 78 Wochen und nach 104 Wochen signifikant besser ab als Teilnehmer, die erst später mit 16 mg HMTM begonnen hatten.
Auch Biomarker (pTau217) und MRT-Befunde des Gehirns zeigten, dass 16 mg HMTM das Fortschreiten der Neurodegeneration bremsen konnte. Bei normalem Methylenblau waren bei diesen Befunden keine Besserungen zu sehen.
Nebenwirkungen (Kopfschmerzen, Durchfall) gab es unter HMTM nur bei sehr wenigen Teilnehmern (1-3 %).
Wirkstoff-Konzentration im Blut steigt auch bei Methylenblau
Eine Blutuntersuchung der Patienten bestätigte, dass die geringe Methylenblau-Dosis für eine Wirkung keinesfalls zu gering war (7).
Zwar ist die HMT-Konzentration im Blut nach der Einnahme von 16 mg des aktiven Methylenblaus (HMTM) natürlich höher. Dennoch war die HMT-Konzentration beim herkömmlichen Methylenblau nach 12 Monaten sogar fünfmal höher als die Wissenschaftler erwartet hatten.
Diese waren ja davon ausgegangen, dass sich bei insgesamt nur 8 mg Methylenblau pro Woche praktisch kein HMT ansammeln würde.
Warum konnte Methylenblau die Symptome verbessern?
Methylenblau erhöht die Energieversorgung in den Zellen und kann die Nerven vor oxidativem Stress schützen. Schon allein diese Eigenschaften sind auch für das Gehirn hilfreich. Als MAO-Hemmer kann es außerdem den Dopamin- und Serotoninspiegel günstig beeinflussen – auch das wirkt auf Gehirn und Psyche positiv.
Methylenblau wird im Körper zudem in HMT umgewandelt. HMT wiederum kann die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen über den Botenstoff Acetylcholin verbessern. Acetylcholin ist insbesondere für das Lernen und ein gutes Gedächtnis wichtig.
Auf diese Weise könnte Methylenblau Alzheimer-Symptome auch dann positiv beeinflussen, wenn konkret (im MRT) sichtbare Auswirkungen auf die Ablagerungen im Gehirn oder die Hirnatrophie ausbleiben. Für letzteres braucht es tatsächlich höhere Dosen, für die symptomatische Wirkung genügt offenbar aber die geringe Dosis.
In unserem Artikel Methylenblau – Anwendung und Studien finden Sie weitere Informationen, u. a. zur Dosierung und Einnahme.
Zulassung für Medikament aus Methylenblau ist beantragt
Für HMTM wurde inzwischen ein Zulassungsantrag bei der britischen Zulassungsbehörde eingereicht. Noch im Laufe dieses Jahres (2026) könnte das Mittel die offizielle Marktzulassung erhalten und wäre damit das weltweit erste zugelassene orale Medikament zur Hemmung der Alzheimer-Ablagerungen im Gehirn.
Fazit: Methylenblau könnte auch in geringen Dosen Wirkung zeigen
Die Wissenschaftler rund um Alzheimer-Forscher Wischik hatten zwar angenommen, dass die Dosis von 8 mg Methylenblau pro Woche viel zu wenig sei, um eine Wirkung zu entfalten. Das Gegenteil war der Fall. Es zeigten sich konkrete Besserungen der Symptome.
Aus unserer Sicht könnte man aufgrund der oben beschriebenen Datenlage daher auch Methylenblau in den üblichen Dosierungen tatsächlich ausprobieren, um das Gehirn zu unterstützen.
Setzen Sie jedoch nicht allein auf 1 Mittel. Zur Therapie oder Vorbeugung von Alzheimer braucht es deutlich mehr Maßnahmen. Lesen Sie mehr dazu im Artikel Nahrungsergänzungen für Ihr Gehirn.
Geben Sie gerne auch einfach „Alzheimer“ oder „Demenz“ in unsere Suche. Sie finden dann sehr viele Tipps zur Vorbeugung und Therapie.